• Emanuel Staub

Schweizer Legionäre: Niederlande

In der Serie "Schweizer Legionäre" werden alle Schweizer Fussballer, die im Ausland unter Vertrag stehen, vorgestellt. Auch unbekannte Spieler aus weniger beachteten Ligen sollen ins Spotlight gerückt werden. Der zweite Beitrag der neuen Serie ist Schweizer Spielern in Holland gewidmet.


Fussballnation Holland

Die Niederlande ist eine Fussballnation par excellence. Wahre Weltstars wie Johan Cruyff, Dennis Bergkamp oder Arjen Robben brachte das Land hervor. Der Europameistertitel von 1988 reiht sich ebenso in die holländische Fussballgeschichte ein wie die Vize-Weltmeisterschaft von 2010 oder zahlreiche europäische Titel der heimischen Klubs.

Die Nationalmannschaft ist das Zugpferd des niederländischen Fussballs, aber auch die Liga (Eredivisie) darf keinesfalls unterschätzt werden. Dort in erster Linie zu nennen ist natürlich Ajax Amsterdam, einer der erfolgreichsten Klubs der Welt. 73 Titel hat Ajax in seiner Klubhistorie gesammelt, 11 davon auf internationaler Bühne.

Hinter Ajax tummeln sich mit PSV Eindhoven (46 Titel) und Feyenoord Rotterdam (36 Titel) zwei weitere Vereine europäischer Klasse. Die Eredivisie rangiert zur Zeit auf dem 8. Platz der UEFA-Fünfjahreswertung und gehört ohne jeden Zweifel zu den stärksten und attraktivsten europäischen Ligen ausserhalb der Top 5. Transfermarkt schätzt den Gesamtmarktwert der Eredivisie auf über 1 Milliarde Euro. Vor der Corona-Untebrechung 2019/20 kam die oberste niederländische Spielklasse auf einen Zuschauerschnitt von über 18.000.


Eredivisie: Oft unterschätzt

Im eigenen Land geniesst die Eredivisie also einen hohen Stellenwert, im Ausland wird sie hingegen leider oft schnöde ignoriert. Tatsächlich macht die Liga für jeden neutralen Fussballfan aber sehr viel Spass, rasanter Angriffsfussball wird zelebriert und gelebt. Hinzu kommen unzählige spannende Talente, die landesweit den herausragenden Nachwuchsakademien entspringen und stets für Furore sorgen. Jährlich betreten neue interessante junge Spieler die Bühne der Eredivisie, der Strom an Talenten will seit Jahren nicht abreissen. Wie alle Klubs ausserhalb der "Big Five" auch, müssen sich die niederländischen Vereine jedoch damit abfinden, dass ihre begabtesten jungen Kicker über kurz oder lang von ausländischen Klubs aufgekauft werden. Für europäische Scouts ist der niederländische Fussball also eine wahre Goldgrube. Als klassische Ausbildungsliga verzichten die meisten holländischen Vereine auf millionenschwere Einkäufe. Einzig die regelmässigen Champions League- und Europa League-Teilnehmer leisten sich grössere Namen und sind überhaupt im Stande, Millionenbeträge auf den Tisch zu legen. Die sieben teuersten Zugänge der Liga-Geschichte gehen allesamt auf das Konto von Ajax, wobei Wintereinkauf Sébastien Haller mit 22,5 Millionen der Rekordtransfer ist.


Tabelle der Eredivisie 2020/21 via transfermarkt.ch

Mehr als nur Ajax

Der holländische Fussball ist aber mehr als nur Ajax. Klubs wie AZ Alkmaar, Twente Enschede, SC Heerenveen oder Vitesse Arnheim sagen jedem europäischen Fussballliebhaber etwas, herausragende Nachwuchsarbeit wird nämlich nicht nur in Amsterdam oder Eindhoven geleistet. In dieser Saison stellten Twente Enschede und ADO Den Haag mit jeweils 22,6 Jahren die jüngste Startelf der Liga, bestehend aus Talenten aus dem eigenen Nachwuchs. Auch Alkmaar (Schnitt von 23,00 Jahren) oder Willem II Tilburg (23,2 Jahre) tragen zum Jugendwahn und der tollen Talentförderung in der Eredivisie bei. PEC Zwolle, Heerenveen, Groningen und RKC Waalwijk bewegen sich in puncto Talententwicklung ebenfalls auf einem ähnlichen Niveau.

Der niederländische Fussball hat also noch deutlich mehr zu bieten als "nur" Ajax. Die Eredivisie hat sich in den letzten Jahren als perfektes Sprungbrett für junge Spieler bewiesen und ist daher gerade für hoffnungsvolle Talente aus dem In- und Ausland eine äusserst attraktive Destination.


Ein paar Worte verdient auch die Keuken Kampioen Divisie, die zweithöchste niederländische Spielklasse. Mit einem geschätzten Gesamtmarktwert von 174 Millionen überragt sie unsere Challenge League (63 Millionen) meilenweit. Bemerkenswert an der Kampioen Divisie: Einige der grossen Klubs lassen ihre zweiten Mannschaften antreten. Diese Zweitvertretungen bestehen aus den grössten jungen Talenten der eigenen Akademie, die auf diese Weise behutsam ans Profiniveau herangeführt werden können. Das niederländische Unterhaus ist also der Inbegriff einer Talentliga, wo zahllose spannende junge Spieler reifen und viel Spielpraxis sammeln können.


Schweizer in den Niederlanden

Holland wird leider nur sehr selten von Schweizer Fussballern angepeilt. Gerade für junge Spieler aus der Super League würde sich ein Transfer zu einem Eredivisie-Verein hervorragend als Zwischenschritt eignen. Anstatt mit Anfang 20 direkt in die Premier League zu wechseln, würde ein Zwischenstopp in die Niederlande für viele Schweizer Talente Sinn ergeben. Leider sehen viele Karriereplanungen aktuell anders aus: Zur Zeit stehen gerademal fünf Schweizer Fussballer in Holland unter Vertrag.


Einer der wenigen Schweizer, die in der Eredivisie ihr Glück gefunden haben, ist ex-Nati-Sturmtank Blaise Nkufo. 34 Länderspiele absolvierte er für die Schweiz (7 Treffer). Der heute 45-Jährige ex-Profi ballerte sich mit 128 Toren zum Rekordschützen seines Klubs Twente Enschede. Vor Twentes Stadion steht sogar eine Statue von Nkufo – kein Wunder, schoss er den Klub doch 2009/10 zu dessen einzigen Meistertitel der Klubhistorie.

Ein zweiter Nkufo ist unter den aktuell in der Eredivisie angestellten Schweizer Fussballern aber keiner auszumachen...


Yvon Mvogo, 26: PSV Eindhoven

Nach Jahren auf der Bank von RB Leipzig wechselte Nati-Goalie Mvogo im letzten Sommer leihweise zum PSV. Sofort eroberte er den Startplatz zwischen den Pfosten und fand nach einem Fehlstart rasch zu seiner besten Form zurück. Trotzdem ist er unter den PSV-Anhängern nicht ganz unbestritten, denn hie und da leistet sich der ex-YB-Torwart nach wie vor kleinere Unachtsamkeiten. Der deutsche Trainer Roger Schmidt setzt aber weiterhin auf seinen Schweizer Schlussmann, der planmässig noch bis im Sommer 2022 in Holland angestellt ist, ehe er in die Bundesliga zurückkehren soll. Wettbewerbsübergreifend hechtete sich Mvogo in dieser Saison zu 9 weissen Westen, seine Chancen auf eine EURO-Teilnahme mit der Schweiz sind intakt – auch wenn er mit Gregor Kobel (23, VfB Stuttgart) und Jonas Omlin (27, Montpellier) hartnäckige Konkurrenz um den Platz hinter Yann Sommer (32, Gladbach) hat.


Martin Angha, 27: Fortuna Sittard

In seiner zweiten Saison mit Fortuna Sittard hat sich Martin Angha zum unbestrittenen Stammspieler entwickelt. Der grossgewachsene Innenverteidiger stand in 24 von 25 möglichen Partien auf dem Rasen. Ausgebildet beim FC Arsenal, zeichnete sich Anghas Karriere durch ein ständiges Auf und Ab aus. Weder in Deutschland beim 1. FC Nürnberg und 1860 München, noch in der Heimat beim FC St. Gallen und beim FC Sion wurde wirklich auf den gebürtigen Zürcher gesetzt. Nun scheint er in Holland endlich einmal bei einem Verein richtig angekommen zu sein. In Sittard hat Angha eine wichtige Rolle inne und geht mit Leistung voran. Zweikampfstark, ruhig am Ball und gut in der Luft: Angha ist das Rückgrat der Sittard-Defensive und wird von Fans und Experten sehr geschätzt. Mit 27 Jahren hat er nun sein Glück gefunden. Gut möglich, dass es für den ehemaligen Schweizer U21-Nationalspieler jetzt sogar noch weiter aufwärts geht.

via foot.cd

Roy Gelmi, 26: VVV-Venlo

Der nächste Schweizer Innenverteidiger, den es nach Holland gezogen hat, ist Roy Gelmi. Im Winter 2020 wechselte Gelmi vom FC Thun zum Eredivisie-Verein Venlo. Der Bülacher ist stark in der Luft und robust im Zweikampf, hatte aber bereits in der Super League mit Tempodefiziten und technischen Mängeln zu kämpfen. Bei Venlo hat sich Gelmi stabilisiert und zählt mehrheitlich zum Stammpersonal. Im letzten Herbst ging er mit seinem Team aber unrühmlich in die Geschichtsbücher ein: Zuhause verlor Venlo mit 0:13 gegen Ajax Amsterdam. Gelmi selber wurde beim Stande von 0:6 eingewechselt...


Valentino Pugliese, 23: FC Dordrecht

Ein Name, der in der Schweiz sehr unbekannt sein dürfte: Valentino Pugliese stiess im vergangenen Wintertransferfenster aus Bulgarien zum FC Dordrecht. In der Keuken Kampioen Divisie erhofft sich der Mittelfeldspieler einen neuen Anlauf, denn bei Lokomotive Plovdiv kam er in einem Jahren auf gerademal sieben Pflichtspieleinsätze. Vor seinem Wechsel nach Osteuropa war Pugliese in der Challenge League in Wil, Schaffhausen und Chiasso engagiert.


Stijn Keller, 20: Almere City

Torwarttalent Stijn Keller, geboren und aufgewachsen in den Niederlanden, besitzt neben der Holländischen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Der 20-jährige Goalie steht bei Almere City in der zweiten Liga unter Vertrag und durchlief im Verein sämtliche Juniorenstufen, ehe er im vergangenen Sommer als dritter Torwart in den Profikader hochgezogen wurde. Während die 1,95m-Kante noch auf seinen ersten Einsatz für Almere City wartet, stand er bereits für die Schweizer U20-Nationalmannschaft zwischen den Pfosten. Keller ist ein hochinteressanter Torwart, nicht ausgeschlossen, dass man von ihm in Zukunft noch einiges hören wird...



Kehrt Mvogo schon im Sommer nach Leipzig zurück? https://rblive.de/mannschaft/trennt-sich-psv-eindhoven-von-yvon-mvogo-bericht-vorzeitiger-abbruch-der-leihe-von-rb-leipzig-nicht-ausgeschlossen-18695


Angha hat sein Glück in Sittard gefunden: https://www.limburger.nl/cnt/dmf20210108_95727654


Rückblick auf Twente-Legende Nkufo: https://www.watson.ch/sport/football%20porn/965120013-football-porn-teil-xii-nkufo-strahlt-mit-klopp-um-die-wette