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Sandro Lauper: Von der Reha in die Nati?

Aktualisiert: Feb 10

Was hat er nicht für eine Leidensgeschichte hinter sich: Sandro Lauper (24) brachte jüngst eine 610 tägige Pflichtspielzwangspause hinter sich. Zwei Kreuzbandrisse hintereinander verlangten ihm alles ab. Nun ist er zurück – und spielt als wäre er nie weg gewesen. Wird er sogar zu einem Kandidaten für die Nati? Bolzplazz macht den Check.


Nachdem er 2015 aus dem YB-Nachwuchs aussortiert wurde, schloss sich Sandro Lauper dem FC Thun an. Im Berner Oberland reifte er in drei Jahren zu einem der vielversprechendsten Talente der Super League. Und so holten die Young Boys das ehemalige Eigengewächs 2018 als frischgebackener Meister und erstmaliger Champions League-Teilnehmer für eine kolportierte Ablösesumme von 1,5 Millionen Franken zurück in die Bundeshauptstadt. Ohne Anlaufzeit zu benötigen, spielte sich Lauper in der YB-Stammelf auf Anhieb fest und hinterliess mit hervorragenden Leistungen bleibenden Eindruck.


In der Defensive polyvalent einsetzbar, glänzte Lauper mit technischer Finesse, körperlicher Durchsetzungskraft und einem tollen Gespür für raumöffnende Pässe und Tacklings. Verwundert rieb man sich während den Champions League-Partien gegen Manchester United und Juventus Turin die Augen, als er den europäischen Topstars mit harten Zweikämpfen, intelligenten Pässen in die Schnittstellen und grossem Einsatz auf dem Rasen alles abverlangte. Und der soll vor drei Monaten noch in Thun gespielt haben? Die Entwicklung, die Sandro Lauper in der Saison 2018/19 bei YB nahm, war herausragend. Erste Stimmen kamen auf, die seine Nomination für die Schweizer Nationalmannschaft forderten. Doch dann kam es ganz anders. Am 25. Mai 2019, dem letzten Spieltag der Saison 18/19, als sich schon ganz Bern zur Feier der zweiten Meisterschaft in Serie einstimmte, riss sich Lauper das Kreuzband.

© Thomas Hodel / https://www.thomashodel.ch/

Im Frühjahr 2020 hatte er seinen Heilungsprozess abgeschlossen und war bereit, endlich wieder mitzumischen. Doch bevor er wieder in der Super League auflaufen konnte, folgte der zweite Schock: Im Testspiel gegen Kriens zog sich Lauper dieselbe Verletzung erneut zu. Mit unglaublichem Biss, grossem Engagement und viel Vertrauen in seinen Weg, schaffte er es, eine Verletzung, die für andere schon das Karriereende bedeutete, zum zweiten Mal auszukurieren und sich durch unermüdlichen Einsatz zurück auf den Rasen zu bringen. Am 15. Spieltag der aktuellen Saison gab er nach über eineinhalb Jahren ein acht minütiges Comeback gegen den FC Vaduz. Und schon in der nächsten Runde stand Lauper in der Startelf und erlebte eine märchenhafte Rückkehr ins Wankdorf, als er zum 1:0 traf.


Auch in der nächsten Partie, gegen den FC Zürich, schoss Lauper ein Tor, und gegen Lausanne-Sport lieferte er einen blitzsauberen Assists für Jean-Pierre Nsame. Aus unerklärlichen Gründen fängt Lauper nun also an zu scoren, was ihm vor seiner Verletzung eigentlich nie gelungen ist. Gerademal ein Tor in 35 YB-Partien konnte der Emmentaler vor seinem Märchen-Comeback aufweisen, nun sind es drei Scorerpunkte in 250 Minuten Einsatzzeit. Lauper hat seinen Platz im YB-Ensemble sofort wiedergefunden und präsentiert sich vielleicht in seiner bislang besten Verfassung. Als zentraler Mittelfeldspieler eingesetzt, zeigt er sich extrem passsicher und ruhig mit dem Ball am Fuss. Auch seine Zweikampfhärte und seine Stärke in der Balleroberung haben durch die lange Zwangspause nicht nachgelassen. Aktuell ist Lauper mit einer Passquote von 90% der vielleicht passtärkste und stilsicherste Spieler der Liga. In der Defensive gewinnt er 61% seiner Duelle und pro Partie gelingen ihm im Schnitt 11 Balleroberungen. Beides sind sehr starke Werte und zeigen deutlich auf, dass Lauper trotz Verletzungspech sein Potential sofort wieder abrufen kann. Durch die neuentdeckten Scoringqualitäten ist er zudem im Nu zu einem noch kompletteren Spieler geworden – und für YB sofort zu einem elementaren Puzzleteil.


Mit einer Körpergrösse von 1,85m und seiner angesprochenen defensiven Härte und Zweikampfsouveränität, ist Lauper auch ein Kandidat für die Innenverteidiger-Position. In der Vergangenheit wurde er dort schon aufgestellt und konnte ebenfalls überzeugen. In seiner momentanen Verfassung ist er aber sicher besser in der Schaltzentrale aufgehoben, wo er für YB durch seinen Mix aus Körperlichkeit und fussballerischer Klasse ein Schlüsselspieler sein kann. Hinsichtlich der Nationalmannschaft könnte es aber genau andersrum sein. Im Mittelfeld ist die Nati extrem breit aufgestellt und besitzt qualitativ hochwertige Kadertiefe, wohingegen gerade die Innenverteidiger immer Anlass für Diskussionen geben. Lauper könnte eine sinnvolle Alternative sein und wäre zumindest einmal eine Überlegung wert.

Spielt er so weiter wie aktuell, wird der Berner zwangsläufig in einer Topliga landen. Spätestens dann wird ihn auch Petkovic ins Boot holen – egal für welche Position. Lauper hat viel nachzuholen und ist mit 24 Jahren immer noch entwicklungsfähig. Man darf sehr gespannt sein, wie er sich macht – und wann das erste Nati-Aufgebot ins Haus flattert.



* Daten von Wyscout


Homepage Thomas Hodel: https://www.thomashodel.ch/


Märchen-Comeback: https://www.aargauerzeitung.ch/sport/die-fussball-story-ein-comeback-als-haette-ein-regisseur-aus-hollywood-das-drehbuch-geschrieben-ld.2094005


Beim Jubeln fast überfordert: https://www.nau.ch/sport/fussball/yb-sandro-lauper-ich-war-beim-jubeln-fast-uberfordert-65862760


Von Konolfingen in die Champions League: https://www.neo1.ch/programm/sport/sportstory/sportstory/datum/2019/02/04/sandro-lauper-vom-fc-konolfingen-in-die-champions-league.html