• Livio Dörig

Winter-Transferperiode: Transferscouting FC St. Gallen

Aktualisiert: 31. Dez. 2021

Der Ball ruht momentan in der Super League und trotzdem stecken die Verantwortlichen schon voll in den Planungen für die Rückrunde. Das Wintertransferfenster ist vom 1. Januar bis zum 15. Februar 2022 geöffnet. Der ein oder andere Schweizer Klub hat personelle Verstärkung nötig, dazu zählt auch der FC St. Gallen. Auf welchen Positionen muss aufgerüstet werden – und welche Spieler kommen als Neuverpflichtungen in Frage?


Die wirtschaftliche Lage der Ostschweizer hat sich – trotz Pandemie – nach der Übernahme von Präsident Matthias Hüppi und Sportchef Alain Sutter durch überlegtes Handeln zwar stabilisiert, doch wie gewohnt können sich die St. Galler keine teuren Ablösesummen und Gehälter leisten. Des Weiteren werden in dieser Transferperiode wohl keine gewichtigen Abgänge vonstattengehen und so auch kein zusätzliches Kapital in die Kassen gespült. Nach einer ergebnistechnisch enttäuschenden Hinrunde mit schwachen 16 Punkten und einem Torverhältnis von -17 sind aber Neuverpflichtungen von Nöten. Immerhin hat man im Schweizer Cup auch diese Saison berechtigte Titelhoffnungen und der Abstiegskampf ist in bedrohlicher Nähe. Auch Peter Zeidler bestätigte, dass man auf dem Transfermarkt sicherlich etwas unternehmen werde.


Das St. Galler Kader ist jung und talentiert, doch die fehlende Routine und Qualität ist in gewissen Mannschaftsteilen nicht von der Hand zu weisen. Auf fast allen Positionen wäre eine zusätzliche Prise Erfahrung und Cleverness Gold wert. Sutter muss also wie in der Vergangenheit mit wenig finanziellen Mitteln kreative und kostengünstige Lösungen suchen. Leihdeals oder vertragslose Akteure bieten sich dabei natürlich an. Aufgrund des schweren Knieschadens von Sechser Ousmane Diakité wird im Mittelfeld ein Neuzugang gesucht. Auch die Defensive könnte neu besetzt werden, auf den Aussenverteidigerpositionen kehren die verletzten Lüchinger, Kempter und Kräuchi im Verlaufe der Rückrunde aber wieder auf den Rasen zurück, wodurch sich zumindest dort die Situation entspannen sollte. Das Sturmzentrum – seit den Abgäben von Demirovic und Itten das Sorgenkind schlechthin – steht ebenfalls im Fokus. Viel Arbeit wartet also auf den Sportchef, wir wollen ihm mit einer Transferkandidatenliste unter die Arme greifen:


Defensive


Gia Grigalava (32), vertragslos

Der 34-malige georgische Nationalspieler verbrachte seine Karriere fast ausschliesslich in Russland. Nur eine Saison absolvierte er zwischendurch in Zypern. Grigalava ist seit letztem Sommer ohne Verein, mit 32 Jahren aber sicher immer noch leistungsfähig. Der 1,90 m-Hüne würde nicht nur die Erfahrung von rund 182 Erstligapartien in Russland, sondern auch die nötige Körperlichkeit und Kopfballstärke nach St. Gallen bringen. Diese Komponente geht den Espen in der Defensive vielfach etwas ab. Grigalava ist resolut im Zweikampf, eine respekteinflössende Erscheinung und obendrauf noch Linksfuss. Als linker Innenverteidiger neben Stergiou würde der Georgier als Routinier perfekt in die Abwehrreihe des FCSG passen. Auch bei defensiven und offensiven Standards würde der Mann mit sieben Europa League-Einsätzen auf seinem Konto eine dringend benötigte Verstärkung darstellen. Das einzige Fragezeichen: Die Fitness – und die Lohnvorstellungen.




Nicolas Bürgy (26), YB

Das YB-Eigengewächs wurde in seiner Laufbahn schon an Wohlen, Thun, Aarau und jüngst an den SC Paderborn verliehen. Seit Juni 2021 gehört er wieder zum Kader der Berner und ist in der Hinrunde aufgrund von Verletzungssorgen einige Male zum Handkuss gekommen. Gegen Villarreal und Atalanta absolvierte er gar zwei Champions-League-Partien über die volle Distanz und schlug sich wacker. Dazu kamen noch vereinzelte Auftritte in der Liga und im Cup für den Schweizer Meister. Die Young Boys spielen ab dem Frühjahr allerdings nur noch in einem Wettbewerb und mit den wiedergenesenen Lustenberger, Camara und Zesiger sowie Allrounder Lauper im Kader, haben sie in der Innenverteidigung ein Überangebot. Dazu hat Toptalent Aurèle Amenda vor kurzem seinen ersten Profivertrag unterschrieben und soll ebenfalls in die 1. Mannschaft integriert werden. Unter diesen Voraussetzungen wird Bürgy nicht mehr viel Einsatzzeit erhalten und eine erneute Leihe oder gar ein definitiver Abschied würde für alle Beteiligten Sinn ergeben. Der 1,85-Mann wäre mit seinen 26 Jahren ein solider Wert in der Abwehr der St. Galler, der wohl sofort und ohne Eingewöhnungsphase funktionieren würde. Bürgy könnte sich in der Ostschweiz langfristig eine wichtige Rolle erarbeiten.




Nias Hefti (22), FC Thun

Der Name Hefti ist allen in St. Gallen wohlbekannt. Nias Hefti durchlief – genau wie sein älterer Bruder Silvan – die Nachwuchsabteilung der Ostschweizer. Allerdings schaffte er den Durchbruch in der ersten Mannschaft nicht und so landete er über den FC Wil schliesslich in Thun. In den beiden vergangenen Spielzeiten war der schnelle Aussenverteidiger dort unbestrittener Stammspieler in der Super League und in der Challenge League. Er überzeugte auf der linken defensiven Aussenbahn als giftiger Spieler mit viel Energie und Drive nach vorne. Eigentlich schien es so, als würde seine Entwicklung nur eine Richtung kennen. Doch in dieser Saison wurde der gebürtige Rorschacher mit nur 404 Ligaminuten plötzlich zum Ergänzungsspieler degradiert. Sportchef Alain Sutter hat schon häufig gezeigt, dass er gerne Talente verpflichtet, die einen Knick in ihrer Laufbahn erfahren haben. Hefti passt perfekt in dieses Schema, kennt den Verein in- und auswendig, dürfte nicht allzu viel kosten und könnte sich auf lange Sicht zum neuen Stammlinksverteidiger der Espen entwickeln. Aus Fachkreisen war lange Zeit zu gar hören, dass Nias das höhere Potential als YB-Abwehrmann Silvan habe. Der ehemalige U21-Nationalspieler kann auch eine Station weiter vorne eingesetzt werden und ihm wäre eine Entwicklung à la Miro Muheim definitiv zuzutrauen.




Salem M'Bakata (23), vertragslos

Eine spannende Verpflichtung für die rechte Defensivseite wäre Salem M'Bakata. Der französisch-kongolesische Doppelbürger kam im Sommer 2018 aus der zweiten Mannschaft von Sochaux zu seinem Profidebüt beim französischen Zweitligisten. Seither absolvierte er für den ehemaligen "Werksklub" von Peugeot wettbewerbsübergreifend 67 Einsätze. Letzten Sommer wurde sein Vertrag allerdings nicht verlängert und M'Bakata steht seither ohne Klub da. Der 1,77 m grosse Rechtsverteidiger könnte dem FCSG mit seinem überdurchschnittlichen Tempo, guter Athletik und starker Ausdauer weiterhelfen und den Konkurrenzkampf weiter forcieren. Peter Zeidler spricht zudem perfekt Französisch, was die Kommunikation und die Eingewöhnung für M'Bakata auch deutlich einfacher gestalten würde. Des Weiteren dürfte der deutsche Übungsleiter M'Bakata noch aus der Zeit kennen, als er beim FC Sochaux an der Seitenlinie stand. Kurz nach seinem Abgang schaffte der Rechtsfuss den Durchbruch in Frankreich. Neben dem finanziellen Aspekt bringt M'Bakata auch einen weiteren Pluspunkt mit, nämlich dass er kaum verletzungsanfällig ist und bis dato nie längere Zeit passen musste.




Mittelfeld


Charles Kaboré (33), vertragslos

Der Mann aus Burkina-Faso dürfte einigen Fachkennern ein Begriff sein, bestritt er doch über 450 Partien auf Profilevel, dazu 100 Spiele für sein Nationalteam. Darüber hinaus darf er sich französischer Meister nennen. In den letzten Jahren war Kaboré in Russland aktiv, zuletzt bei Dynamo Moskau, wo sein Vertrag allerdings nicht verlängert wurde. Er wäre ein routinierter Akteur, der den St. Gallern zumindest kurzfristig einen Mehrwert geben und im Mittelfeld das Zepter übernehmen könnte. Entscheidend ist dabei natürlich immer, ob diese Art von Spieler – erfahren, gesättigt, vertragslos – nochmals mit Haut und Haaren für ein neues Kapitel bereit ist. Bei Kaboré wären alle Voraussetzungen gegeben, denn der 33-Jährige ist ein Laufwunder, stopft defensiv viele Löcher und hat als Sechser gute strategische Fähigkeiten. Zudem spricht auch er Französisch, was auf und neben dem Platz Gold wert sein könnte. Dem FCSG würde ein routinierter Kicker seines Renommees definitiv gut zu Gesicht stehen, um die Abstiegsgefahr zu bannen.




Marvin Spielmann (25), YB

Spielmann war vor rund vier Jahren beim FC Thun mal mehr oder weniger das heisseste Eisen der gesamten Liga und auf dem Sprung zum A-Nationalspieler. Nachdem ihm zwei Saisons hintereinander über 15 Scorerpunkte gelangen, erfolgte der logische Wechsel zum «grossen Bruder» in die Bundeshauptstadt. Dort ist der gebürtige Oltener jedoch nie richtig in Fahrt gekommen, was angesichts seines grossen Talents fast schon tragisch ist. In dieser Saison setzt Trainer David Wagner überhaupt nicht auf Spielmann, der die meiste Zeit nicht mal im Kader von YB stand. Sein Vertrag läuft zwar noch bis im Sommer 2023, allerdings soll sich YB von ihm trennen wollen. Mehrere Schweizer Klubs sind nach unseren Informationen an ihm dran und gerade der FCSG könnte ihn sehr gut gebrauchen. In St. Gallens System gibt es zwar keine klassischen Flügel, doch Spielmanns energetische, dynamische Spielweise könnte mit Zeidlers Ideen dennoch gut zusammenpassen. Nach Balleroberung hätte man mit ihm nämlich einen pfeilschnellen, dribbelstarken Mann, der den direkten Weg zum Tor sucht und grosse Qualitäten m Eins gegen Eins besitzt. Mit genügend Selbstvertrauen ist Spielmann zweifelsohne ein überdurchschnittlicher Fussballer in unserer Liga, auch weil er über eine starke Schusstechnik verfügt und jederzeit für Überraschungsmomente gut ist. Bleibt er von Verletzungen verschont, könnte er im familiären St. Galler Umfeld sein grosses Potential endlich wieder abrufen.




Nico Maier (21), YB

Der YB-Youngster überragt seit Jahren in sämtlichen Nachwuchsteams des Schweizer Meisters. Zwar konnte er mittlerweile einzelne Teileinsätze im Fanionenteam (darunter ein dreiminütiger Auftritt im Old Trafford) absolvieren, der Konkurrenz scheint im üppig besetzten Berner Kader allerdings einfach zu gross zu sein. Maier kann im offensiven Mittelfeld sowohl im Zentrum als auch auf den Seiten aufgestellt werden. Auch die Rolle als Halbstürmer könnte der flexibel einsetzbare Youngster problemlos erfüllen. In dieser Saison verzeichnete er in der Promotion League in 12 Partien fabelhafte 12 Treffer und unterstreicht damit, dass er definitiv für höhere Aufgaben bestimmt ist. Bei einem Leihgeschäft würde Maier seine Qualitäten in Grün-Weiss auf höchstem Niveau unter Beweis stellen, dem FCSG kurzfristig helfen und YB erhielte einen geschliffenen Rohdiamanten zurück. Auf dem Papier eine absolute Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Unter Peter Zeidler könnte der agile Maier in den Halbräumen oder als Zehner hinter den Spitzen agieren und seine Stärken wie Ball- und Passsicherheit oder der eigene Abschluss bestens auf den Rasen bringen.




Sturm


Nishan Burkart (21), SC Freiburg

Der junge Schweizer Stürmer gehört seit Sommer 2021 zum Profikader der Breisgauer. Nachdem er die zweite Mannschaft in der letzten Saison mit starken 16 Toren zum sensationellen Aufstieg in die 3. Liga geschossen hat, stockt seine weitere Entwicklung in dieser Spielzeit etwas. Er ist auch aufgrund der grossen Konkurrenz im Freiburger Sturm noch keine Minute bei den Profis auf dem Platz gestanden und auch in der Zweitvertretung läuft es nicht rund, bislang steht er erst bei einem Tor. Eine Leihe könnte Burkart zur dringend benötigten Spielpraxis auf hohem Level verhelfen. Der gebürtige Aarauer hat einen spannenden Ausbildungsweg vorzuweisen. Angefangen in der Jugend beim FCZ, wechselte er mit 16 Jahren in den Nachwuchs von Manchester United. Auf der Insel lief es Burkart gut, doch der Durchbruch in die erste Mannschaft der Red Devils zeichnete sich als fast unmöglich ab. So entschloss er sich 2019 zum Wechsel nach Freiburg, der sich als sinnvoller Schritt herausstellen sollte. Burkart ist auf der Neunerposition beheimatet, kann aber auch auf den Flügeln agieren. Dabei bringt der 1,75m-Mann hohes Tempo und viel Dynamik auf den Rasen. Ähnlich wie 2020 Junior Adamu von RB Salzburg, wäre Burkart das nächste erfolgsversprechende Leihgeschäft für den FCSG. Gleich wie mit den Österreichern pflegen die St. Galler auch mit den Freiburgern ein gutes Verhältnis. Im Doppelsturm der Espen könnte Burkart mit seinem Zug zum Tor und Qualitäten im Dribbling für reichlich Wirbel sorgen und die Offensive neu beleben.


Mehr zu Burkart: https://www.bolzplazz.com/post/swiss-talent-watch-nishan-burkart-das-manu-juwel-im-breisgau


Orhan Ademi (30), MSV Duisburg

Ademi ist gebürtiger St. Galler, kam aber in seiner Karriere bislang nie für die Espen zum Einsatz und wählte einen etwas anderen Weg. Er spielte stets in Österreich und in Deutschland. Momentan verdient er sein Geld beim MSV Duisburg in der 3. Liga. Eigentlich zählten die traditionsreichen "Zebras" zu den Favoriten auf den Aufstieg, doch sie befinden sich stattdessen auf einem direkten Abstiegsplatz. Gleichwohl konnte Ademi überzeugen und steht bereits bei 10 Saisontreffern. Angesichts dieser schlechten Tabellenlage sieht die sportliche Perspektive alles andere als rosig aus und so wäre ein Wechsel in die Heimat mit seinen 30 Jahren nicht verkehrt. Der schweizerisch-nordmazedonische Doppelbürger hat eine sehr physisch geprägte Spielart, weiss wo das Tor steht und ist dank seinen 1,89m äusserst kopfballstark. Seit dem Abgang von Cedric Itten fehlt ein solcher Spielertyp in den Reihen der Espen gänzlich und dies macht sich je länger je mehr negativ bemerkbar. Ademi brächte gar die Erfahrung von 25 Bundesliga-Partien mit in den Kybunpark und dürfte finanziell im machbaren Rahmen liegen. Seine Heimkehr wäre nicht nur eine tolle Geschichte, sondern sie verspricht auch ein gewisses Mass an Identifikation und vor allem dringend benötigte Treffer.




Christopher Lungoyi (21), FC Lugano

Der in der demokratischen Republik Kongo geborene Lungoyi gehört seit letztem Winter Juventus, ist aber weiterhin als Leihspieler beim FC Lugano aktiv. Der pfeilschnelle Angreifer entstammt der Servette-Akademie und gilt als grosses Versprechen, nach einem verfrühten Wechsel zum FC Porto hat er im Tessin den Sprung in den Profifussball geschafft. Für die Bianconeri hat Lungoyi immer wieder brillante Momente, jedoch bringt er sein zweifellos vorhandenes Talent nicht immer konstant auf den Rasen und ist darum meist nur Rotationsspieler. Zuletzt gab es ein ziemlich stichhaltiges Gerücht, wonach sich der Offensivmann dem FC St. Gallen anschliessen könnte. Der Schweizer U21-Internationale kommt als hängende Spitze oder auf den Flügeln zum Einsatz. Dort kann er seine Qualitäten am besten ausspielen. Dazu zählen ein enorm schneller Antritt, famose Dribblings und eine ansteckende Spielfreude. Lungoyi ist ein Spektakelspieler, der das gewisse Etwas bzw. den berühmten Überraschungsmoment in die Offensive der Espen bringen kann. Allerdings gab es in der Vergangenheit auch immer wieder Fragezeichen hinter seiner Einstellung. Es ist Peter Zeidler jedoch ohne Zweifel zuzutrauen, dass er den extravaganten Linksfuss in die richtigen Bahnen lenkt. Dann könnten sich die St. Galler Anhänger auf einen begeisternden Fussballer freuen.


Mehr zu Lungoyi: https://www.bolzplazz.com/post/christopher-lungoyi-vom-ausnahmetalent-zum-sorgenkind



Weitere Kandidaten:


- Gaetano Berardi (33), Innenverteidigung – vertragslos

- Joël Schmied (23), Innenverteidigung – FC Sion

- Idriz Voca (24), Zentrales Mittelfeld – vertragslos

- Hekuran Kryeziu (28), Defensives Mittelfeld – vertragslos

- Davide Mariani (30), Offensives Mittelfeld – vertragslos

- Ivan Prtajin (25), Mittelstürmer – FC Schaffhausen

- Louis Mafouta (27), Mittelstürmer – Neuchâtel Xamax