• Nicolas Ganter

Transfer Scouting FC Zürich – Kaderplanung für das schwere Jahr der Bestätigung

Es ist Sommerpause! Die Super-League-Klubs blicken sich auf dem Transfermarkt nach Verstärkungen um. In der Serie „Transfer Scouting“ schlüpfen wir in die Sportchef-Rolle und suchen nach passenden Neuzugängen. Teil 2/10: FC Zürich


Fast dreieinhalb Jahre nach dem Ausscheiden gegen Napoli im Sechzehntelfinale der Europa League kehrt der FC Zürich dank dem 13. Meistertitel der Klubgeschichte auf die internationale Bühne zurück. Nach dem schwerwiegenden Abgang von André Breitenreiter ist nun auch bekannt, wer bei den anstehenden Champions League Qualifikationsrunden (19./20. & 26./27. Juli 2022) an der Seitenlinie stehen wird: Mit Franco Foda übernimmt der ehemalige österreichische Nationaltrainer das Ruder beim Stadtclub und tritt damit das anspruchsvolle Erbe seines Vorgängers an.


Schon kurz nachdem die Meisterschaft feststand, sprach man beim FC Zürich davon, dass nun der nächste Schritt erfolgen müsse. Sportchef Marinko Jurendic wollte das Kader im Hinblick auf die anstehende Saison auf ein „höheres Level“ bringen, Blerim Dzemaili sprach gar von „vier bis fünf internationalen Spieler“, die der FCZ verpflichten sollte. Bei der Vorstellung von Neo-Trainer Franco Foda stellte Präsident Ancillo Canepa allerdings schnell klar, dass man finanziell keine grossen Stricke zerreissen könne. Dies macht im Hinblick auf die anstehende Übergangssaison aufgrund der Modusänderung durchaus auch Sinn, der FCZ plant also trotz Europa mit einem branchenüblichen 26-Mannkader.



Die in den Jahren vor dem Titel so schmerzlich vermisste Achse wird den Zürchern auch für nächste Saison erhalten bleiben: Die Verträge von Mirlind Kryeziu (25), Antonio Marchesano (31) und Blerim Dzemaili (36) konnten im Hinblick auf die kommende Saison bereits verlängert werden. Auf der anderen Seite wurden Salim Khelifi (28), Moritz Leitner (29) und Ousmane Doumbia (30) beim letzten Heimspiel bereits offiziell verabschiedet und auch Assan Ceesay (28) sucht sein Glück künftig in der Serie A. Allen voran die letzten beiden Spieler dürften sehr schwer zu ersetzen sein. Weil das Gesamtpaket zu teuer ist, kehrt Ante Coric nach seiner Leihe zur AS Roma zurück, obschon er gerne beim FCZ geblieben wäre. Zuletzt hat auch Eigengewächs Lindrit Kamberi seinen auslaufenden Vertrag um drei Jahre verlängert.


Ein Blick auf bereits bestätigte Transfers:


Zugänge:

  • Cheick Oumar Conde (21)

  • Jonathan Okita (25)

  • Ole Selnaes (27)

  • Ivan Santini (33)


Abgänge:

  • Salim Khelifi (28): ?

  • Moritz Leitner (29): ?

  • Ousmane Doumbia (30): FC Lugano

  • Blaz Kramer (26): Legia Warschau

  • Assan Ceesay (28): US Lecce

  • Ante Coric (25): AS Roma (Leihende)



Wo besteht beim FC Zürich Handlungsbedarf?


Die Verantwortlichen in der Sportkommission des FC Zürich liessen bisher noch nicht verlauten, auf welchen Positionen man sich weiter verstärken will. Fakt ist: Trotz Franco Fodas Affinität zum 4-2-3-1 kann man davon ausgehen, dass zumindest zu Beginn der Saison keine grossen Veränderungen bezüglich Spielsystem und Spielstil zu erwarten sind. Dass eine solche Strategie durchaus erfolgreich sein kann, hat u.a. Gerardo Seoane bei YB nach dem Abgang von Adi Hütter bewiesen. Wie Dzemaili zuletzt in diversen Interviews verlauten liess, wird man aber zusätzlich zur Fünferkette aus der Meistersaison auch ein System mit Viererkette einüben, um variabler zu sein.


Vier Transfers haben die Stadtzürcher bereits getätigt. Die Abgänge von Leitner und Doumbia hat man mit Cheick Conde und Ole Selnaes kompensiert. In der Offensive verstärkte man sich bereits mit Jonathan Okita und Ivan Santini, beide mit jeweils ähnlichem Spielerprofil wie die beiden Vorgänger Ceesay und Kramer. Der FCZ muss nun vor allem auf allfällige weitere Abgänge vorbereitet sein: Die beiden Toptalente Gnonto und Omeragic gehören zu jenen Kandidaten, die auf dem Transfermarkt aufgrund der niedrigen restlichen Vertragsdauer und ihrem grossen Potential sehr gefragt sind. Bei Gnonto scheint eine Vertragsverlängerung ausgeschlossen, Omeragic könnte wegen seiner aktuellen Verletzung allenfalls noch einen neuen Kontrakt unterschreiben – grundsätzlich geht man aber sowohl bei den Fans als auch bei den Verantwortlichen von einem Abgang der beiden Spieler aus.


Kaderplanung FC Zürich


Tor: Keine Änderungen zu erwarten

Captain Yanick Brecher wird auch in der nächsten Saison beim FC Zürich zwischen den Pfosten stehen. Der gebürtige Zürcher aus dem eigenen Nachwuchs wird kontinuierlich besser und konnte mittlerweile seine Patzer sogar ganz eliminieren, die bis zu dieser Saison sein Talent ein wenig überschattet haben. Im Hintergrund dürften zudem bereits Gespräche laufen, seinen im nächsten Sommer auslaufenden Vertrag zu verlängern, um ihn langfristig an den Verein zu binden.


Bereits im Februar wurde der Vertrag von Zivko Kostadinovic vorzeitig um zwei Jahre bis Juni 2024 verlängert. Der ehemalige Goalie des FC Wil nimmt ohne zu lamentieren seine Rolle als Nummer 2 hinter Brecher wahr und konnte in seinen wenigen Einsätzen gegen Ende der letzte Saison beweisen, dass man im Ernstfall jederzeit auf ihn zählen kann. Mit seiner sympathischen Art ist er innerhalb des Teams sehr beliebt und hat so definitiv seinen Anteil am tollen Teamspirit des Zürcher Meisterkollektivs. Als Nummer 3 wird weiterhin Gianni de Nitti aufgeführt. Der talentierte U19-Nationatorhüter der Schweiz dürfte aber vornehmlich in der U21 zum Zug kommen.



Innenverteidigung: Omeragic-Notfallplan und Kryeziu-Backup

Der FC Zürich ist letztes Jahr ziemlich dezimiert in der Saison gestartet, sodass man den bereits abgeschriebenen Mirlind Kryeziu reaktivieren musste. Dieser zahlte das entgegengebrachte Vertrauen sofort zurück und wurde zu einem der Eckpfeiler der Meistermannschaft. Zuletzt verlängerte der Publikumsliebling seinen in diesem Sommer auslaufenden Vertrag bis 2025 und bleibt dem FCZ somit weiterhin erhalten. Ebenfalls bis 2025 dauert das neue Arbeitspapier von Fidan Aliti. Mit seiner aggressiven Spielweise und aussergewöhnlichen Mentalität hat er sich nach seiner Ankunft vor zwei Jahren schnell in die Herzen der Fans gespielt. Als weitere Alternative in der Innenverteidigung hat man in der Winterpause nachgerüstet und den estnischen Nationalspieler Karol Mets aus Bulgarien (ZSKA Sofia) nach Zürich geholt. Der grossgewachsene Innenverteidiger erwies sich als solide Verstärkung und dürfte im Zuge der anstehenden Dreifachbelastung auf einige Einsätze in der kommenden Saison kommen.


Die Zürcher schauen sich aber nach wie vor nach einem Backup für Mirlind Kryeziu um. Zuletzt fiel der Name Idumba Fasika (Cape Town City FC) in diversen südafrikanischen Medien. Mit stolzen 191cm Körpergrösse bringt der kongolesische Innenverteidiger zumindest die physischen Attribute mit, um Kryeziu ersetzen zu können. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Rückkehr von Adrian Bajrami in die Schweiz. Der ehemalige Nachwuchsspieler von YB ist Kapitän bei der zweiten Mannschaft von Benfica und könnte behutsam hinter Kryeziu aufgebaut werden.


Naürlich bereitet sich der FCZ auch auf einen potentiellen Abgang von Becir Omeragic vor. Mit Lindrit Kamberi und Silvan Wallner hat der Stadtclub zwar zwei zuverlässige Spieler in der Hinterhand, allerdings haben beide keine Erfahrung auf internationaler Bühne und allgemein zu wenig Spielpraxis. Eine interessante Personalie im Falle eines Abgangs von Omeragic wäre Axel Bamba vom Paris FC. Der 22-jährige ist gebürtiger Zürcher, sein Vater spielte einst kurz vor der Jahrtausendwende ein halbes Jahr für den Stadtclub. Gemäss Informationen von Bolzplazz bietet sein Berater Bamba aktuell in der Schweiz an, es ist also gut möglich, dass Jurendic und co. bei Bedarf eine Verpflichtung prüfen.


Vom FC Wil kehrt ausserdem Ilan Sauter nach seiner Leihe zurück. Trotz vielen Einsätzen in den bisherigen Testspielen dürfte er in der Planung für nächste Saison aber kaum eine Rolle spielen.


Unsere Vorschläge für die Innenverteidigung

Idumba Fasika (Cape Town City FC) & Axel Bamba (Paris FC)


Alternativen

Adrian Bajrami (Benfica U23) oder Enzo Adeagbo (Lazio Rom)



Aussenverteidigung: Verstärkung in der Breite

Das Aussenverteidigerduo um Adrian Guerrero und Nikola Boranijasevic war massgeblich am Meistertitel beteiligt. Die beiden erzielten zusammen herausragende 22 Skorerpunkte und sind nebenbei auch defensiv äusserst solide. Während auf der rechten Seite mit Fabian Rohner, Filip Frei (zurück von seiner Leihe aus Wil) und dem aufstrebenden Selmin Hodza (U21, trainiert bereits mit 1. Mannschaft) genügend Alternativen vorhanden sind, sucht man diese hinter Guerrero vergeblich.


In der abgelaufenen Saison musste deshalb Akaki Gogia hinten links aushelfen, dem diese Position allerdings gar nicht behagte. Entsprechend tut der FCZ gut daran, für die kommende Spielzeit einen Ersatz auf der linken Abwehrseite zu verpflichten. Eine prüfenswerte Option wäre eine Rückkehr von Hakim Guenouche: Sein Wechsel zu Uerdingen stellte sich als grosser Fehler in seiner noch jungen Karriere heraus, zwischenzeitlich war er ein Jahr vertragslos. Letzte Saison hat er schliesslich bei Altach wieder Fuss gefasst und überzeugte mit acht Skorerpunkten, eine stolze Ausbeute als LV. Der Franzose bringt viel Speed und Dribbelstärke mit und kennt sich im FCZ-Umfeld bereits bestens aus.


Unser Vorschlag für die Aussenverteidigung

Hakim Guenouche (Linksverteidiger, SCR Altach)


Alternative

Juan Familia-Castillo (Linksverteidiger, Chelsea U23)



Mittelfeld: Kann man den Abgang von Doumbia vergessen machen?

Im defensiven Mittelfeld standen die Verantwortlichen des FC Zürich vor der schwierigen Aufgabe, den Abgang von Ousmane Doumbia gleichwertig zu ersetzen. Nun hat man innerhalb von vier Tagen zwei Spieler für das zentrale Mittelfeld verpflichtet: Mit Cheick Oumar Condé kommt ein guinesisches Talent aus der tschechischen Liga, wo er in der vergangenen Saison mit den drittbesten Zweikampfwerten des Landes überzeugte. Der andere Mittelfeldzugang kommt aus dem hohen Norden und heisst Ole Selnaes: Der Norweger verbrachte die letzten Jahre in China und war eine Zeit lang Teamkollege von Blerim Dzemaili. Obschon der FCZ im Mittelfeld gut bis sehr gut besetzt ist, sucht man aktuell noch ein Backup für Antonio Marchesano.


Zuletzt spekulierten die Medien über ein Angebot für Darijan Bojanic von Hammarby IF, auch Kelechi Nwakali scheint weiterhin ein Thema zu sein, obschon er ein erstes Vertragsangebot aus Zürich abgelehnt hat. Allerdings produziert der FCZ seit Jahren überdurchschnittlich viele talentierte Mittelfeldspieler in der eigenen Nachwuchsakademie, die allfällige Lücken in der ersten Mannschaft schliessen könnten, eine Verpflichtung eines weiteren externen Spielers erachten wir daher nicht als zwingend notwendig.


Hinter Blerim Dzemaili und Antonio Marchesano, die auch in der kommenden Saison eine wichtige Rolle spielen werden, scharren nämlich die Eigengewächse Bledian Krasniqi, Stephan Seiler und Izer Aliu mit den Hufen. Auch auf einen Platz im Kader der ersten Mannschaft schielt ausserdem Miguel Reichmuth: Der Bruder von Nils Reichmuth (noch bis 31.12. 2022 an FC Wil ausgeliehen) trainiert wie Selmin Hodza bereits mit der 1. Mannschaft und weiss mit guten Leistungen in der U21 und in den Testspielen zu überzeugen. Marc Hornschuh bleibt dem FCZ ebenfalls für eine weitere Saison erhalten und ist als Backup im defensiven Mittelfeld eingeplant, die im Vertrag verankerte Option (Verlängerung um ein weiteres Jahr) wurde gezogen.



Sturm: Kann der FCZ endlich sein Stürmerproblem beheben?

Die Offensive ist wohl die grösste Baustelle für den Schweizer Meister. Seit dem Abgang von Dwamena und Frey wartet man beim FCZ vergeblich auf einen Knipser – bis im letzten Jahr dann plötzlich Ceesay explodierte. Blaz Kramer konnte während seinen drei Jahren in Zürich nur in der Hinrunde seiner ersten Saison restlos überzeugen, er wechselt nun ablösefrei zu Legia Warschau. Auch Meisterheld Assan Ceesay, der letzte Saison endlich die gewünschte Verstärkung war, verlässt den FCZ nun als Free Agent in Richtung Serie-A-Aufsteiger US Lecce. Mit Jonathan Okita konnte aberr bereits ein sehr interessanter Spieler als Ersatz verpflichtet werden, scheinbar hat man sich im Rennen um den Kongolesen u.a. gegen den 1. FC Köln durchgesetzt. Okita ist – genau wie Ceesay – unheimlich schnell und explosiv, verfügt überdies über einen starken linken Fuss und ordentlich Dribbelstärke.


Als Ersatz für Kramer verpflichteten die Zürcher zuletzt den ehemaligen kroatischen Nationalspieler Ivan Santini. Dieser besitzt ein ähnliches Spielerprofil wie ein gewisser Guillaume Hoarau, der auch im gehobenen Fussballeralter in die Schweiz gewechselt ist und zu überzeugen wusste. Allerdings ist unklar, welche Rolle Santini nach seinem Abstecher nach Saudi-Arabien übernehmen wird. Es ist gut möglich, dass der FCZ erneut auf dem Stürmermarkt aktiv wird. Demnächst dürfte der FCZ bekannt geben, was mit Bohdan Viunnyk geplant ist. Der gebürtige Ukrainer wurde während des Sondertransferfensters der UEFA verpflichtet und durfte sich im Endspurt der Meisterschaft aufgrund von Trainingsrückstand in der U21 steigen. In der Vorbereitung blühte er dann so richtig auf, sodass man aktuell eine Verpflichtung mit Besitzerclub Schachtar Donezk, bei denen Viunnyk unter anderem gegen Real Madrid in der Champions League zu einem Kurzeinsatz gekommen ist, prüft.


Einen regelrechten Hype hat zuletzt Wilfried Gnonto ausgelöst: Der Marktwert des frischgebackenen italienischen Nationalspielers wird von transfermarkt auf 10 Millionen Franken taxiert. Damit avancierte er zum teuersten Spieler der Credit Suisse Super League. Da sein Vertrag im kommenden Sommer ausläuft, ist ein Verkauf fast schon Pflicht. Aufgrund der aktuellen Begeisterung um seine Personalie kann der FCZ trotz der niedrigen Vertragsdauer eine zweistellige Millionensumme einplanen. Als potenzieller Ersatz könnte gemäss diversen französischen Medien Moussa Koné zum Stadtclub zurückkehren. Der Senegalese trug bereits zwischen 2015 und 2018 das Trikot des FC Zürich und bringt ähnliche Anlagen wie Gnonto mit. Mit Henri Koide kehrt ausserdem ein sehr interessanter Spieler von seiner Leihe aus Neuenburg zurück, der ebenfalls zu seinen Einsätzen kommen könnte.


Unsere Vorschläge für den Sturm

Moussa Koné (Nîmes Olympique) & Bohdan Viunnyk (Schachtar Donezk / FC Zürich U21)


Alternative

Filip Stojilkovic (FC Sion) oder Adrian Grbic (FC Lorient / Vitesse Arnheim)




So könnte der FC Zürich in der neuen Saison auflaufen:



Als weitere Kader-Optionen auf der Bank: Gianni De Nitti (TW), Silvan Wallner (IV / AV), Axel Bamba (IV), Stephan Seiler (ZM), Henri Koide (ST), Moussa Koné (ST)