• Livio Dörig

Wie Manuel Akanji beim BVB wieder aufgeblüht ist

Seit Januar 2018 trägt Manuel Akanji (26) mittlerweile das BVB-Emblem auf der Brust. Seine bisherige Zeit bei den Westfalen war nicht immer nur von Glanzleistungen geprägt, doch seit ein paar Monaten hat sich der Innenverteidiger nicht nur stabilisiert, sondern auch enorm gesteigert. Bolzplazz zeigt auf, wie Akanji in Dortmund wieder aufgeblüht ist.


Manuel Akanji ist der zweitteuerste Abgang in der Geschichte der Super League. Gut 20 Millionen Euro liess sich der BVB die Dienste des Abwehrspielers kosten, womit beim FC Basel so richtig die Kassen klingelten. Nach seinem Wechsel in die Bundesliga benötigte er erstaunlicherweise kaum Anlaufzeit. Auf Anhieb wurde auf Akanji gesetzt, 11 Bundesligaspiele bestritt er in der Rückrunde 2017/18, drei sogar auf der ungewohnten Position des Linksverteidigers. Zu seinem Pech stiess er in einer chaotischen Zeit in den Ruhrpott, Übungsleiter Bosz wurde durch Stöger ersetzt und der BVB beendete die Saison auf einem insgesamt unbefriedigenden 4. Schlussrang. Allen Widrigkeiten zum Trotz lebte sich der Nationalspieler aber sehr schnell und sehr gut ein.


Im Sommer 2018 übernahm mit Lucien Favre ein Schweizer den BVB. Von Anfang an war deutlich, dass der Fussballlehrer aus der Romandie sehr viel von Akanji hält. Als rechter Innenverteidiger in der Viererkette, bildete er meist an der Seite von Abdou Diallo ein äusserst modernes, junges und dynamisches Abwehrduo. Die Hinrunde der Saison 2018/2019 war mit Abstand die beste Halbserie in der Ära Favre. Erst am 16. Spieltag setzte es damals die erste Niederlage ab – auswärts gegen Fortuna Düsseldorf. Akanji hatte massgeblichen Anteil am Erfolg der Westfalen und viele lobten Sportdirektor Michael Zorc über den Klee für die Verpflichtung des talentierten Schweizers. Der ehemalige Basler brachte seine Leistungen sehr beständig auf den Platz und konnte auch die Fans schnell von sich überzeugen. Im Frühjahr 2019 musste Akanji wegen Verletzungen einige Spiele pausieren. Danach war er aber sofort wieder gesetzt und erreichte mit dem BVB mit starken 76 Punkten immerhin die Vizemeisterschaft hinter den Bayern.


Instabile Phase


In der darauffolgenden Saison, der Spielzeit 2019/20, wurde Akanji mit der Rückholaktion von Mats Hummels ein neuer Abwehrchef an die Seite gestellt. Im Zusammenspiel mit dem Deutschen veränderte sich auch die Interpretation seiner Rolle und seine Aufgaben. Im Vergleich zu Hummels ist Akanji der weitaus agilere und dynamischere Innenverteidiger, der darüber hinaus mit einer besseren Grundgeschwindigkeit ausgestattet ist – der Kopf der BVB-Defensive war fortan aber Hummels. Obwohl Akanji in gewissen Punkten sicherlich vom grossen Erfahrungsschatz des Weltmeisters von 2014 profitieren konnte, wurden seine Leistungen in der Saison 2019/2020 inkonstanter. Vor allem sah man ihm oft an, dass sich im Fussball vieles im Kopf und nicht unbedingt in den Füssen abspielt. Zwar hatte Lucien Favre nach wie vor vollstes Vertrauen in Akanji, doch viele BVB-Anhänger wünschten sich die ein oder andere Schaffenspause für ihn. Machte er nämlich im Laufe der Partie einen Fehler, wirkte er danach richtiggehend verunsichert. Obwohl sein Selbstvertrauen sichtlich litt, änderte sich an seiner Funktion als unangefochtener Stammspieler nichts.


Bis zu seinem Aus im Dezember letzten Jahres, setzte Favre weiterhin voll und ganz auf Akanji, konnte ihm aber trotzdem nicht die nötige Konstanz einpflanzen. Die Hinrunde 2020/2021 war für den Innenverteidiger eine Achterbahnfahrt. Gute Auftritte wechselten sich mit unterirdischen Leistungen ab. Akanji war zum damaligen Zeitpunkt zwar unbestritten ein gestandener Spieler und auch international mit reichlich Erfahrung ausgestattet, liess eine dafür angemessene Ausstrahlung auf dem Rasen aber vermissen. Von aussen betrachtet wirkte er mental nie ganz frei und stabil – was dazu führte, dass er seine zweifellos herausragenden Fähigkeiten nie ganz auszuschöpfen wusste. Auch in der Dortmunder Fanbase hatte der Wind zu diesem Zeitpunkt längst gekehrt und Akanji wurde vielerorts als Achillesverse der eigenen Defensive ausgemacht.



Starke Leistungen im Nationaldress


Nichtsdestotrotz war Akanji – auch wenn er im Klub alles andere als in Höchstform war – in der Nationalmannschaft stets eine Bank. 2017 gab er in der WM-Qualifikation gegen die Färöer sein Nati-Debüt. Mittlerweile steht er bei 37 Länderspielen. Ob in der unter Petkovic häufig praktizierten Dreier- bzw. Fünferkette, oder in der klassischen Vier-Mann-Verteidigung, die unter Yakin ihre Renaissance zu erleben scheint: Der ehemalige Winterthur-Junior spielt stets einen äusserst überzeugenden, dominanten Part in der Schweizer Defensive. Zusammen mit dem Gladbacher Nico Elvedi organisiert er die Abwehr und war dank Zweikampfstärke, gutem Positionsspiel und toller Spieleröffnung einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass die Schweiz an der vergangenen Europameisterschaft zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in einen Viertelfinal vordrang.


Auch dass die Nati in vier Pflichtspielen unter Yakin noch keinen Gegentreffer erhalten hat, darf man Akanji als Leader und Vorkämpfer der Mannschaft hoch anrechnen. Absolute Highlights im rot-weissen Trikot dürften für Akanji die beiden Endrundenteilnahmen 2018 und 2021, sowie der Einzug in die Finals der Nations League vor zwei Jahren gewesen sein. Die Schweiz darf sich glücklich schätzen, über einen Innenverteidiger von seinem Format zu verfügen. Auch die Zukunft sieht rosig aus: Akanji ist gerademal 26-jährig, sein Partner Elvedi sogar noch ein Jahr jünger


Turnaround in Dortmund


Nach der Entlassung von Favre übernahm im letzten Winter mit Edin Terzic dessen Co-Trainer das Ruder der Westfalen. Im Nachhinein betrachtet, erwies sich diese Rochade für Akanji als Segen, denn der emotionale und empathische Terzic ist sicherlich mit ein Grund dafür, dass der Abwehrmann in den letzten 12 Monaten einen beeindruckenden Entwicklungsschritt genommen hat. Zwar laborierte Akanji im Winter diesen Jahres an einem Muskelfaserriss, doch danach war er für die Dortmunder im starken Saisonendspurt wichtiger denn je. Auch dank den herausragenden Auftritten des Schweizers konnte der BVB das Champions League-Viertelfinale erreichen, Tabellendritter in der Meisterschaft werden und in Berlin den Gewinn des DFB-Pokals bejubeln. Seine bärenstarke Leistung gegen Leipzig im Pokal-Endspiel war so etwas wie der endgültige Beweis, dass Akanji sein Selbstvertrauen wiedergefunden hatte.

Seine tolle Form hat Akanji auch in der laufenden Saison konservieren können. Mit Marco Rose hat nun ein weiterer emotionaler, dynamischer Coach die Zügel der Borussia in der Hand. Der 45-Jährige Deutsche gilt – ähnlich wie Jürgen Klopp – als "Menschenfänger" und geht sehr gut auf die einzelnen Spieler ein. Dies kommt Akanji nur zugute, denn er liefert auf konstant hohem Niveau ab und von früheren Unsicherheiten ist heute nichts mehr zu erkennen. In der Liga und in der Champions League bestritt der 1,87m-Mann bislang alle Partien über die volle Distanz. Akanji wirkt ausgesprochen fit, konnte im Vergleich zu seiner Anfangszeit nochmals deutlich an Muskelmasse zulegen und zahlt das Vertrauen von Rose Woche für Woche zurück. Dabei zeichnen ihn vor allem sein hohes Tempo, die geschickte Zweikampfführung und das stets progressiv ausgerichtete Aufbauspiel aus.


In der Bundesliga ist Akanji durchschnittlich beeindruckende 97,1 Mal pro Spiel am Ball und ist damit auch als Verteidiger elementar wichtig für das Ballbesitzspiel des BVB. Immer wieder stösst er mit dem Leder am Fuss nach vorne und versucht mit geschickten Vertikalbällen die gegnerische Ketten zu überspielen. Auch in der Verteidigungsarbeit hat Akanji vor allem bei den erfolgreichen Pressingaktionen im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zugelegt und weist dort einen Wert von 51,9 % auf. Seine Technik bei Grätschen ist ebenfalls verbessert, was beispielsweise seine spektakuläre und zurecht bejubelte Rettungsaktion im Heimspiel gegen Mainz bewies. Im Kopfballspiel ist der Schweizer sicherlich solide, aber hat noch Luft nach oben. Mit knapp 57 % gewonnen Luftduellen liegt er im Schnitt der Vorsaisons.


Im Kreise der Besten


Alles in allem hat der Rechtsfuss in den vergangenen Monaten seine Performances nicht nur stabilisiert, sondern auch einen positiven Entwicklungsschritt genommen. Akanjis Status ist sowohl innerhalb des Teams, als auch bei den Fans deutlich gestiegen. War er in früheren Spielzeiten stets für einen Wackler gut, trumpft er nun als Anker der Defensive auf. Mit 26 Jahren ist Akanji im besten Fussballeralter und in seiner aktuellen Verfassung fehlt bis zur absoluten Weltspitze nicht mehr allzu viel. Als unangefochtener Stammspieler bei einem europäischen Top-15-Team ist Akanji spätestens jetzt ein Spieler von internationalem Renommee und besitzt in Anbetracht seines Alters und seiner herausragenden Anlagen noch immer Potential für die Zukunft.


Fällt Mats Hummels mal aus, geht Akanji voran und vertritt ihn als Abwehrchef mit Bravour. In früheren Interviews gab Akanji stets Manchester United als seinen Traumverein an. Ob es ihn noch auf die Insel ziehen wird, wird sich zeigen. Bei Borussia Dortmund hat er noch einen gültigen Vertrag bis 2023. Privat fühlt er sich zusammen mit seiner Ehefrau und dem kleinen Sohn sehr wohl im Ruhrpott. Spielt er so weiter, werden ihn die Verantwortlichen ganz bestimmt noch lange an die Schwarz-Gelben binden wollen.