• Livio Dörig

Späte Gegentore für den FCSG: Zufall oder Schwäche?

Aktualisiert: Sept 7

In vier der fünf Partien der laufenden Super League-Saison hat der FC St. Gallen jeweils nach der 75. Spielminute ärgerliche Gegentreffer kassiert. Statt drei Heimsiegen und neun Punkten stehen in der Bilanz nur drei Remis. Und auch beim Auftaktsieg in Lausanne trafen die Waadtländer spät noch zum Anschluss. Eigenes Unvermögen oder Zufall? Bolzplazz begibt sich auf eine Spurensuche.


  • 24. Juli 2021, FC Lausanne-Sport vs. FC St. Gallen 1879, 87. Spielminute

Um den Anschlusstreffer bemüht, steht Lausanne sehr hoch und die St. Galler Mannschaft agiert tiefstehend rund um den eigenen Sechzehner viel zu passiv. Brahima Ouattara nutzt den mangelnden Gegendruck und trifft aus rund 20 Metern mit einem Linksschuss zum 1:2.


  • 1. August 2021, FC St. Gallen 1879 vs. FC Luzern, 82. und 96. Spielminute

Über das gesamte Spiel gesehen die klar bessere Mannschaft und das noch über weite Strecken in Unterzahl, versuchen die Espen den Sieg ins Trockene bringen. Doch zuerst setzt sich Ugrinic im Strafraum sehenswert gegen die St. Galler Verteidiger durch und trifft zum Anschlusstreffer. Gut zehn Minuten später flankt Ndiaye von links butterweich in die Mitte und Tasar köpfelt goldrichtig und völlig freistehend zum Ausgleich. Mit dem letzten Angriff stehlen die Innerschweizer den sicher geglaubten Sieg der Grün-Weissen.


  • 21. August 2021, FC St. Gallen 1879 vs. FC Sion, 93. Spielminute

Nach einer schwachen ersten Halbzeit vergeben die Espen nach der Pause einige Hochkaräter, um das Spiel zu ihren Gunsten zu entscheiden. So kann sich der Sittener-Edeljoker und St. Gallen-Schreck Hoarau tief in der Nachspielzeit auf Höhe des Fünfmeterraumes völlig unbedrängt hochschrauben und wuchtig das 1:1 erzielen.


  • 28. August 2021, FC St. Gallen 1879 vs. FC Zürich, 76. Spielminute

In einer spektakulären Partie führen die Ostschweizer insgesamt drei Mal, doch der abermalige Ausgleich der Zürcher in der Schlussphase verhindert den Heimsieg. Nach einem Eckball von Marchesano wird der Ball am ersten Pfosten verlängert und der 1.70 m kleine Gnonto kann am hinteren Pfosten ungehindert einnicken.


Spurensuche für die vielen späten Gegentore


Innert knapp eines Monats der noch jungen Saison 2021/22 haben die Ostschweizer also bereits fünf Gegentreffer nach der 75. Spielminute kassiert. Konnte man in der Romandie noch die drei Punkte mit nach Hause nehmen, kosteten die Ausgleiche im Kybunpark wertvolle Punkte und so war der Auftakt in die neue Spielzeit eher mittelmässig. Ohne die drei ärgerlichen Unentschieden stünde der FCSG mit zwölf Punkten auf dem 2. Tabellenrang.

Ein eindeutiges Muster bei den aktuellen späten Gegentoren lässt sich nicht erkennen, jedoch fing man sich drei dieser späten Gegentore nach einer vermeidbaren Flanke von aussen gefolgt von einem Kopfball. Nebst dem, dass sich der FCSG die Gegentore alle nach der 75. Spielminute eingehandelt hat, haben diese späten Treffer aber noch etwas anderes gemeinsam: In allen Szenen vermögen die Espen nicht den Gegenspieler genügend unter Druck zu setzen und so den Abschluss oder die Hereingabe zu verhindern. Obwohl die Schlussphasen in den genannten Partien nicht per se schlecht waren, wirkte die gesamte Mannschaft in den entscheidenden Momenten zu passiv. Outtara, Ugrinic, Tasar, Hoarau und zuletzt Gnonto genossen allesamt in den jeweiligen Situationen zu viele Freiheiten und wurden nicht konsequent gestört.


Eine mögliche Ursache für diese gehäuften Vorkommnisse könnte die kräfteraubende und intensive Spielweise sein, welche Peter Zeidler von seinem Team einfordert und so in den Schlussminuten die nötigen Körner fehlen. Doch die Saison ist noch jung, die Espen dürften zu den physisch fittesten Mannschaften zählen, es sind seit letztem Jahr fünf Wechsel erlaubt und in den bisherigen Matches wirkten die Grün-Weissen kollektiv gesehen keineswegs übermässig erschöpft und ausgepowert. Mit Kraftpaket Ousmane Diakité, Dauerläufer Michael Kempter und der vollständigen Wiedergenesung von Aggressivleader Nicolas Lüchinger hat das Kader in puncto Physis gegenüber letzter Spielzeit wohl sogar noch etwas zugelegt. Im Heimspiel gegen Sion hatten die St. Galler gegen Schluss gar ihre beste Phase des Spiels und erarbeiteten sich einige Grosschancen. Auch im Spiel gegen den FCZ wäre das 4:3 durchaus möglich gewesen. Ein wirklich stichhaltiger Grund für die späten Gegentreffer ist die körperliche Müdigkeit derzeit also nicht.


© Peter Schneider/Keystone

In Peter Zeidlers erster Saison an der Seitenlinie der Ostschweizer hatte der FCSG eine ausgeglichene Bilanz in der Schlussphase. In der Spielzeit 2018/19 schoss man in insgesamt 41 Partien ab der 75. Spielminute 17 eigene Treffer und musste gleich viele Gegentore hinnehmen. Durchschnittlich betrachtet kassierten die St. Galler in 41% der Spiele einen späten Treffer – definitiv eine Zahl über dem Normalbereich. In der so erfolgreichen Folgesaison mit dem Gewinn der Vizemeisterschaft erhöhte sich diese Quote erstaunlicherweise auf 44%. 17 späte Gegentreffer in total 38 Partien sind definitiv zu viel und einer der Gründe, warum die Espen trotz einer starken Spielzeit am Ende Gratulationen in die Bundeshauptstadt ausrichten mussten.


In der von der COVID 19-Pandemie geprägten, weniger rosigen letzten Saison musste Torhüter Zigi dagegen wieder nur in durchschnittlich 20% der Spiele in den Schlussminuten den Ball aus dem eigenen Netz fischen (acht späte Gegentreffer in 41 Partien). Führt man diese Rechenspielerei in die laufende Spielzeit weiter, steht da momentan eine Quote von 0,8 oder anders gesagt kassieren die Grün-Weissen bislang im Schnitt in 83 % der Spiele einen Gegentreffer ab der 75. Spielminute. Eine erschreckende Zahl, denn zieht sich die Anfälligkeit im Saisonverlauf genau so weiter, wären es bei gesamthaft 40 Partien ganze 33 späte Tore für die Gegner.

Eine weiterer Nährboden für die derzeit vielen Dämpfer gegen Ende der Partie könnte die junge Mannschaft und die damit verbundene fehlende Routine sein. Dieses Argument greift jedoch auch nur halb, denn in den bis dato fünf Ernstkämpfen hatte die Startelf der Espen zusammengenommen ein Durchschnittalter von 23,7 Jahren. Dies ist zweifelsohne jung, doch in den beiden vorangegangenen Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 schickte Zeidler vielfach eine noch unerfahrenere Startformation aufs Feld.


Fazit:


Betrachtet man die genannten Aspekte als Ganzes lässt sich konstatieren, dass die momentane Anfälligkeit für späte Gegentore eine Mischung aus Zufall und Schwäche ist. Die zuletzt extreme Häufung an verspielten Punkten bei weit fortgeschrittener Spieldauer hat sicherlich auch mit Pech zu tun. Trotzdem sind in den Amtsjahren Zeidlers schon früher gewisse Tendenzen für viele späte Gegentore zu erkennen gewesen. Gerade in der von Erfolg geprägten Saison 2019/20 starteten die St. Galler in den Anfangsminuten vielfach furios und liessen gegen Ende der Partie etwas nach. Der Kräfteverschleiss ist beim intensiven Pressing und Gegenpressing, welches der 59-jährige Coach einfordert, sicher höher als bei anderen Spielausrichtungen. Eine gewisse Müdigkeit gegen Ende lässt sich auch mit den austrainiertesten Profis nicht verhindern.


Das junge Alter der Startformation hilft sicherlich auch nicht dabei, Führungen besonders abgeklärt über die Zeit zu retten. Bei aller Klasse von Stergiou, Fazlij, Youan & Co.: Die fehlende Routine lässt sich in der ein oder anderen brenzligen und engen Situation nicht von der Hand weisen. Victor Ruiz ist mit 27 (!) Jahren der älteste Spieler im Kader der Ostschweizer. Obwohl sich Zeidler ob den unnötig vergebenen Punkte grün und blau ärgern wird, tut er gut daran, weiterhin das Vertrauen seiner Truppe zu stärken. Entsprechende Impulse im Training wie konsequenteres Verteidigen, bessere Raumaufteilung in der Defensivbewegung oder Konzentrationsübungen bei starker Belastung würden sicherlich helfen. Jetzt in eine Negativspirale wegen der späten Gegentreffer zu geraten, wäre fatal für die zweifellos talentierte Mannschaft. Doch Zeidler hat genug Erfahrung und Know-how, um seine Elf in die richtigen Bahnen zu lenken. Hoffnung darf dem St. Galler Umfeld ebenfalls machen, dass ihre Lieblinge mit jedem Spiel erfahrener werden und demzufolge eine Lernkurve erkennbar sein sollte. Und irgendwann wird auch die Glücksgöttin Fortuna wieder grün-weiss tragen. Ob sie dies schon im Auswärtsspiel in Genf nach der Länderspielpause tut, wird sich zeigen.