• Livio Dörig

The Streets Won't Forget: Oscar Scarione – Der Zehner mit dem Zauberfuss

In der Serie "The Streets won't forget" stellt Bolzplazz jeweils eine Legende des Schweizer Fussballs ins Rampenlicht. Dieser Beitrag widmet sich dem Argentinier Oscar Scarione, der die FCSG-Fans mit feinen Füssen zu Freudenstürmen treiben und mit seiner Interpretation der Spielgestalter-Rolle die ganze Fussballschweiz verzaubern konnte.


Scarione legte im Nachhinein betrachtet eine klassische Karriere für einen Spieler aus Südamerika hin, wobei die fussballerische Heimkehr bislang ausgeblieben ist. Geboren wurde er im Osten Argentiniens, genauer gesagt in einer Provinz von Buenos Aires namens José Carlos Paz. In der Hauptstadt nahm auch seine sportliche Laufbahn ihren Anfang, denn noch in Kinderjahren wurde Scarione in den Nachwuchs der Boca Juniors aufgenommen.


Für ihn war dies ein absoluter Glücksfall, denn der Traditionsverein ist zusammen mit River Plate seit eh und je absolutes Aushängeschild des argentinischen Fussballs und bekannt für seine starke Ausbildungsarbeit. Ebenfalls war die Entfernung zu seinem Geburtsort und damit auch zu seiner Familie nicht zu weit, was in so jungen Jahren natürlich sehr wichtig ist. Scarione durchlief sämtliche Nachwuchsauswahlen bis und mit der U20 beim ehemaligen Klub von Diego Maradona. Anfang 2002 erfolgte dann der Übertritt in die zweite Mannschaft von Boca. Dort genoss er als Teenager hervorragende Bedingungen, um den Schritt vom Talent zum Profifussballer zu schaffen.


Im Alter von 20 Jahren gehörte Scarione kurz zum erweiterten Kader der Profis der Boca Juniors. Der richtige Durchbruch blieb ihm im seinem Heimatland allerdings verwehrt und so zog es ihn weiter in den Nordwesten des Kontinents nach Ecuador. Das dortige Gastspiel beim Erstligisten Deportivo Cuenca war jedoch nur von kurzer Dauer.


Das Wagnis Schweiz geht voll auf


Im Sommer 2006 folgte für den jungen Argentinier dann der grosse Schritt nach Europa – und zu unserer Freude führte ihn sein Weg in die Schweiz. Der FC Thun verpflichtete den Offensivmann damals ablösefrei und wollte ihn langsam an den europäischen Fussball heranführen. Am 25. Spieltag der Saison 2006/2007 feierte Scarione sein Pflichtspieldebüt auf Schweizer Rasen. Auswärts im Joggeli schickte ihn Jeff Saibene für sieben Minuten aufs Feld. Er teilte sich dabei den Rasen mit illustren Namen wie Boris Smiljanic, Ivan Rakitic und Scott Chipperfield auf Seiten der Basler und mit Andreas Gerber, Nelson Ferreira und Milaim Rama auf Seiten der Berner Oberländer. Bis Saisonende konnte sich Scarione einen Stammplatz erarbeiten, der richtige Durchbruch gelang ihm dann in der folgenden Spielzeit.


Mit wettbewerbsübergreifenden 10 Torbeteiligungen bewies er, endlich im Profifussball und in der Schweiz angekommen zu sein. Allerdings konnte auch er den Abstieg des FC Thun nicht verhindern. Davon liess er sich auf seinem Weg aber nicht beirren, es folgte eine starke Hinrunde 2008/2009 mit 6 Treffern in der Zweitklassigkeit. Seine Leistungen erweckten das Interesse des damals wie heute kriselnden Luzerns, das sich seine Dienste für die Rückrunde leihweise sichern konnte. Restlos überzeugen konnte Scarione in der Innerschweiz aber nicht, dem Argentinier gelang zwar ein Tor in der Barrage, kehrte nach Ende der Saison aber ins Berner Oberland und in die Challenge League zurück.


An der Thuner Seitenlinie stand damals der heutige Nati-Coach Murat Yakin, der Scarione zu dem Spieler formen sollte, der die ganze Fussballschweiz verzückte. Unter «Muri» explodierte Scarione förmlich, mit 18 Toren hatte er einen riesigen Anteil am Aufstieg der Berner Oberländer. In der folgenden Hinrunde 2010/2011 konnte der Argentinier erstmals seine ganze Klasse konstant und auf einem höheren Niveau abrufen. 12 Torbeteiligungen standen zu Buche und Scarione führte sein Team mittlerweile sogar als Captain aufs Feld. Obwohl der offensive Mittelfeldspieler als eher ruhiger und bedachter Charakter galt, gab es in der Winterpause erstmals negative Schlagzeilen über ihn. Da er angeblich unentschuldigt den Trainingsstart im Frühjahr verpasste – bzw. mir nichts dir nichts seine Ferien verlängerte – kam es zu einem Zerwürfnis mit Yakin und den restlichen Verantwortlichen des FC Thun. Das gegenseitige Vertrauen war gebrochen, eine weitere Zusammenarbeit ausgeschlossen – und so nutzte der FCSG die Gunst der Stunde.


Im Februar 2011 präsentierten die Espen den zu jener Zeit 26-Jährigen als ersten Neuzugang in der Ära Dölf Früh. Dem FCSG gelang es als Tabellenschlusslicht, Scarione für nur rund Fr. 150'000.00 und einem Dreijahresvertrag in die Gallusstadt zu lotsen. Heute wie damals grosser Coup für die Ostschweizer, denn Scarione sollte sich zum überragenden Spieler im grün-weissen Kollektiv entwickeln. Zwar konnte er den Abstieg des FCSG Ende Saison nicht verhindern, doch mit 15 Treffern in der darauffolgenden Spielzeit schoss er seinen Verein zum direkten Wiederaufstieg.



Einer überragt alle anderen


Was danach folgte, wird wohl als eine der besten individuellen Saisons in die Geschichte der Super League eingehen. Wie schon im Aufstiegsjahr vertraute Jeff Saibene auch zurück im Oberhaus in der Spielzeit 2012/13 voll und ganz auf die Qualitäten von Scarione. Als Zehner im typischen 4-2-3-1-System der St. Galler zauberte der Rechtsfuss eine famose Leistung nach der anderen aufs Spielfeld. Leichtfüssig, technisch brillant und enorm abschlussstark trat er auf und begeisterte so das Ostschweizer Publikum. Mit 21 Treffern wurde Scarione als offensiver Mittelfeldspieler gar Torschützenkönig der Liga. Eine Ausnahmeerscheinung in einem Bereich, der sonst von eiskalten Stürmern dominiert wird. Vor ihm gewannen mit Ivan Zamorano und Charles Amoah nur zwei weitere St. Galler ebenfalls diese Auszeichnung.


Am Ende der Saison standen die Espen auf dem 3. Rang, zu verdanken hatte das der Aufsteiger grösstenteils seinem Argentinischen Zauberfuss und den ausgeklügelten Ideen des Trainers. Der nächstbeste Torschütze in des FCSG brachte es auf gerademal 4 Treffer. Das unterstreicht nochmal, wie sehr Scarione aus dem soliden Kollektiv herausstach. Aber es waren nicht nur seine vielen Treffer, die ihn die grün-weissen Fanherzen im Sturm erobern liessen: Mit 9 Assists stand er ebenfalls an Spitze des teaminternen Vorlagenrankings. Übersicht, Spielintelligenz und eine grosse Portion Kreativität zählten nämlich genauso zu seinem Repertoire wie eine überragende Schusstechnik und ein unheimlich gefühlvoller rechter Fuss. Weiter beeindruckend ist, dass Scarione in seiner Traumsaison sämtlichen Partien von Anfang bestritt und kein einziges Spiel verletzt verpasste.


Unvergessen bleiben die herrlich direkt verwandelten Freistösse oder seine beiden Dreierpacks in Heimspielen gegen den FC Luzern und den FC Sion. Zu seiner absoluten Blütezeit in der Schweiz war es schlichtweg eine Augenweide, dem Argentinier beim Kicken zuzusehen. Obwohl sich die St. Galler im Sommer 2013 sensationell für die Gruppenphase der Europa League qualifizieren konnten, mussten die Ostschweizer die aufregenden internationalen Herausforderungen ohne ihren Zehner antreten. Denn selbstverständlich weckte der frischgebackene Torschützenkönig Begehrlichkeiten im Ausland und da ihm die finanziell limitierten Ostschweizer keine grosse Gehaltserhöhung bieten konnten, zog Scarione weiter. Seine gesamthafte Bilanz auf Schweizer Rasen liest sich für einen offensiven Mittelfeldspieler mehr als beachtlich: 221 Partien, 89 Tore und 28 Assists.


Türkei, Israel und wieder zurück


Der FCSG erhielt von Kasimpasa Istanbul eine stattliche Ablösesumme von knapp 3 Millionen. Auch beim türkischen Klub konnte Scarione seine Spuren nachhaltig hinterlassen, denn er war nicht nur fester Bestandteil Kasimpasas in deren erfolgreichsten Periode der Vereinsgeschichte, sondern er ist mit 40 Toren auch Rekordtorschütze des Klubs. Zur damaligen Zeit hatte Scarione zudem den höchsten Marktwert seiner Karriere und war vielen Fussballkennern europaweit ein Begriff. Mit dem Team aus der türkischen Metropole am Bosporus konnte der Südamerikaner auch fast am internationalen Geschäft teilnehmen, aber Verstösse gegen das Financial Fairplay der UEFA zogen eine Sperre nach sich. Auch ansonsten machte Kasimpasa mit undurchsichtiger Finanzlage und chaotischen Zuständen von sich Reden, und so trennten sich die Wege im Sommer 2016.


Danach wechselte Scarione zu Maccabi Tel Aviv. In der israelischen Hauptstadt konnte er im Herbst seiner Karriere nochmals seine ganze Klasse unter Beweis stellen. Er kam vermehrt auch auf dem Flügel oder im zentralen Mittelfeld zum Einsatz und verbuchte 13 Scorerpunkte in 30 Auftritten. Ein Highlight für ihn persönlich war sicherlich, dass er endlich auch sein Debüt auf internationalem Parkett feiern konnte. Er spielte in der Gruppenphase der Europa League unter anderem gegen Zenit St. Petersburg und den AZ Alkmaar. Anschliessend zog es den Edeltechniker wieder zurück in die Türkei. Bei Göztepe Izmir und MKE Ankaragücü stand Scarione nochmals knapp 40-mal in der Süper Lig auf dem Rasen. Auch aufgrund seines fortschreitenden Alters war die Luft jedoch etwas raus und grosse sportliche Ausrufezeichen setzte der Rechtsfuss keine mehr.



Zwar hat Scarione sein Karriereende noch nicht offiziell verkündet, doch seit August letzten Jahres ist er vereinslos und folglich auch nicht mehr im Profifussball aktiv. Laut seiner Social Media-Beiträge geniesst er seither die Zeit mit seiner Familie ausgiebig und scheint weiterhin in der Türkei zu leben. Ob er seine Fussballschuhe nochmals irgendwo schnürt, weiss nur der 36-Jährige selbst. Seine Zeit in der Schweiz – und speziell beim FC St. Gallen – wird unzähligen Super-League-Fans noch lange in bester Erinnerung bleiben. So ästhetisch, kreativ und technisch anspruchsvoll wie Scarione, interpretierte kaum ein anderer die Spielgestalterrolle in unserem Land. Es war wahrlich ein Genuss, ihm beim Fussballspielen zuschauen zu dürfen!