• Emanuel Staub

Wer wird Petkovics Nachfolger? Eine Kandidatenliste

Es ist fix: Vladimir Petkovic verlässt die Schweizer Nati. Wer könnte ihn ersetzen? Bolzplazz wirft einen Blick auf die möglichen Kandidaten.


Nachdem am Sonntagabend erste Meldungen aus Frankreich durchgesickert sind, die von einem ernsthaften Interesse Girondin Bordeauxs an Nationaltrainer Vladimir Petkovic berichteten, verkündete der SFV am Dienstagabend seine Abgang:



Trotz gültigem Vertrag bis 2022 hatte Petkovic aufrgund einer Ausstiegsklausel, die bei rund einer halben Million liegen soll, jede Berechtigung in die Ligue 1 zu wechseln.


Die Schweiz verliert damit den erfolgreichsten Coach ihrer Geschichte. Niemand kann einen besseren Punkteschnitt vorweisen, nie spielte die Schweiz besser, variabler und erfolgreicher. Dass er gehen möchte, kann man ihm nicht verübeln. Er war 7 Jahre lang im Amt und hat das Team kontunierlich weiterentwickelt. Dabei schlugen ihm stets ein gehässiger, polemischer Gegenwind und wenig sachliche, fast schon niveaulose Kritik entgegen. Diese nervende notorische Nörglerei rund um seine Person gliederte sich in ein gesamthaft xhenophobes Grundrauschen aus gewissen Ecken des Landes ein, das diese eigentlich so erfolgreiche Nati leider schon immer begleitet hat. Petkovics schärfste Kritiker schienen sich weniger an seinem eigentlichen Wirken zu stören, als an der Tatsache, dass sein Name auf -ic endet.


Trotz unangenehmer Begleiterscheinung hat Vladimir Petkovic mit starker Hand, Menschenkenntnis und taktischem Feingespür eine Mannschaft erbaut, die in diesem Jahr erstmals seit 70 Jahren unter die besten 8 Teams Europas vorgestossen ist. Sein tatsächlicher Wert wird wohl erst sichtbar sein, wenn er nicht mehr an der Seitenlinie steht.


Für die Schweiz kommt der Wechsel zu einem ungünstigen Zeitpunkt: In einem Monat bereits ist die Nati in der WM-Qualifikation gefordert, wo die Revanche gegen Italien gelingen soll. Nur der Gruppenerste qualifiziert sich direkt für die Weltmeisterschaft, die Gruppenzweiten erwartet ein kompliziertes Finalturnier. Der SFV hat also nur eine Patrone. Der erste Schuss muss sitzen. Welche Trainerkandidaten kämen als Nachfolger in Frage?


© KEYSTONE/AP/Maxim Shemetov

Schweizer Trainer von Nati-Format:

  • Urs Fischer: Er ist ohne Debatte der erfolgreichste Schweizer Trainer im Ausland der letzten drei Jahre. Aus dem Nichts formt er aus Union Berlin, einem mauen Zweitligisten, eine Bundesliga-Mannschaft, die um die internationalen Ränge mitspielt. Fischer kennt den Schweizer Fussball sehr gut und wäre für die Nati die absolute Traumlösung. Aber dass er Petkovics Nachfolger wird ist wohl ausgeschlossen. Unvorstellbar, dass er Union inmitten seines selbst erbauten Erfolges verlassen würde.


  • Lucien Favre: Klar, dass auch sein Name fällt. Favre hat bei jedem einzelnen seiner Vereine nachgewiesen, ein exzellenter Trainer internationaler Klasse zu sein. Er ist nicht nur ein überragender Taktiker und Tüftler – auch wenn er sich im Übermut manchmal verzockt – sondern auch ein exzellenter Talentförderer. Der Haken: Favre hat keinen einfachen Charakter – und hat mehrmals ausdrücklich gesagt, aktuell nicht für die Nationalmannschaft zur Verfügung zu stehen.


  • Marcel Koller: Zweimal wäre Koller bereits beinahe Nationaltrainer geworden: 2000 und 2013. Im dritten Anlauf könnte es klappen. Beim ÖFB hat er einen guten Job gemacht, dasselbe lässt sich grundsätzlich auch über seine Zeit beim FC Basel sagen. Koller ist kein Trainer mit revolutionären Ideen aber sicher eine solide Wahl, man weiss, was man bekommt. Aber ob Solidität dem SFV genug ist?


  • Mauro Lustrinelli: Der Trainer der Schweizer U21-Nationalmannschaft könnte ins "A" befördert werden. Sein Vorteil: Er ist im Verband bereits bestens integriert und vernetzt und kennt zudem die aufstrebende nächste Generation besser als jeder andere. Auf Profistufe fehlt ihm aber noch die Erfahrung, an der U21-EURO in diesem Frühling hat er sich taktisch zweimal grob verzockt.


  • Martin Schmidt: Der Walliser hat mit dem FSV Mainz 05, dem VfL Wolfsburg und dem FC Augsburg drei Bundesligaklubs in seiner Vita stehen. Überall hat er gute Arbeit geleistet und durch seine nahbare, feurige Art auch bei den Fans grosse Beliebtheit genossen. Kaum jemand weiss besser als Schmidt, wie man einen Teamspirit erschafft. Das Problem: Erst kürzlich hat er zum zweiten Mal in Mainz unterschrieben – als Sportdirektor. Kaum vorstellbar, dass er den Klub bereits wieder verlässt.


  • René Weiler: Er hatte im Ausland überall Erfolg, hat aber dennoch an keinem Ort wirklich nachhaltig tiefe Spuren hinterlassen können. Weiler ist ein detailverliebter Kenner seines Faches, ein moderner Tüftler. Ähnlich wie Favre hängt aber auch ihm der Ruf nach, eine schwierige Art zu haben, nicht zuletzt, weil er sehr direkt ist. Weiler ist zur Zeit ohne Klub und wird beim SFV ganz sicher zum Kandidatenkreis gezählt.



Weitere Schweizer Kandidaten:

  • Raphael Wicky: Steht aktuell bei Chicago Fire an der Seitenline und gilt trotz unglücklichem Ende beim FC Basel als progressives, aufstrebendes Trainertalent.


  • Bruno Berner: Auch Berner ist ein relativ unerfahrener, junger Coach. Er hat tolle Arbeit beim SC Kriens geleistet und unterschrieb jüngst als neuer Schweizer U19-Nationalcoach. Ob eine sofortige Beförderung denkbar wäre?


  • Alain Geiger: Geiger hat Servette wieder gross gemacht und aus der Challenge League in die Top 3 der Super League geführt. Er hat klare Prinzipien und durchaus attraktive Spielideen. Er setzt auf bewährte Kräfte und experimentiert nur ungern. Er könnte eine solide Übergangswahl für den SFV sein.


  • Ludovic Magnin: Beim FCZ konnte er sich nicht gerade für höhere Aufgaben empfehlen. Sein Feuer und seine Arbeit in der Talententwicklung sind dennoch interessante Komponenten.


  • Murat Yakin: Nach den grossen Erfolgen mit dem FC Basel hat seine Karriere einen anderen Verlauf genommen, als erwartet. Anstatt in der Bundesliga trainiert er nun in der Challenge League. Dass er ein überdurchschnittlicher Trainer ist, steht dennoch nicht zur Debatte.


  • Roberto Di Matteo: Di Matteo coachte Chelsea 2012 zum Champions League-Sieg, seither hat er jedoch die grosse Bühne verlassen. Ob er sie als Schweizer Nationaltrainer wieder betreten könnte?


  • Stéphane Henchoz: Er machte sich zum Held, als er Xamax 2019 spektakulär vor dem Abstieg bewahrt. Nach einem glücklosen Engagement beim FC Sion ist es still um ihn geworden. Sein Feuer und seine Beliebtheit im Schweizer Fussballvolk könnten den SFV auf seinen Namen bringen.


Eine internationale Lösung?


Der Nationaltrainer muss nicht zwingend in der Schweiz geboren worden sein. Die beiden letzten Nati-Coaches, Hitzfeld und Petkovic, haben es vorgemacht. Auch in den Jahrzehnten davor wurden beispielsweise mit Roy Hodgson tolle Erfahrungen gemacht. Nichts spricht gegen einen Trainer aus dem Ausland.


  • Peter Zeidler: Zugegeben, wirklich aus dem Ausland ist Zeidler nicht. Der Deutsche leistet seit 3 Jahren tolle Arbeit beim FC St. Gallen. Seine emotionale Art, sein soziales Gespür, seine attraktive Spielidee und seine bewundernswerte Arbeit mit jungen Spielern machen ihn zu einem ganz interessanten Kandidaten, der definitiv Nati-Format besitzt.


  • Joachim Löw: Der Weltmeistertrainer von 2014 hat nach einem beispiellosen Niedergang seine Stelle beim DFB in diesem Sommer freiwillig geräumt. Ob er sich sofort ins nächste Abenteuer stürzen will? Löw wirkte seit der blamablen WM 2018 verbraucht und verrannt. Ein sofortiger Wechsel zum SFV scheint ausgeschlossen.


  • Jürgen Klinsmann: Ein glamouröser Name, der aber nicht zwingend Erfolg verspricht. Mit den Bayern gewann er keinen einzigen Titel, mit den USA sprang nebst einem Triumph im Gold Cup ebenfalls nicht viel heraus. Und zuletzt amtete er bei der Hertha für gerademal 10 Partien. Obwohl er zur Zeit vereinslos ist, wäre eine Anstellung als Nati-Coach kaum vorstellbar.


  • Arsène Wenger: Arsenal-Legende Wenger ist ein Meister seiner Zunft. Der Elsässer spricht fliessend Deutsch und Französisch und würde der Nati nebst viel internationaler Aufmerksamkeit auch einen enormen Erfahrungsschatz schenken. Aber: Wenger ist 71 Jahre alt, will er sich wirklich nochmals an die Seitenlinie stellen?


  • Claudio Ranieri: Auch Ranieri gehört der älteren Garde an. Der Italiener gewann mit Leicester 2016 sensationell die Premier League. Seine Methoden in puncto Teambuilding und Motivation sind legendär. Er ist aktuell ohne Job und könnte sich vielleicht auf die Rente hin weiter nördlich in der Schweiz versuchen.


Namen, Namen, Namen:


Vereinslos wären zur Zeit...

  • Frank Lampard, Gennaro Gattuso, Paulo Fonseca, Cesare Prandelli, Domenico Tedesco, Bruno Labbadia, Florian Kohfeldt, Marco Giampaoli, Antonio Conte...