• Emanuel Staub

Marvin Spielmann: Das Warten auf die Explosion

Beim FC Thun tanzte sich Marvin Spielmann spielerisch leicht und mit einem Spektakel-Flair durch die Super League. Doch seit seinem Wechsel zu den Young Boys ist seine Entwicklung ins Stocken geraten. Woran liegts? Bolzplazz macht den Check.


Zweieinhalb Saisons bestritt Marvin Spielmann für die Berner Oberländer in der Super Lague. In dieser Zeit entwickelte sich der nun 25-Jährige zu einem der aufregendsten Spieler der Super League. Polyvalent in der Offensive einsetzbar, fiel Spielmann durch seine Dynamik, Dribbelpower und Abschlussstärke auf. In den Medien wurde sein "Brasilianisches Flair" gefeiert. Damit gemeint war ein ihm eigener Spielstil, zusammengesetzt aus fussballerischer Eleganz, Anflügen von Genialität und der Fähigkeit, Spektakel über die Stadien der Schweiz hereinbrechen zu lassen – sei es durch Schlenzer in den Winkel oder unwiderstehliche Tempodribblings. Marvin Spielmann brachte ein Gesamtpaket mit, das in der Super League nur sehr schwer zu finden ist.


Im Winter 2017 holte ihn der FC Thun aus der Challenge League vom FC Wil zu sich. Nach einer anfänglichen Akklimatisierungsphase explodierte Spielmann förmlich in seiner ersten ganzen Saison mit den Berner Oberländern. 2017/18, meist als Flügel eingesetzt, erzielte er starke 13 Tore und sammelte 3 Vorlagen in 34 Super League-Auftritten. In der Folgespielzeit kam er auf 19 Scorerpunkte (12 Tore und 7 Assists) und war massgeblich daran beteiligt, dass der FC Thun die Saison auf dem 4. Rang beendete und in den Cupfinal einzog. Das Trio Spielmann-Sorgic-Tosetti verbreitete in der Liga Angst und Schrecken und wurde völlig zu Recht zu den besten Angriffsreihen der Super League gezählt.

© srf.ch / In Thun ein Rockstar: Marvin Spielmann

Schon länger gab es Rufe, dass Marvin Spielmann in die Nationalmannschaft berufen werden müsste. Der 11-fache U21-Nationalspieler entschied sich im Sommer 2019 zum nächsten Schritt, sicher auch, um dem Ziel, Nationalspieler zu werden, näher zu kommen. Bereits nach seiner ersten starken Saison beim FC Thun gab es konkrete Transferanfragen, verbrieft ist das Interesse von Sampdoria Genua, Feyenoord Rotterdam, Ajax Amsterdam und dem 1. FC Köln. Das Rennen machte schliesslich aber der grosse Bruder: Wie so oft bedienten sich die BSC Young Boys in der Berner Provinz und lotsten Thuns Flügelrakete zu sich.


Was allgemein als Toptransfer für YB angesehen wurde, hat sich bislang noch nicht bezahlt gemacht. Rund 2 Millionen waren die Dienste des flinken Angreifers den Bernern wert. Aber Spielmann wartet nach wie vor auf den Durchbruch beim Meister. Er hat es bislang nicht geschafft, zu einer wichtigen Figur zu werden und Leistungen abzurufen, wie er sie wöchentlich in Thun gezeigt hatte. Der Hauptgrund dafür sind Verletzungen. Seit seiner Ankunft hat Spielmann geschlagene 51 Partien verletzungsbedingt verpasst. So ist es natürlich schwer, in eine Mannschaft zu finden und sich mit den Mitspielern auf dem Feld vertraut zu machen. In den wenigen Spielen, in denen Spielmann zu sehen war, wirkte er wie ein Fremdkörper, kaum ins Spiel eingebunden und oft nur als Joker eingewechselt. 2019/20 verzeichnete er immerhin 29 Auftritte für den Meister, 20x kam er dabei aber nur von der Bank. Einen Auftritt über volle 90 Minuten hat er im YB-Trikot bis jetzt noch nicht absolviert. Wettbewerbsübergreifend glückten ihm in seiner wenigen Spielzeit aber immerhin 3 Tore und 3 Vorlagen, unter anderem erzielte er das siegbringende Tor im Cupfinal 2020 gegen den FCB. Sein Potential hat er also nie verloren.


Auch in dieser Saison klebte ihm das Verletzungspech wieder an den Fersen. Gerademal drei Auftritte in der Liga stehen 2020/21 zu Buche. Jüngst stand er aber wieder im Kader und gab prompt ein neunminütiges Comeback gegen Servette. Nun scheint Spielmann körperlich fit zu sein. Kann er jetzt über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei bleiben, wird er im eng getakteten Spielplan in diesem Frühjahr vielleicht eine grössere Rolle einnehmen. Spätestens im nächsten Sommer könnte seine Zeit für YB womöglich kommen. Für seine direkten Konkurrenten auf dem Flügel, namentlich Christian Fassnacht (27) und Nicolas Moumi Ngamaleu (26), wird eventuell ein Auslandtransfer anstehen. Mit Spielmann hätte man bereits einen in-house Ersatz zur Verfügung. Angesichts der Tatsache, dass seine Bedeutung für YB bisher marginal war, wäre der fitte Spielmann quasi ein Neuzugang. Doch vorerst bleibt es ein Warten und Hoffen – dass diesem hochbegabten Fussballer die Explosion doch noch gelingen mag.


Spielmann im Höhenflug bei Thun: https://www.srf.ch/sport/fussball/super-league/thun-knipser-im-interview-spielmann-barcelona-waere-ein-traum


Bei YB bislang nur ein Versprechen: https://www.solothurnerzeitung.ch/sport/solothurn/marvin-spielmann-und-die-seltene-eigenschaft-eines-fussballers-ld.1302316


Siegtorschütze im Cupfinal: https://www.bernerzeitung.ch/definitiv-habe-ich-jetzt-traenen-in-den-augen-602247289848