• Chris Eggenberger

Vernachlässigt der FCB den eigenen Nachwuchs?

Aktualisiert: 16. Jan.

Seit David Degen den Verein übernommen hat, scheinen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in Basel einen schweren Stand zu haben. Täuscht der Eindruck – oder entwickelt sich am Rheinknie die Integration der eigenen Talente tatsächlich in die falsche Richtung?


Der FC Basel ist derjenige Super-League-Verein, der in der laufenden Saison 2021/22 bislang die wenigsten U23-Spieler eingesetzt hat, die auch im eigenen Nachwuchs ausgebildet wurden. Nur einen einzigen Einsatz nämlich gab es für ein eigenes U23-Talent, Afimico Pululu (22) durfte im August für 7 Minuten gegen YB ran – wurde vor wenigen Tagen aber an Greuther Fürth verkauft.


Talente aus dem Ausland statt Spieler aus der eigenen Jugend


Der Einsatz Pululus datiert noch vor dem 31. August, dem berüchtigten Deadline Day, an dem der FCB mit Wouter Burger (20), Joelson Fernandes (18), Tomas Tavares (20) und Dan Ndoye (21) gleich vier Youngster aus dem Ausland verpflichtete, drei davon auf Leihbasis. Davor kamen schon im Juli Nasser Djiga (19), Sebastiano Esposito (19), Andy Pelmard (21), Sergio Lopez (22), Darian Males (20) und Liam Millar (22) nach Basel, alle zehn genannten Akteure waren – mit Ausnahme von Lopez – zum Zeitpunkt ihres Wechsels 21 Jahre alt oder jünger. Und mit Ausnahme von Djiga, der direkt aus Burkina Faso verpflichtet wurde, standen sämtliche Spieler bei grossen europäischen Vereinen unter Vertrag – von Real Madrid, über Inter bis Liverpool.


Die neue Führung um David Degen verfolgt also eine klare Strategie und führt diese auch im Winter weiter, wie die Transfers der beiden Teenager Emmanuel Essiam (18) und Noa Dundas (17) zeigen: Hochtalentierte Spieler aus dem Ausland werden – oft per Leihe mit Kaufoption – nach Basel gelotst, mit dem Ziel, sie für viel Geld weiterzuverkaufen. Den Preis dafür zahlen Spieler mit echter rot-blauer DNA wie Eray Cömert (23) oder eben Pululu, und auch die Stammplätze der Routiniers und Identifikationsfiguren Taulant Xhaka (30) und Valentin Stocker (32) schienen in der Hinrunde alles andere als sicher. Mit Innenverteidiger-Talent Albian Hajdari (18) wurde vor wenigen Tagen immerhin ein "Eigener" auf Leihbasis von Juventus zurückgeholt.



Blickt man auf die Liste aller Spieler im Kader, die beim FCB ausgebildet wurden und unter 30 Jahre alt sind, stellt man fest, dass das nach dem Verkauf Pululus gerade mal noch vier sind: Hajdari, Cömert, Petretta und Reservegoalie Gebhardt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in der neuen Saison nur noch Gebhardt übrig sein wird, schliesslich laufen die (Leih-)Verträge der anderen Spieler im Sommer aus. Auch wenn mit der Verlängerung von Trainer Patrick Rahmen ein wichtiger Schritt getan wurde, scheint die Verbindung und Verwurzelung der Mannschaft mit dem Verein und der Stadt Basel immer geringer zu werden.



Der FCB führt in seinem 27-köpfigen Kader der 1. Mannschaft 15 Spieler, die jünger sind als 23, nur drei davon sind Schweizer (Hajdari, Ndoye und Males). Von diesen 15 Spielern wiederum gibt es nur einen einzigen, der sowohl in Basel ausgebildet wurde, als auch fix dem FCB gehört, nämlich Felix Gebhardt. Untypisch für einen solch stolzen Verein, der jahrelang für die beste Nachwuchsarbeit des Landes stand und regelmässig Talente des Kalibers Rakitic, Shaqiri, Xhaka, Embolo oder Okafor hervorgebracht hat.


Was geschieht mit den eigenen Nachwuchsspielern?


Dass angesichts dieser ernüchternden Zahlen junge Spieler das Vertrauen in ihre Chancen für die 1. Mannschaft verlieren, ist wenig überraschend und zeigt sich nicht zuletzt anhand des jüngst abgeschlossenen Transfers von Adrian Durrer (20) zum FC Lugano. Durrer debütierte im letzten März gegen Luzern in der Super League und erzielte dabei prompt sein erstes Tor. Seither stand er aber nur noch ein einziges Mal im Kader für ein Ligaspiel, 9 Minuten Conference League in Qarabag sind nebst dem Cup sein einziger Leistungsausweis in dieser Saison bei den Profis. Um die eigene Karriere voranzutreiben, war für ihn der Wechsel ins Tessin fast alternativlos.



Durrers Nachwuchs-Weggefährten werden sich ähnliche Gedanken machen, eine überragende U18-Saison 2020/21 mit 87 Toren in 26 Partien (3.3 pro Spiel) können sich Carmine Chiappetta (18), Liam Chipperfield (17), Andrin Hunziker (18) und Kollegen immerhin gutschreiben lassen. Dazu kommt zum Beispiel ein Tresor Samba (19), der mit der U21 in dieser Saison in 18 Promotion-League-Spielen schon 17 Tore erzielt hat (Mehr zu Samba: Swiss Talent Watch).

Wie gestaltet sich die Situation der einst hoffnungsvollsten FCB-Talente?


Yannick Marchand (21)

Der U21-Nationalspieler wurde im Sommer bereits zwecks Spielpraxis verliehen. Bei Grenoble in der Ligue 2 wurde Marchand allerdings nicht glücklich. Der FCB beorderte ihn zurück und verlieh ihn nun direkt an Neuchâtel Xamax weiter – mit Kaufoption. Der technisch versierte, zweikampfstarke Mittelfeldspieler scheint beim FCB keine Zukunft mehr zu haben, andernfalls hätte man Xamax keine Klausel zur definitiven Übernahme zugestanden.




Tician Tushi (20)

Der athletische Stürmer erzielte in dieser Saison im Cup seinen ersten Pflichtspieltreffer für den FCB. Wirklich auf ihn setzen will man aber nicht, in der Liga stand er keine einzige Sekunde lang auf dem Platz. Für die Rückrunde wurde er nun an den FC Winterthur verliehen. Im Idealfall drängt er sich mit Toren auf und bekommt im Sommer einen fixen Kaderplatz in Basel – sein Vertrag dort läuft noch bis 2023.




Julian von Moos (20)

Definitiv abgegeben wurde vor wenigen Tagen der einst als "grösstes Stürmertalent der Schweiz" angekündigte Julian von Moos. Nach einer unbefriedigenden Ausleihe zu Vitesse Arnheim wurde er nun an den FC St. Gallen verkauft, wo er einen Vertrag bis 2024 unterschrieben hat. Von Moos ist schnell, dribbelstark und dynamisch, als er im Frühling 2019 sein Debüt für die 1. Mannschaft des FCB in der Super League feierte, traf er sogleich. Das grosse Versprechen konnte er bis dato allerdings noch nicht einlösen. Beim FCSG erhält er beste Bedingungen, um seine tollen Anlagen bestmöglich weiterzuentwickeln und den nächsten Schritt zu gehen.




Carmine Chiappetta (18)

Der U19-Nati-Flügelstürmer feierte in der letzten Saison unter Ciriaco Sforza sein Debüt in der 1. Mannschaft. In dieser Spielzeit reichte es Chiappetta bislang allerdings nur zu einem einzigen Teileinsatz im Cup. Jetzt, da Edon Zhegrova (22) an Lille verkauft wurde, könnte sich ihm aber eine realistische Chance bieten, schliesslich bekleidet er nicht nur dieselbe Position, sondern verkörpert auch einen sehr ähnlichen Spielstil. Die grosse Frage: Ist der FCB bereit, seinem Nachwuchsspieler das Vertrauen zu schenken – oder wird auf dem Transfermarkt nachgelegt? Möglich auch, dass Chiappetta selber seine Zukunft nicht mehr in Basel sieht: Wie der Verein bestätigte, erhielt er eine Trainingserlaubnis beim FC Winterthur...



Liam Chipperfield (17)

Eines der wenigen Basler Eigengewächse, das aktuell wirklich gute Perspektiven auf eine Zukunft in der 1. Mannschaft zu haben scheint, ist Mittelfeldtalent Liam Chipperfield, Sohn von FCB-Legende Scott. Der Schweizer U18-Nationalspieler stand in der Conference League schon zweimal im Aufgebot und feierte im Cup sein Debüt, in der U21 gehört er überdies zu den Leistungsträgern. In der Winterpause ist er ebenfalls im Kreise der Profis anzutreffen, jüngst traf er gar im Testpsiel gegen Lugano. Ihm gehört die Zukunft, kann er den fixen Sprung in den Kader schaffen, würde er dem gesamten FCB-Nachwuchscampus als Wegbereiter dienen.