• Chris Eggenberger

Nedim Bajrami - Durch die Hintertür ins grosse Geschäft?

September 2020, Nitra, Slowakei. Die Schweiz gastiert zum U21-EM-Qualifikationsspiel in Osteuropa und liegt knapp 20 Minuten vor Schluss mit 0:1 hinten, als Trainer Mauro Lustrinelli mit Nedim Bajrami einen weiteren Offensivspieler einwechselt. Nicht einmal 2 Minuten später geht Bajrami im gegnerischen Strafraum mit einem hohen Fuss in den Zweikampf und sieht dafür die glatt-rote Karte. Da die Schweiz die Partie am Ende doch noch drehte und mit 2:1 gewann, wurde diese Szene zumindest medial nicht zum grossen Thema. Sie ist aber sinnbildlich für Bajramis Probleme inmitten der starken Konkurrenz im Schweizer Nachwuchs-Nationalteam. Nur in zwei der zehn EM-Qualifikationsspiele kam er von Beginn an zum Einsatz, nach seinem Platzverweis in der Slowakei gar nicht mehr.

Besser lief und läuft es Bajrami derweil bei seinem Verein. Das GC-Eigengewächs wechselte nach dem Abstieg des Grasshopper-Clubs aus der Super League im Sommer 2019 per Leihe mit Kaufoption zum FC Empoli, nachdem er sich in 2 Saisons als Stammspieler in der höchsten Schweizer Spielklasse zu einem Top-Talent im Schweizer Fussball entwickelt hatte. Berichten zufolge sei auch ein Wechsel zu Juventus Turin eine Option gewesen, der Zweitligist aus dem Städtchen nahe Florenz bekam am Ende aber den Zuschlag.


Es war für den damals 20 Jahre alten Bajrami der Ausbruch aus seiner Komfortzone, wenig überraschend brauchte er etwas Anlaufzeit bei Empoli. Seit einem Trainerwechsel im Januar 2020 aber spielt Bajrami gross auf. In der laufenden Saison stellt der zentrale offensive Mittelfeldspieler mit 0.6 Vorlagen pro 90 Minuten den Höchstwert in der Serie B, in der Statistik Tore+Vorlagen (exklusive Elfmeter) pro 90 Minuten steht Bajrami ligaweit mit einem Wert von 0.76 auf Rang 4 und ist der mit Abstand jüngste Akteur in den Top 10. Internationale Aufmerksamkeit für den 21-jährigen Edeltechniker gab es Anfang Januar dieses Jahres, als er im Achtelfinale der Coppa Italia gegen Napoli doppelt traf und sein Team fast die Sensation schaffte. Am Ende gab es dann aber doch eine knappe 2:3-Niederlage.


In den letzten 20 Jahren ist der FC Empoli je viermal in die Serie A auf- und danach wieder abgestiegen. Nicht zuletzt deshalb spricht man in Empoli, wo man nun vom erneuten Aufstieg in die Serie A träumt, über Bajrami als das "Juwel des Neustarts". Die Toskaner stehen aktuell an der Spitze des Unterhauses, mit 5 Punkten Vorsprung auf die neureiche AC Monza und Chievo aus Verona. In 22 Ligaspielen hat Empoli erst einmal verloren. Bajrami hatte im Dezember noch aufgrund einer Coronavirus-Infektion aussetzten müssen und auch in englischen Wochen war er öfter nur als Joker zum Einsatz gekommen. In den 7 Pflichtspielen des Jahres 2021 war der Spielmacher aber nun an 7 Toren direkt beteiligt (3 Tore, 4 Vorlagen) und führte sein Team immer wieder zu wichtigen Punkten. Am Dienstag gegen Pescara bereitete er abermals als Joker das zwischenzeitliche 2:1 vor, am Ende gab es für Empoli ein 2:2.

© Juri Autovino / empolifc.com

Einige Tage davor hatte sich ein anderer Schweizer an der Seite von - oder besser gesagt eine Reihe hinter Nedim Bajrami in den Fokus gespielt. Im Spitzenkampf in Monza spielte der von Atalanta Bergamo ausgeliehene Nicolas Haas den entscheidenden Pass zum zwischenzeitlichen 1:0, ein traumhafter Steilpass von ungefähr der Höhe der Mittellinie. Das Spiel endete 1:1, den Ausgleich für Monza erzielte ein gewisser Kevin Prince Boateng. Haas war 2017 vom FC Luzern zu Atalanta gewechselt, wurde nach einer ersten Saison mit nur 9 Serie-A-Einsätzen aber nun in drei aufeinanderfolgenden Saisons in die Serie B verliehen. Der 25-jährige ist bei Empoli auf der rechten Seite des zentralen Mittelfelds gesetzt und überzeugt in der laufenden Saison in einer nach vorne orientierten Rolle mit bislang 40 vorbereiteten Torschüssen - dem sechstbesten Wert der gesamten Serie B. Bei einem Aufstieg könnte Haas Berichten zufolge ebenfalls langfristig bei Empoli unterschreiben. Mit Ryder Matos hat Empoli übrigens noch einen weiteren ehemaligen FCL-Akteur in seinen Reihen, mit Leonardo Mancuso zudem den Toptorschützen der Serie B.

Nedim Bajrami hat in Empoli also durchaus eine starke Mannschaft um sich, in der er aufblühen kann. Im 4-3-1-2 der Azurblauen ist der junge Schweizer das Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff. Eine Rolle, die er mit 82% Passgenauigkeit und 31 Torschussvorlagen sehr gut ausfüllt. Gerne setzt sich der Rechtsfuss auch mit Dribblings in Szene, seine 4.6 versuchten Dribblings pro 90 Spielminuten in der Serie B gehören zu den höchsten Werten in der Liga, bei immerhin 47% seiner Dribblings setzt er sich dann auch durch. Im Spiel gegen den Ball wechselt Empoli gerne auf ein 4-3-3, mit Bajrami auf der linken Seite oder auch in der Mitte der vorderen Dreierkette.


Der damalige GC-Trainer Carlos Bernegger bezeichnete Bajrami in dessen Anfangszeit in der ersten Mannschaft der Hoppers als einen Spieler, den man immer wieder motivieren müsse. Solche Einstellungsprobleme sind aber nun Angesicht des möglichen Aufstiegs in eine Top-Liga nicht mehr zu erkennen. Auch medial geniesst Bajrami in Italien eine grosse Aufmerksamkeit: Er gibt mittlerweile Interviews in fliessendem Italienisch und scheint sich in seiner neuen Heimat pudelwohl zu fühlen. Bajrami dürfte in der kommenden Saison den nächsten Schritt machen, ob mit oder ohne Empoli wird er wohl in der Serie A auflaufen. Und auch an der U21-Europameisterschaft Ende März wird man kaum an ein Schweizer Aufgebot ohne Nedim Bajrami denken können. Oder, Herr Lustrinelli?


Bajramis Stats: https://fbref.com/en/comps/18/stats/Serie-B-Stats


Wechsel zum FC Empoli: https://sport.ch/grasshoppers/380689/fast-wie-erwartet-gcz-verliert-sein-mittelfeld-juwel-an-italiener-aber-nicht-an-juventus-turin


Highlights: https://www.youtube.com/watch?v=YR0j9rCLQEw