• Emanuel Staub

Transfer Scouting Grasshoppers – Kaderplanung für den Klassenerhalt

Aktualisiert: 24. Juli

Die Transferphase ist in vollem Gange! Die Super-League-Klubs suchen nach Verstärkungen, um die neue Saison in Angriff zu nehmen. In der Serie „Transfer Scouting“ schlüpfen wir in die Sportchef-Rolle und suchen nach passenden Neuzugängen. Teil 4/10: Grasshopper Club Zürich.


Nach einer soliden ersten Saisonhälfte brach der letztjährige Aufsteiger in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit regelrecht ein. Zahlreiche Kaderumwälzungen im Winter brachten das Kollektiv aus der Balance. Am Ende entkamen die Hoppers nur knapp der Barrage. 2022/23 soll nun alles besser werden und die Abstiegssorgen ausbleiben. Da es aufgrund der Liga-Aufstockung auf künftig 12 Mannschaften in der neuen Saison keinen direkten Absteiger geben wird und der Letztplatzierte "lediglich" die Barrage bestreiten muss, hält sich die Abstiegsgefahr für die Hoppers in Grenzen.


Die Klubverantwortlichen haben aber Grosses im Sinn und peilen mittelfristig europäische Gruppenphasen und nationale Titel an. Kann Giorgio Contini mit seinem Team in dieser Saison einen Schritt in diese Richtung machen – oder wirkt das Chaos neben dem Platz hemmend? Mitten in der Vorbereitung entschied die Führungsriege um Präsident Sky Sun, sich von CEO Jimmy Berisha und Sportchef Seyi Olofinjana zu trennen. Neu an der Spitze der Kaderplanung steht der frühere GC-Spieler Bernt Haas, der zuletzt in Schaffhausen als Sportdirektor eine gute Figur abgab. Noch hatte er nicht genug Zeit, das Kader den Ideen von Contini anzupassen. Die Mannschaft ist nach zahlreichen Abgängen noch zu dünn in der Breite aufgestellt und weist auch noch qualitativ Lücken auf.


Auf Haas wartet ein Berg von Arbeit.

Ein Blick auf bereits bestätigte Transfers:


Zugänge:

  • Justin Hammel (21): FC Stade-Lausanne Ouchy

  • Tsiy William Ndenge (25): FC Luzern

  • Renat Dadashov (23): Wolves

  • Meritan Shabani (23): Wolves

  • Liam Bollati (18): SC Kriens

  • Bendeguz Bolla (22): Wolves, Leihe



Abgänge:

  • Allan Arigoni (23): FC Lugano

  • Ermir Lenjani (32) Ümraniyespor

  • Nuno da Silva (28): FC Aarau

  • Nikola Gjorgjev (24): FC Aarau

  • Imran Bunjaku (29): FC Aarau

  • Fabio Fehr (22): FC Vaduz

  • Elmin Rastoder (20): FC Vaduz, Leihe

  • Leonardo Uka (21): FC Schaffhausen, Leihe

  • Robin Kalem (20): FC Schaffhausen, Leihe

  • Kaly Sène (21): FC Basel, Leihende

  • Bruno Jordao (23): Wolves, Leihende

  • Léo Bonatini (28): Wolves, Leihende

  • Brayan Riascos (27): Metalist, Leihende

  • Mateo Matic (26): vereinslos




Wo besteht bei GC Handlungsbedarf?


Am schmerzhaftesten ist für GC der Abgang von Topscorer Kaly Sène. Da es Haas' Vorgänger verpasst hatte, einen Anschlussvertrag mit dem Senegalesen auszuhandeln, ist der 10-Tore-Mann nach Ende seiner Leihe nun zu seinem Stammverein Basel zurückgekehrt. Auch Léo Bonatini, mit 7 Treffern zweitbester Schütze der Hoppers in der letzten Saison, ist nach Ablauf seines Leihengagements auf die Insel zum Partnerverein Wolverhampton zurückgekehrt. Diese Tore zu ersetzen wird nicht einfach sein – dazu muss frisches Personal im Sturm her.


Neben dem Angriff tut sich auch in der Defensive die ein oder andere Baustelle auf: Allan Arigoni verliess den Verein ablösefrei in Richtung Lugano, ein Ersatz wurde noch nicht verpflichtet. Auch Routinier und Alleskönner Ermir Lenjani – in der letzten Saison mit 8 Assists bester Vorlagengeber des Rekordmeisters, und das wohlgemerkt als Linksverteidiger – nahm eine neue Herausforderung an.


Im Mittelfeld scheint GC gut aufgestellt, doch auch dort würde zusätzliche Kadertiefe nicht schaden.


Kaderplanung Grasshopper Club Zürich

Tor: Eine neue Nummer 2

Im Tor gibt es für GC keinen Grund zu grossen Veränderungen: Der Portugiese André Moreira (26) sitzt als Nummer 1 fest im Sattel und hinterliess über weite Strecken der letzten Saison einen soliden Eindruck. Neuerdings hat er aber einen talentierten Herausforderer: U21-Nati-Keeper Justin Hammel (21) stiess von Stade-Lausanne Ouchy zu GC und könnte langfristig zum neuen Stammgoalie aufsteigen.



Innenverteidigung: Wer ersetzt Arigoni?

In der Innenverteidigung sind die Hoppers mit Blick auf die Konkurrenz nicht schlecht aufgestellt: Abwehrchef Georg Margreitter (33), der talentierte Japaner Ayumu Seko (22), Eigengewächs Noah Loosli (25) und der Portugiese Tomas Ribeiro (23) sind vier respektable Optionen. In der letzten Saison war Allan Arigoni (23) in der Dreierkette als linker Innenverteidiger gesetzt. Der Tessiner verliess GC nun aber nach Ablauf seines Vertrages und nahm ein lukratives Angebot aus Lugano an. Einen Ersatz für den schnellen, athletischen Abwehrspieler konnte noch nicht aufgetrieben werden. Idealerweise bringt dieser neue Spieler ähnliche Attribute wie Arigoni mit – linksfüssig, Stärken im athletischen Bereich – um so das GC-Innenverteidigerquartett rund um Margreitter und co. bestmöglich zu komplementieren.


Dieses Profil bestens erfüllen würde Lausanne-Verteidiger Anel Husic (21). Der Schweizer U21-Nationalspieler war beim Absteiger einer der wenigen Lichtblicke. Neben reichlich Entwicklungspotential und einem gewissen Wiederverkaufswert als Nationalspieler, bringt Husic ähnlich wie Arigoni auch eine grosse Polyvalenz und Super-League-Erfahrung mit. Dank den Fosun-Millionen dürfte die Ablösesumme zu stemmen sein. Für Husic ware GC zudem ein toller nächster Schritt, der es ihm erlauben würde, sein Können auch in der neuen Saison erstklassig zu präsentieren.


Unser Vorschlag für die Innenverteidigung:

Anel Husic (Lausanne-Sport)

Alternativen:

Jan Kronig (FC Aarau)



Aussenverteidiger: Bolla-Backup und Lenjani-Nachfolger gesucht

In Continis Fünferabwehr-System kommt den beiden Aussenverteidigern auch offensiv eine grosse Wichtigkeit zu. Elementar daher, dass sowohl auf rechts, als auch auf links Spieler mit Tempo und Offensivdrang verfügbar sind. Mit der erneuten Ausleihe des ungarischen Nationalspielers Bendeguz Bolla (22) ist dieses Problem zumindest für die rechte Seite behoben. Auf links funktionierte Contini im Laufe der letzten Saison Allzweckwaffe Dominik Schmid (24) zum linken Flügelverteidiger um. An dieser Lösung dürfte er auch in der neuen Spielzeit festhalten. Hinter beiden Stammkräften mangelt es aber ein wenig an bewährten Alternativen: Rechtsverteidiger Nadjack (28) bestritt verletzungsbedingt seit Sommer 2020 nur drei Partien auf Profi-Level, ist aber die einzige Alternative zu Bolla. Nach dem Abgang von Lenjani klafft zudem auch auf links eine Lücke hinter Schmid, die der Chinese Li Lei (30) kaum schliessen kann.


Gesucht sind also zwei Aussenverteidiger mit Offensivdrang, die die Qualität in der Breite erhöhen – und als ernsthafte Alternativen für die Stammspieler in Frage kommen. Bei der Suche nach geeigneten Kandidaten könnten die Hoppers von ihren Verbindungen in den portugiesischen Markt Gebrauch machen: Bei Estoril Praia steht mit Racine Coly (26) ein interessanter Linksverteidiger unter Vertrag, der über Erfahrung in der Ligue 1 verfügt. Der pfeilschnelle, dynamische Aussenläufer wäre vom Profil her ein spannender Counterpart zu Schmid – und dürfte trotz seiner 4 Länderspieleinsätze für den Senegal nicht allzu teuer werden, bei Estoril war er zuletzt nämlich weitgehend aussen vor.


Bei der Suche nach einem Bolla-Backup könnte sich für GC indes ein Blick nach Ungarn lohnen – in jene Liga also, aus der Bolla vor einem Jahr nach Zürich gewechselt ist. Bei Ujpest Budapest überzeugt der athletische Lirim Kastrati (23), seines Zeichens kosovarischer Nationalspieler, auf der rechten Aussenbahn. Er könnte zum langfristigen Nachfolger von Bendeguz Bolla aufgebaut werden. Alternativ würde sich für den Rekordmeister auch ein Experiment anbieten: In Lettland macht zur Zeit Alvis Jaunzems (23) Schlagzeilen als offensivstarker Schienenspieler mit 9 Scorerpunkten in 19 Partien. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis er sich auf höherem Level versuchen wird – wieso nicht in der Super League?


Unser Vorschlag für die Aussenverteidigung:

Racine Coly (links, Estoril Praia) & Lirim Kastrati (rechts, Ujpest Budapest)

Alternativen:

Alvis Jaunzems (rechts, Valmiera)



Zentrales Mittelfeld: Mehr Körperlichkeit nötig

Wenn die Hoppers auf einer Position gut aufgestellt sind, dann im zentralen Mittelfeld. Amir Abrashi (32), Hayao Kawabe (26), Christian Herc (23) sowie die Neuzugänge Tsiy William Ndenge (25) und Meritan Shabani (23) bilden ein starkes Zentrum. Auf der Zehn sorgte gegen Ende der letzten Saison zudem Giotto Morandi (23) für Furore, auf den Saisonstart hin ist überdies Juwel Petar Pusic (23) nach gesundheitlichen Problemen wieder zurück am Start. Was bei einem Blick auf diese üppige Namensliste sogleich auffällt: Contini verfügt über zahlreiche kreative, technisch starke und offensivfreudige Mittelfeldspieler – aber mit der Ausnahme von Abrashi kaum über defensiv ausgerichtete "Zerstörer". Einen weiteren Balljäger und robusten Zweikämpfer in den eigenen Reihen zu haben, dürfte den Hoppers nicht schaden.


In Frage kommen könnte vielleicht Stade-Lausanne Ouchys Giovani Bamba (23). Der 1,95m grosse defensive Mittelfeldspieler besticht in der Challenge League seit zwei Jahren mit seiner Körperlichkeit und seiner Durchschlagskraft. Bamba würde dem GC-Zentrum auf Anhieb ein neues Element verleihen und Continis taktisches Handbuch um ein weiteres Stilmittel erweitern. Alternativ könnte auch Winterthurs Aufstiegsheld Eris Abedini (23) interessant sein. Auch er hat seine grössten Stärken im physischen Bereich und wusste in der Rückrunde als beinharter Zweikämpfer und aggressiver Antreiber zu überzeugen.


Unser Vorschlag fürs defensive Mittelfeld:

Giovani Bamba (SLO)

Alternativen:

Eris Abedini (FC Winterthur)



Flügel: Voller Fokus auf die Eigengewächse?

In Giorgio Continis zumeist praktiziertem 3-4-1-2- bzw. 3-4-2-1-System gibt es eigentlich gar keine klassischen Flügelstürmer. Den Schienenspielern auf der defensiven Aussenbahn kommt eine verkappte Flügel-Rolle zu, auch die Stürmer kommen mit Tempo gerne mal über die Seiten. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass GC über keinen gestandenen Flügelstürmer verfügt. Winterneuzugang Sang-bin Jeong (20) ist von seinen Anlagen her zwar definitiv ein Kandidat für diese Rolle, fällt aber zum Saisonstart aus. Damit bleiben noch der zuletzt nach Kroatien verliehen Chinese Boyan Jia (18) – und zwei hoffnungsvolle Eigengewächse aus dem GC-Campus, namentlich Filipe De Carvalho (18) und Malik Deme (17). Besonders Deme zählt zu den aufregendsten jungen Schweizer Talenten seiner Generation, wir ernannten ihn jüngst zu einem der 10 "Players to Watch" der neuen Saison.


Bleibt Contini seiner taktischen Linie treu, sind Einkäufe für die Flügelpositionen also nicht nötig. Statt unnötig neues Personal zu erwerben, sollten lieber die Nachwuchskräfte gefördert werden. De Carvalho und Deme verhelfen Contini nicht nur zu mehr taktischer Flexibilität, sondern könnten dank ihrer Schnelligkeit und Dribbelstärke auch als Joker in Frage kommen.



Sturm: 17 Tore müssen her

Nach den Abgängen der beiden Toptorschützen Kaly Sène (21) und Léo Bonatini (28) sieht sich die GC-Führung mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, 17 Treffer aus der Vorsaison zu kompensieren. Klar scheint: Ein neuer Knipser muss her. Dass man sich einfach darauf verlässt, dass der neuverpflichtete Renat Dadashov (23) dieser dringend benötigte Torgarant sein wird, darf ausgeschlossen werden. Der Aserbaidschaner galt einst als grosses Sturmtalent, ist im Profifussball bislang aber jeden Nachweis schuldig geblieben, ein echter Torjäger zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Francis Momoh (21), der zwar spannende Ansätze zeigt, aber (noch) nicht auf einem vergleichbaren Level wie Sène ist.


Wer könnte beim Rekordmeister in der neuen Saison also für die Tore zuständig sein? Zuletzt geisterte der Name Patrick Cutrone (24) durch Zürich. Der hochveranlagte Italiener ist bei den Wolves ausser Rang und Traktanden gefallen und muss nun seine Karriere aus einer engen Sackgasse herausmanövrieren. Die Super League könnte der perfekte Ort für dieses Unterfangen sein. Ohnehin geniesst unsere Liga in Italien dank Gnonto und Esposito neuerdings einen guten Ruf. Ob sich auch Cutrone von diesem verleiten lässt?


Zuletzt brachte der Blick einen weiteren prominenten Namen ins Spiel: Der schwedische Sturmtank Sebastian Andersson (31) vom 1. FC Köln soll demnach auf der Wunschliste stehen. Alternativ (oder zusätzlich zu Cutrone) könnten sich die Hoppers in unkonventionelleren Märkten umsehen: Bei Soligorsk (Weissrussland) sorgt der gambische Internationale Dembo Darboe (23) seit mittlerweile zwei Jahren mit tollen Trefferquoten für Furore. Auch sein überaus talentierter Landsmann Ebrima Singateh (18), unter Vertrag bei Paide (Estland) und dort ebenfalls erfolgreich auf Torejagd, muss für Schweizer Vereine interessant sein. Zu guter Letzt soll an dieser Stelle auch noch Sunday Adetunji (24) erwähnt werden, der für Shkupi (Nordmazedonien) wie am Fliessband trifft.


Unser Vorschlag für den Sturm:

Patrick Cutrone (Wolves) oder Sebastian Andersson (Köln)

Alternativen:

Dembo Darboe (Soligorsk), Ebrima Singateh (Paide) oder Sunday Adetunji (Shkupi)



So könnte GC in der neuen Saison auflaufen:



Als zusätzliche Kaderoptionen auf der Bank: Li Lei, Nadjack, Florian Hoxha, Simone Stroscio, Dion Kacuri, Filipe De Carvalho, Malik Deme, Boyan Jia, Sang-bin Jeong, Renat Dadashov