• Livio Dörig

Zwischen "pura vida" und "jogo bonito": Ein Blick auf die bunte Laufbahn von ex-GC-Freigeist Caio

Caio César Alves dos Santos – oder kurz einfach Caio – stand in seiner Laufbahn als aktiver Fussballer schon bei etlichen Vereinen unter Vertrag. Seine beste Zeit hatte der Brasilianer jedoch zweifelsohne bei den Grasshoppers. Wir wagen einen genaueren Blick auf die aufregende Karriere des ehemaligen GC-Publikumslieblings.


Caio wurde 1986 in einer kleinen Gemeinde im brasilianischen Bundesstaat São Paulo geboren. Bereits in jungen Jahren schliesst er sich der Jugendabteilung von Grêmio Barueri an. An der Schwelle zum Profifussball wurde der äusserst talentierte Caio 2003 an Guarani FC verliehen. Mit SC Internacional und Palmeiras São Paulo folgten zwei weitere Leih-Stationen in der höchsten brasilianischen Spielklasse. Bei Palmeiras São Paulo gelang Caio in der Saison 2006/2007 der definitive Durchbruch: Als offensiver Mittelfeldspieler konnte er in dieser Spielzeit in 28 Partien neun Tore und vier Assist verbuchen. Der mit 1.86 m durchaus kräftige Caio überzeugte schon damals mit einem starken Abschluss, viel Durchsetzungsvermögen und einer feinen Technik. Durch seine Statur hatte er im Vergleich zu vielen weiteren begabten aber meist schmächtigen Offensivspielern aus Brasilien ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Seine starken Leistungen blieben auch in Europa nicht verborgen und so verpflichtete Eintracht Frankfurt den damals 21-Jährigen für eine vereinsinterne Rekordablösesumme von knapp vier Millionen Euro. Der Verein aus der Metropole am Main war zur damaligen Zeit die «graue Maus» in der Bundesliga und hatte in den vergangenen Jahren drei Abstiege verkraften müssen. Entsprechend waren die Erwartungen an Caio in Frankfurt riesig. Der umjubelte Neuzugang wurde vom Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen sogar als «Wunschspieler» bezeichnet.


Seine erste Halbserie bei der SGE war jedoch – wie bei vielen Spielern aus Südamerika typisch – geprägt von der Akklimatisation an die europäischen Begebenheiten. Immerhin kam er zu einigen Jokereinsätzen und erzielte im März 2008 gegen Energie Cottbus sein erstes Tor in der Bundesliga. Aber anstatt in der folgenden Sommervorbereitung weiter für sich zu werben, fiel Caio mit hohem Gewicht und einem besorgniserregenden Fitnesszustand negativ auf. Bei aller fussballerischen Brillanz: Dass der Brasilianer nicht der Fleissigste war, ist ein offenes Geheimnis. Demzufolge verwundert es auch nicht, dass seine erste volle Spielzeit mit der Eintracht auch als Enttäuschung abgestempelt wurde. Erst am 34. und somit letzten Spieltag der Saison 2008/2009 machte Caio sein erstes Spiel über die volle Distanz. Der Offensivkünstler passte nicht so recht in die defensive Spielphilosophie von Trainer Friedhelm Funkel.

Obwohl im Sommer 2009 mit Michael Skibbe ein neuer Mann das Ruder in Frankfurt übernahm, blieb Caio der endgültige Durchbruch weiterhin verwehrt. Ohne jemals auf ganzer Linie und über einen längeren Zeitraum überzeugen zu können, erfüllte der Rechtsfuss seinen Vertrag bei der Eintracht. In wettbewerbsübergreifenden 95 Spielen mit dem Adler auf der Brust, gelangen Caio 11 Tore und 3 Vorlagen. In Anbetracht der vielen Vorschusslorbeeren eine ernüchternde Bilanz. Trotz aller negativen Rahmenbedingungen war der offensive Freigeist innerhalb der Mannschaft und vor allem auch bei den SGE-Fans sehr beliebt. Denn eines wussten diese mit Sicherheit: Caio war mit seiner fussballerischen Klasse jederzeit im Stande, etwas Besonders auf den Rasen zu zaubern.


Nachdem im Winter 2011 ein Transfer zu FK Dynamo Moskau nur wegen einer Knorpelproblematik im letzten Moment scheiterte, schloss er sich im darauffolgenden Sommer ablösefrei EC Bahia in seiner Heimat an. Nach nur wenigen Spielen wechselte Caio zu Atlético Goianiense, einem brasilianischen Zweitligisten. Im Juli 2013 folgte dann die Rückkehr nach Europa und gleichzeitig die Wiedervereinigung mit Michael Skibbe. Trotz einigen Fragezeichen hinter seiner körperlichen Verfassung, verpflichteten die Grasshoppers Caio für eine kolportierte Ablösesumme von rund 200'000 Franken.

© Christian Pfander/freshfocus via gcz.ch

Mit dem Transfer in die Schweiz begann die erfolgreichste Zeit in der Laufbahn des Brasilianers und eine Phase, von der noch heute alle GC-Anhänger ins Schwärmen kommen. Mit einer eindrucksvollen Bilanz von 13 Toren und 7 Vorlagen in seiner ersten Saison, war er DER Schlüsselspieler beim Erreichen der zweiten Vizemeisterschaft nacheinander. Die Spielzeit 2014/2015 schlossen die Zürcher dann aber auf dem enttäuschenden 8. Schlussrang ab. Trotzdem verbuchte Caio – meist von der linken offensiven Aussenbahn kommend – starke 13 Scorerpunkte. Auch der Wechsel auf dem Trainerposten von Pierluigi Tami zu Carlos Bernegger und die bekannten Querelen innerhalb des Vereins hielten den Brasilianer in seinen letzten beiden Spielzeiten nicht davon ab, sensationelle Leistungen zu zeigen. Über die Jahre bildete Caio zusammen mit Shkelzen Gashi, Munas Dabbur, Yoric Ravet oder Shani Tarashaj für die Super League verheerende Sturmreihen, die die GC-Fans zum Träumen anregten und die Gegner in Angst und Schrecken versetzten.

Als hätte er es vorausgesehen, dass es mit dem einst so grossen Schweizer Rekordmeister immer weiter Richtung bergab geht, äusserte er im Sommer 2017 den Wunsch, nochmals eine neue Herausforderung anzugehen. Schweren Herzens löste GC den Vertrag des damals 31-Jährigen auf und liess ihn zu Maccabi Haifa ziehen. Seine Schlussbilanz aus vier Jahren im blau-weissen Dress liest sich schlicht beeindruckend:

Wettbewerbsübergreifend verbuchte Caio 145 Partien, 54 Tore und 22 Assists. Während seiner Zeit bei GC wurde der Edeltechniker weitestgehend von Verletzungen verschont und wurde so mit all seiner brasilianischen Fussballkunst zu einem Star der Super League. Unter den GC-Fans wurde der stets fröhliche und lebensfrohe Caio zum unangefochtenen Publikumsliebling. Nach seinem Abgang weinten nicht nur die GC-Fans dem Brasilianer nach. Jeder Schweizer Liebhaber des «jogo bonito» dürfte – zumindest insgeheim – die rechte «Klebe», die technische Klasse, die vielen wunderschön verwandelten Freistösse und schlicht das Spektakel, welches der Brasilianer in den Stadien des Landes veranstaltet hatte, vermissen.


In Israel spielte Caio nur eine Saison für Maccabi Haifa, ehe er in die Hauptstadt zu Hapoel Tel Aviv ausgeliehen wurde. Doch so richtig glücklich wurde er im Gelobten Land nicht und folglich kehrte er 2019 zum Karriereausklang in die südamerikanische Heimat zurück. Dort kickt Caio César Alves dos Santos noch immer – wenn mittlerweile auch mehr oder weniger auf Amateurniveau. Bei Desportivo Brasil kann Caio nun auf eine bunte, aufregende und abenteuerliche Laufbahn zurückblicken. Ach, was hätte aus ihm nicht alles werden können, wenn sein Spagat zwischen «pura vida» und «jogo bonito» besser gelungen wäre…



Best of Caio bei GC: https://www.youtube.com/watch?v=Z-y--mfR-tQ


Ein Interview in der Aargauer Zeitung mit Caio: https://www.aargauerzeitung.ch/sport/gc-star-caio-packt-aus-ich-wurde-nicht-zu-basel-wechseln-ld.1579848


Sport1 Porträtartikel von Caio: https://www.sport1.de/fussball/bundesliga/2020/07/eintracht-frankfurt-caio-die-teuerste-schnapsidee-der-sge


Caios Instagram-Profil: https://www.instagram.com/caiobill/