• Livio Dörig

Salifou Diarrassouba: Wer ist der neue Offensivkünstler des FCSG?

Aktualisiert: Nov 13

Nachdem er in der vergangenen Saison sein grosses Potential bereits angedeutet hat, spielt sich Diarrassouba bei den Espen zuletzt immer mehr ins Rampenlicht. Der Youngster aus Burkina Faso ist ein äusserst interessanter Spieler. Es ist Zeit, dass ihn Bolzplazz genauer unter die Lupe nimmt.


Geboren wurde Diarrassouba im Dezember 2001 in Burkina Faso. Im Westen Afrikas wuchs er in der Agglomeration von Bobo-Dioulasso, der zweitgrössten Stadt des Landes, in eher ärmlichen Verhältnissen auf. Schon früh zeigten sich beim fussballverrückten Salifou enorme Qualitäten im Umgang mit dem Ball. Zwar gilt in der ehemaligen französischen Kolonie der Radsport als Nationalsport, doch auch der Fussball erfreut sich grosser Beliebtheit. Die Auswahl von Burkina Faso konnte sich 2013 zum Beispiel für das Finale der Afrikameisterschaft qualifizieren. Die heimische Liga ist dagegen nicht wirklich stark und so entschied sich Diarrassouba in jungen Jahren, sein Glück im nahen Ausland zu suchen. Er kam in der hervorragenden Jugendakademie von ASEC Mimosas unter. Der Klub dominiert seit Jahren den ivorischen Fussball. Mimosas, in der Grossstadt Abidjan beheimatet, stellte oft das Rückgrat der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste und konnte auch schon die CAF Champions League gewinnen.


Für Diarrassouba war der Schritt zu einem der grössten Klubs in Westafrika ein beachtlicher Erfolg und ein absoluter Glücksgriff. Die Nachwuchsausbildung von ASEC Mimosas ist international hoch angesehen, legendäre Spieler wie die Gebrüder Touré oder Didier Drogba lancierten ihre Karrieren dort. Diarrassouba entwickelte sich in Abidjan prächtig weiter und stiess über die U19-Auswahl im Sommer 2019 zur ersten Mannschaft von ASEC Mimosas. Zuvor vertrat er bereits seine Landesfarben am U20-Afrika Cup, wobei er in allen drei Partien über die volle Distanz auf dem Rasen stand.




Der europäische Fussball lockt


Doch wie für fast alle Akteure afrikanischer Herkunft, war auch für Diarrassouba der europäische Fussball das grosse Ziel. Der Ballkünstler entschloss sich bereits im Alter von 18 Jahren in einer europäischen Liga Fuss fassen zu wollen. Da sowohl in Burkina Faso als auch in der Elfenbeinküste Französisch die Amtssprache ist, wäre ein Wechsel in eine frankophone Region naheliegend gewesen. Gerüchten zufolge gab es auch entsprechende Optionen für den hochveranlagten Linksfuss, doch er landete stattdessen in der Ostschweiz.


Da der FC St. Gallen über keinen grossen finanziellen Spielraum verfügt, muss Sportchef Alain Sutter in den Transferperioden erfinderisch werden. Daher findet seit geraumer Zeit in der Vorbereitung immer mal wieder ein Probetraining auf der Sportanlage Gründenmoos im Westen der Stadt St.Gallen statt. Hierbei können sich vorderhand verheissungsvolle Talente aus dem Ausland oder Vereinslose Profis der sportlichen Leitung der Espen präsentieren und sich so für einen Vertrag aufdrängen. Bislang hat Sutter bei seinen "exotischen" Verpflichtungen ein erstaunlich gutes Händchen bewiesen. Auch Diarrassouba absolvierte im Sommer vergangen Jahres ein solches Probetraining im grün-weissen Dress. Der junge Afrikaner musste für die lange Anreise ein kleines Abenteuer hinter sich bringen, doch der ganze Aufwand hat sich gelohnt. Er hinterliess so sehr nachhaltigen Eindruck bei den Verantwortlichen, dass diese mit ASEC Mimosas direkt einen Leihvertrag über eine Saison aushandelten.


Der Plan der St. Galler war, Diarrassouba behutsam an die Profimannschaft heranzuführen. In Anbetracht der vielen Veränderungen, die der Transfer für den jungen Burkinabé mit sich brachten, gelang dies relativ schnell. Bereits in seiner ersten Saison in der Schweiz verbuchte er einzelne Auftritte in der Super League. In seiner Anfangszeit machte ihm jedoch vor allem die Andersartigkeit des hiesigen Klimas zu schaffen, denn in Westafrika herrscht ganzjährlich warmes und tropisch-feuchtes Wetter.


Erste Spuren in Grün-Weiss


Trotz dem zeitweise rauen Ostschweizer Klima stand er im November 2020 bereits erstmals im Spieltagsaufgebot von Peter Zeidler, davor war er meist mit der U21 unterwegs. Bis zu seinem Pflichtspieldebüt auf Schweizer Rasen musste er jedoch bis ins Frühjahr diesen Jahres warten. Bei der 2:3 Heimniederlage gegen den FCZ wurde er nach der Pause für Victor Ruiz eingewechselt und ins kalte Wasser geworfen. Danach folgten vereinzelte Teileinsätze und wieder Phasen, in denen er gar keine Rolle spielte und seinen Teamkameraden von der Tribüne aus zuschauen musste.


Nachdem am vorletzten Spieltag der Saison 2020/2021 der Klassenerhalt mit einem fulminanten 5:0 Vollerfolg gegen Lausanne-Sport sichergestellt werden konnte, schonte der Trainer im letzten Meisterschaftsspiel im Hinblick auf das Cupfinale alle Stammspieler. So kam auch Diarrassouba zum Handkuss und bestritt seinen ersten Einsatz von Beginn an für Grün-Weiss. Das Team voller Jungspunde überzeugte auf ganzer Linie und siegte sensationell mit 2:1. Den Führungstreffer erzielte Diarrassouba mit einem satten Linksschuss, der bei seiner Startelfpremiere auch sogleich seinen ersten Treffer in Europa erzielen konnte.




In der diesjährigen Sommervorbereitung konnte sich Diarrassouba intensiv an alle Abläufe und Rahmenbedingungen gewöhnen, was ihm deutlich mehr Sicherheit und Selbstvertrauen gab. Von August bis Oktober pendelte er jedoch meist zwischen der U21-Auswahl und der ersten Mannschaft hin und her. In vier Auftritten mit dem "Zwei" war er stets wirblig und torgefährlich. Noch mehr von sich reden machte der Offensivspieler jedoch in der letzten Länderspielpause, als der FCSG einen Kurztrip in die deutsche Hauptstadt unternahm. Im Testspiel in der Alten Försterei gegen Union Berlin, steuerte Diarrassouba einen Treffer und eine Torvorlage zum Sieg bei: Nach einer überragenden Eins gegen Eins-Situation legte er erst für Tim Staubli auf, ehe er später mit einem platzierten Rechtsschuss selber gegen die Unioner traf. Ein weiteres kleines Ausrufezeichen des jungen Ballkünstlers.


Diese Leistung imponierte auch Peter Zeidler sehr und so stand der Offensivmann Mitte Oktober im Heimspiel gegen Servette wieder in der Startformation. Für viele kam die Nomination mehr oder weniger aus dem Nichts, doch sie war schlichtweg die logische Folge der starken Performances in den zurückliegenden Wochen. Mittlerweile scheint er sich festgebissen zu haben: In den letzten drei Partien kam Diarrassouba insgesamt auf 124 Einsatzminuten und hatte massgeblichen Anteil an den bemerkenswerten Siegen gegen die Liga-Dominatoren aus Basel und Bern. Der Burkinabé hat ein hervorragendes Verhältnis mit Übungsleiter Zeidler, der sich dank seiner früheren Tätigkeit als Französischlehrer perfekt mit Diarrassouba verständigen kann und eine grosse Rolle im Prozess seiner Akklimatisierung spielt.


via St.Galler Tagblatt



Bald ein ganz Grosser?


Der Plan der St. Galler Verantwortlichen, Diarrassouba langsam und sorgfältig an den hiesigen Fussball und die Schweizer Lebensumstände anzugewöhnen, scheint optimal aufgegangen zu sein. Stand jetzt gibt es gar keinen Grund den Mittelfeldspieler wieder aus der Startelf zu nehmen. Als flexibler Zehner hinter den beiden Spitzen hat sich Diarrassouba für den Moment festgespielt und fühlt sich mit vielen Freiheiten im Spiel offensichtlich pudelwohl. Er bringt als dritter Angreifer aus der Tiefe wahnsinnig viel Drive und Energie in das St.Galler Offensivspiel. Mit einer Körpergrösse von gerade einmal 1,66 m ist Diarrassouba sogar noch kleiner als Messi oder Shaqiri. Diarrassouba hat daher einen sehr tiefen Körperschwerpunkt, bezüglich Beweglichkeit, Agilität und Balance macht ihm in der Super League kaum einer etwas vor.


Diese Attribute helfen ihm ungemein im Dribbling, mit seiner starken Ballbehandlung und viel Frechheit lässt er immer wieder Gegner aussteigen. Die schmale Statur ist in Duellen mit beinharten Abwehrspielern nicht immer ideal und körperlich muss Diarrassouba sicherlich zulegen. Doch er scheut sich keineswegs vor Zweikämpfen, ist laufstark und sehr umtriebig auf dem Feld. Der Burkinabé ist darüber hinaus auch ungemein antrittsschnell und flink, er ist zudem beidfüssig stark. Alles Eigenschaften, die ihm als dynamischer Zehner wunderbar dabei helfen könnten, in Zeidlers System zu einem Schlüsselelement zu werden. Vergleichbar ist seine Spielart – allein schon wegen der ähnlichen Körperlänge – mit jener von Napoli-Captain Lorenzo Insigne oder Dribbelkünstler Papu Gómez.


Die Ostschweizer haben in letzter Zeit vielfach die Unberechenbarkeit im Angriff vermissen lassen und genau für dieses Problem hat Diarrassouba bestens Abhilfe geschaffen. Bleibt er gesund, wird er dies auch in Zukunft tun und noch für ganz viele unerwartete und kreative Momente im Offensivspiel der Espen verantwortlich sein. Potential hat er reichlich und seine Karriere in Europa steht noch immer ganz am Anfang. Den Leihvertrag mit ASEC Mimosas haben die Grün-Weissen bis im Sommer 2022 verlängert und sich eine entsprechende Kaufoption gesichert. Die Konditionen sind zwar nicht öffentlich bekannt, aber geht die Entwicklung so weiter, wird Alain Sutter Diarrassouba ganz bestimmt fest verpflichten. Der 19-Jährige steht nämlich auch für punktemässigen Erfolg, denn wenn er in dieser Spielzeit auf dem Rasen stand, hat der FCSG im Schnitt 2,25 Punkte pro Spiel geholt – eine fantastische Quote.