• Livio Dörig

Transfer Review: Cheikh Niasse zu YB – Neue Power im Zentrum

Aktualisiert: 18. Feb.

Die Schweizer Vereine haben im Winter auf dem Transfermarkt zugeschlagen. In unserer neuen Rubrik Transfer Review blicken wir jeweils auf einen Super-League-Neuzugang. Heute im Fokus: Cheikh Niasse (22), der im Berner Mittelfeld in die Fussstapfen von Christopher Martins Pereira (24) treten soll.


Die Berner Anhänger mussten sich während des Wintertransferfensters von mehreren Leistungsträgern verabschieden. Das breite Kader der Young Boys kann den erlittenen Subtanzverlust auf dem Papier grösstenteils wettmachen. Dennoch sind die Verantwortlichen rund um Sportchef Christoph Spycher – nicht zuletzt aufgrund des anhaltenden Verletzungspechs – noch einmal zur Tat geschritten und haben drei vielversprechende Neuzugänge präsentiert. Einer davon: Der senegalesische Mittelfeld-Puncher Cheikh Niasse, der nach den Abgängen von Christopher Martins und Michel Aebischer im Zentrum die Lücke schliessen soll. Er ist vom französischen Meister LOSC Lille in die Bundeshauptstadt gestossen.



Aus dem Westen Senegals in den Nachwuchs von Lille


Niasse wurde im Westen Senegals geboren, mit seiner Familie siedelte er nach der Jahrtausendwende nach Frankreich um. Bereits als kleiner Knirps schloss sich Niasse US Boulogne an. Die erste Mannschaft des kleinen Klubs aus der Küstenstadt spielt zwar nur in Frankreichs 3. Liga, jedoch verfügt der Verein über eine renommierte Nachwuchsabteilung. Ganze 12 Jahre gehörte Niasse der Akademie an, in der vor ihm bereits Grössen des Weltfussballs wie Franck Ribéry oder N’Golo Kanté ihre Karriere starteten. Als Teenager machte Niasse mit seinen Leistungen so sehr auf sich aufmerksam, dass Topklub Lille die Fühler nach ihm ausstreckte und ihn 2016 in die eigene Nachwuchsabteilung aufnahm.


Über die U19 und die zweite Mannschaft stiess er im Sommer 2020 schliesslich zum Profiteam der «Doggen». Sein Debüt in der Ligue 1 feierte Niasse allerdings bereits ein ganzes Jahr zuvor in einem Heimspiel gegen die AS St.-Étienne. Im selben Jahr führte er zudem seine Mannschaft in der UEFA Youth League als Captain aufs Feld, womit er schon in jungen Jahren Führungsqualitäten und Verantwortungsbewusstsein aufblitzen liess. Das Einbringen dieser Stärken erhofft man sich nun auch bei YB von ihm.


Wirklich zum Zug kam Niasse in der vergangenen Spielzeit bei Lille aber nicht. Einzig ein Auftritt in der Europa League gegen Celtic Glasgow sprang für ihn heraus. Um seine Entwicklung nicht zu gefährden, wurde Niasse daraufhin im Winter 2021 für ein halbes Jahr zu Panathinaikos Athen ausgeliehen. Beim griechischen Traditionsverein war der Mittelfeldmann sofort als Stammspieler gesetzt und absolvierte in der Rückrunde 15 Partien. Wieder zurück beim amtierenden französischen Meister, musste sich Niasse erneut der starken Konkurrenz beugen. Gerade einmal 40 Spielminuten verteilt auf 4 Spiele schauten in der Hinrunde der laufenden Saison heraus. Somit kam ihm das Interesse der Berner gerade recht.


Aggressivität und Power im Zentrum


Niasse erhält die schwierige Aufgabe, in die grossen Fussstapfen von nationalen Topspielern wie Aebischer und Martins Pereira zu treten. Diese auf Anhieb auszufüllen, dürfte schwer werden. Man darf aber nicht vergessen, dass Niasse insgesamt erst knapp 1’400 Spielminuten im Profifussball in den Beinen hat – ein wenig Geduld ist also gefragt. Gleichwohl dürfte er nach einer gewissen Eingewöhnungsphase und wunschgemässer Entwicklung ein wichtiger Bestandteil des Berner Kollektivs werden. Der langfristige Vertrag bis 2026 zeigt, dass die Verantwortlichen ihrem Neuzugang viel zutrauen – und das absolut zurecht.


Während durch den Weggang Aebischers vor allem spielerische und läuferische Qualitäten verloren gehen, die durch Neuzugang Edimilson Fernandes und die bereits zur Verfügung stehenden Fabian Rieder, Vincent Sierro und Sandro Lauper kompensiert werden, ist Niasse auf Basis seines Profils so etwas wie der 1:1-Ersatz für den zu Spartak Moskau abgewanderten Christopher Martins. Sowohl von der Statur, als auch von der Spielweise her ähneln sich Niasse und der Luxemburger sehr. Mit 1,88m Körpergrösse und hervorragenden athletischen Attributen bringt der Senegalese dringend benötigte Physis und Durchschlagskraft in das Mittelfeld der Berner. Niasse vereint Härte, Aggressivität und starke Ausdauerwerte. Seine körperliche Kraft versteht er in Duellen am Boden und in der Luft gewinnbringend einzusetzen und seine langen Beine sind ein wichtiges Instrument für Balleroberungen und Tacklings.


Obwohl seine grössten Stärken im defensiven Bereich liegen, weiss er auch mit dem Ball einiges anzufangen. Seine herausragende fussballerische Ausbildung in Frankreich zeigt sich in guter Technik und sauberem Passspiel. Verbesserungspotenzial weist Niasse definitiv beim offensiven Einfluss auf das Spielgeschehen auf. Im Spitzenfussball kann er bislang noch keinen Treffer und keine Torvorlage vorweisen.



Perspektiven bei YB


Beim 3:3-Spektakelspiel gegen den FCSG feierte Niasse seinen Einstand im Schweizer Fussball. Er wurde in der 74. Spielminute eingewechselt – ergebnistechnisch betrachtet verlief sein Debüt aber sehr unglücklich, da die Young Boys noch eine 3:0-Führung herschenkten. Trotzdem war es ein erstes Zeichen, dass Trainer David Wagner bereits jetzt Vertrauen in den 22-Jährigen hat. Im typischen Berner 4-4-2-System mit zwei zentralen Mittelfeldspielern kann Niasse optimal den defensiveren Part im Zentrum geben. Neben einem Spielgestalter wie Rieder, Sierro oder Edimilson ist der Senegalese als Mann fürs Grobe für die Absicherung und den Punch zuständig.


Mit überzeugenden Kurzeinsätzen kann sich der Rechtsfuss nun nach und nach für höhere Aufgaben im Mittelfeld des Meisters empfehlen. In der Jugend agierte Niasse auch relativ häufig als Innenverteidiger. Angesichts der anhaltenden Verletzungsmisere ist es nicht auszuschliessen, dass ihn David Wagner auch einmal auf dieser Position aufstellen wird. Nun geht es für Niasse vor allem darum, sich schnellstmöglich einzuleben. Die vielen französischsprachigen Mitspieler und die afrikanische Prägung der YB-Equipe dürfte ihm dabei behilflich sein.