• Emanuel Staub

Was bleibt von dieser U21-EM? Gedanken zum Schweizer Ausscheiden

Trotz verheissungsvollem Start scheidet die Schweizer U21-Nati in der Vorrunde aus. Was bleibt von diesem Turnier? Bolzplazz blickt zurück.


Die #mission21 nimmt Fahrt auf

Dank überragenden 9 Siegen in 10 Qualifikationspartien errang die von Mauro Lustrinelli neu zusammengestellte Schweizer U21-Nationalmannschaft ihre erste EM-Teilnahme seit 2011. Nach Jahren des Misserfolges und der sportlichen Bedeutungslosigkeit gelang es Lustrinelli, endlich wieder eine schlagkräftige und talentierte U21-Truppe aufzubauen.


Unter dem Branding #mission21 schuf der U-Nati-Trainer Identifikation und Teamspirit unter seinen Spielern. Die Mannschaft, überwiegend aus Super League-Spielern zusammengesetzt, nahm Lustrinellis Idee auf und bildete durch die ganze Qualfikationsphase eine verschworene Einheit. #mission21 wurde zu einer Attitude und die Schweizer Spieler hatten sie perfekt verinnerlicht. Genau das machte dieses Team so stark, das abgesehen von Toptorjäger Andi Zeqiri und Topvorlagengeber Bastien Toma kaum über exzellente Einzelspieler verfügt.


Dass die erste EM-Teilnahme seit 10 Jahren kein Selbstläufer wird, war spätestens bei der Gruppenauslosung klar. Die Schweiz wurde als Aussenseiter in eine Hammergruppe mit England, Portugal und Kroatien gesteckt. Alles andere als ein frühes Ausscheiden wäre eine grosse Überraschung gewesen, so realistisch muss man sein.


Vor dem Turnier äusserten die Schweizer Spieler forsch und selbstbewusst die eigenen Ansprüche auf ein Weiterkommen. Es erinnerte an das Selbstverständnis, mit dem mittlerweile die A-Nati Gruppensiege und Viertelfinalteilnahmen proklamiert. An sich eine gute Sache, man will im Fussball nicht mehr einfach nur "die kleine Schweiz" sein. Was Hoffnung machte? Die Schweizer U21-Kicker hatten einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Sie waren Teil der #mission21 und lebten von einem bemerkenswerten Teamspirit.


Auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt

Genau diesen Teamspirit zeigte man eindrücklich beim überraschenden aber wohlverdienten Auftaktsieg gegen die favorisierten Engländer. Die millionenschwere Premier League-Auswahl hatte gegen die aufopferungsvoll kämpfenden Schweizer keinerlei Lösungen und mussten sich nach Dan Ndoyes Treffer geschlagen geben.


In der Schweizer Fussballszene kamen erste Anflüge von Euphorie auf. Vielleicht war ja doch etwas möglich? Dank dem Startsieg hatte man sich in eine vorzügliche Ausgangslage gebracht. Diese wurde aber bereits in der nächsten Partie durchaus fahrlässig verspielt. 2:3 unterlag man Kroatien, es war eine unglückliche Niederlage, die vermeidbar gewesen wäre.

Im letzten Gruppenspiel gegen Portugal musste schliesslich mindestens ein Punkt her. Das Vorhaben misslang aber spektakulär, 0:3 ging man unter und erhielt Anschauungsunterricht für attraktiven Offensivfussball.


Somit schliesst die Schweiz die Gruppenphase auf dem 3. Rang ab, noch vor England. Bereits das darf als Erfolg gewertet werden. Gerne wird man sich an diesen grossen Sieg zurückerinnern, im Nachhinein ist er nur leider nichts wert gewesen. Die Schweizer U21-Nati wurde im Endspiel gegen Portugal nach einer begeisternden Quali-Phase auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

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Es liegt keinerlei Schande für die Schweiz im Ausscheiden an dieser U21-EURO. Im Vorfeld wäre ein Abschneiden vor England kaum für möglich gehalten worden, so kann man zumindest mit diesem Teilerfolg nach Hause reisen. Aber dennoch bleibt ein fader Beigeschmack...


Hat sich Lusrinelli verzockt?

Diese Frage ist berechtigt. Klar, die Gegner – allen voran Portugal – besitzen eine ganz andere Kaderqualität als die Schweiz und bewegen sich in einer anderen Kategorie. Kroatien hingegen hat man durch eigene Fehler quasi zum Siegen eingeladen. Und genau das wäre nicht nötig gewesen. Dadurch hat man sich selber um den Lohn des Startsieges gegen England gebracht, das Weiterkommen wurde nicht gegen die Portugiesen, sondern gegen die schwächeren Kroaten verspielt.


Dabei eine Rolle gespielt hat Lustrinellis Taktik. Bei den Niederlagen gegen Kroatien und Portugal sorgten seine Aufstellungen für Irritation und Kopfschütteln. Ohne Not rotierte er nach dem überzeugenden Sieg gegen England kräftig durch und riss das funktionierende Abwehr- und Mittelfeldgefüge auseinander. Anstelle der überzeugenden Jan Bamert und Miro Muheim schickte Lustrinelli die qualitativ schwächer einzuschätzenden Jasper van der Werff und Silvan Sidler aufs Feld, anstelle des energetischen Alexandre Jankewitz wurde der behäbige Simon Sohm nominiert. Selbst Siegtorschütze Dan Ndoye wurde auf die Bank verbannt und wurde erst in der Schlussphase eingewechselt, als es bereits zu spät war.

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Auch gegen Portugal stand wieder eine komplett andere Mannschaft auf dem Rasen. Cédric Zesiger, zweifelsohne der beste Schweizer Verteidiger im Turnier, wurde durch Jan Bamert ersetzt, während der wenig überzeugende Jasper van der Werff erneut ins Rennen geschickt wurde. Captain Kevin Rüegg rückte ins Team, wodurch Aussenverteidiger Jordan Lotomba eine Reihe nach vorne rückte und Angreifer spielen sollte, was kläglich misslang. Die grössten Fragezeichen warf Lustrinelli aber auf, indem er in der Finalissima auf seine zwei besten Einzelspieler verzichtete: Sowohl Bastien Toma als auch Andi Zeqiri mussten den Schweizer Untergang von der Ersatzbank aus mitverfolgen.


Lustrinelli wird sicher seine Gründe gehabt haben für die Kader-Rotation. Daneben darf man nicht vergessen, dass er nach wie vor ein junger Trainer ist und Fehler auch in seiner Entwicklung dazugehören. Die Maxime "never change a winning team" ist gerade während einer Endrunde aber wohl die bessere Option als ein wildes Kaderwürfeln. Denn so behaftet das Schweizer Ausscheiden ein bitterer Beigeschmack. Man wird das Gefühl nicht los, dass weder gegen Kroatien noch gegen Portugal die bestmögliche Schweizer Elf auf dem Rasen stand. Gerade das Festhalten an Jasper van der Werff, das Rausrotieren Alexandre Jankewitz' nach dem Startsieg und die Nichtberücksichtigung von Zeqiri und Toma im entscheidenden Spiel sind unerklärlich.



Trotz der berechtigten Kritik darf nicht vergessen werden, dass die Schweiz ihre Endrunden-Teilnahme niemand anderem als Mauro Lustrinelli und seiner #mission21 zu verdanken hat. Der Trainer hat grossartige Arbeit geleistet und etliche spannende jungen Spieler für einen Sprung in die A-Nati vorbereitet.


Spieler-Fazit

Die besten Schweizer des Turniers:

Dan Ndoye und Bastien Toma. Ndoye beschert der Schweiz mit seinem Siegtor gegen England Glücksgefühle. Er wirbelt, dribbelt und sorgt auch in den anderen Spielen für Gefahr. Bastien Toma sticht ebenfalls hervor: Unglaublich ballsicher und pressingresistent, dazu mit Traumpässen aus dem Fussgelenk. Ein Kandidat für eine EURO-Teilnahme mit der A-Nai.


Die Breakout-Spieler

Alexandre Jankewitz und Kastriot Imeri. Jankewitz begeistert mit seiner Zweikampfstärke, Energie und Robustheit. Betreibt beste Werbung für mehr Einsätze mit Southampton. Kastriot Imeri (1 Tor, 2 Vorlagen) ist der Schweizer Topscorer. Unglaubliche Technik und fussballerische Finesse. Könnte auf lange Sicht ein prägender Schweizer Spieler werden, muss nun aber auch bei Servette den nächsten Schritt nehmen.


Die Entschäuschungen:

Jordan Lotomba und Andi Zeqiri. Lotomba reiste als Leader des Teams an die EURO. Von Leadershipqualitäten war aber nicht viel zu sehen. Blieb in sämtlichen Spielen blass und ohne viel Einfluss. Er kann deutlich mehr, war vielleicht im Kopf schon bei der A-Nati. Andi Zeqiri beendet das Turnier mit 0 Toren. Angesichts der Stärke der Gegner keine Schmach, aber dennoch hat man sich vom überragenden Spieler der Quali-Phase mehr erhofft.


Ausblick

Nach der EURO wird nun ein Umbruch vollzogen. 12 der 23 Spieler im Turnierkader sind bereits 22 Jahre oder älter, hinsichtlich der nächsten Qualifikationsrunde dürfte das Team verjüngert werden. Spieler wie Leonidas Stergiou (19), Fabian Rieder (19) oder Alexandre Jankewitz (19) und Kastriot Imeri (20) werden das Rückgrat der neuen Schweizer U21-Auswahl bilden.


Im Herbst 2021 geht es für die Schweiz wieder mit der EM-Quali los. In der Gruppe E trifft man auf die Niederlande, Wales, Bulgarien, Moldawien und Gibraltar. Eine gute Gruppe, um erneut einen Exploit zu schaffen. Man darf gespannt sein, wie sich die #mission21 weiterentwickelt!




Aus der Traum von der Viertelfinals: https://www.blick.ch/sport/fussball/nati/u21-em-schweiz-gegen-portugal-im-liveticker-verfolgen-id16431719.html


Romandie pur in der U21: https://www.watson.ch/sport/fussball/552652540-u21-em-bei-den-schweizern-geben-die-welschen-den-ton-an


Der Schweizer U21-Kader: https://www.transfermarkt.ch/schweiz-u21/startseite/verein/9534