• Emanuel Staub

Lausanne-Sport – Ein gescheitertes Projekt?

Aktualisiert: 9. März

Lausanne-Sport steht am Abgrund: 7 Punkte Rückstand auf den Barrage-Platz, zahlreiche Fehltransfers und eine zunehmende Entfremdung von den eigenen Fans. Wie konnte es so weit kommen?


Es ist noch nicht lange her, da befand sich Lausanne auf dem aufsteigenden Ast. Unter der Ägide von Trainer Giorgio Contini marschierten die Waadtländer in der Saison 2019/20 souverän zum Aufstieg, nachdem man zwei Jahre zuvor – kurz nach der Übernahme durch den britischen Chemieriesen Ineos – aus der höchsten Schweizer Spielklasse abgestiegen war. Der Offensivdreizack um Andi Zeqiri, Aldin Turkes und Dan Ndoye versetzte die Challenge League in Angst und Schrecken, sage und schreibe 65 Scorerpunkte steuerte das Trio in besagter Spielzeit zum Aufstieg in die Super League bei.


Als die Waadtländer im Sommer 2020 zurück im Oberhaus waren, umwehte die ganze Region eine lange nicht mehr gesehene Euphorie. Die Aufstiegsmannschaft blieb – mit der schmerzhaften Ausnahme von Zeqiri und Ndoye – zusammen und war in der Liga auf Anhieb konkurrenzfähig. Dazu kam, dass der Klub von der altehrwürdigen aber baufälligen Pontaise endlich in ein nagelneues Stadion umsiedeln konnte: Die neuen Besitzer halfen beim Bau der La Tuilière, eine schmucke neue Heimstätte, die rund 12.000 Zuschauern Platz bietet. Auch auf dem Transfermarkt tat sich einiges, die Verantwortlichen lotsten zahlreiche talentierte Spieler via den Partnervereinen aus Nizza und Abidjan in die Westschweiz. Nicht wenige Fans flüsterten sich in dieser sorglosen Zeit hinter vorgehaltener Hand bereits Europa-Ambitionen zu. Doch es sollte alles ganz anders kommen.


Als die Welt noch in Ordnung war: Contini führte LS zurück ins Oberhaus

Chronologie des Schreckens


Erste Risse in der hübsch aufpolierten Lausanner Ineos-Welt zeichneten sich bereits vor dem Saisonstart 2020/21 ab. Mit Pablo Igle­sias (Sport­chef) und Léo­nard Thurre (Scout) wurden zwei Klubverantwortliche aus der Region vom Hof gejagt und durch Personen aus dem Ineos-Kosmos ersetzt. Besonders die Anstellung von Souleymane Cissé als Sportchef schlug hohe Wellen – und gilt heute in der Fanbase als Schlüsselmoment für den Niedergang. Der frühere technische Direktor von Girondins Bordeaux geniesst einen zweifelhaften Ruf. Nicht nur wurde er in Frankreich verdächtigt, persönlich an verdächtigen Transferaktivitäten mitgewirkt zu haben, er ist zudem auch Gründer des Racing Club Abidjan, der in einer umittelbaren Partnerschaft mit Lausanne-Sport steht und seit dem Amtsantritt Cissés bereits mehrere Spieler an die Waadtländer verkauft hat. Die Personalie Cissé ist schwer zu greifen, wirklich um Transparenz bemühen tut er sich jedenfalls nicht – genauso wenig, wie er die Anschuldigungen gegen sich glaubhaft aufzuklären weiss.


Sportlich verlief die erste Saison zurück in der Super League aber mehr als zufriedenstellend. Contini formte eine grundsolide Truppe, die sich mit einem starken 6. Schlussrang belohnte. Die Defensive, angeführt von den erfahrenen Aussenverteidigern Per-Egil Flo und Nikola Boranijasevic, war mehrheitlich stabil, das Mittelfeld um Cameron Puertas und Stjepan Kukuruzovic glänzte mit Kampfkraft und spielerischer Klasse und in der Offensive sorgten nach der schweren Verletzung von Torjäger Turkes die Nizza-Leihspieler Evann Guessand, Lucas Da Cunha und Hicham Mahou für die Musik. Trotz einer positiven Entwicklung wurde zum Ende der vergangenen Spielzeit aber bekanntgegeben, dass die Zusammenarbeit mit Contini nicht fortgesetzt würde. Ersetzt wurde der Winterthurer durch Ilija Borenovic, der zuvor die U21 trainiert hatte. Ein folgenschwerer Entscheid, wie sich wenig später herausstellen sollte.


Denn Borenovic war in der Super League sichtlich überfordert. Merkwürdige Personalentscheide, taktische Fehler und kein ersichtlicher fussballerischer Stil – für ihn ging alles schief, was nur schiefgehen konnte. Lausanne musste bis Mitte Oktober auf den ersten Sieg warten, danach bis Ende November auf den zweiten – seither kam kein weiteres Erfolgserlebnis mehr hinzu. Die Folge: Der Serbe wurde nach der 1:5-Klatsche zum Rückrundenauftakt gegen den FCSG entlassen. Für die sportliche Misere nur Borenovic die Schuld zuzuschieben, ist aber zu einfach.


Zahlreiche fragwürdige Entscheide: Souleymane Cissé

Sportchef Cissé traf zahlreiche fragwürdige Transferentscheide, angefangen beim Rausschmiss Continis und der Dekonstruktion einer funktionierenden Mannschaft. Dass daraufhin das gesamte Defensivgerüst des Vorjahres verkauft (Jenz) oder ablösefrei abgegeben wurde (Boranijasevic, Flo, Loosli), trug sicher nicht zur Stabilisierung des Teams bei. Vor allem, da keiner dieser Spieler im Sommer adäquat ersetzt werden konnte. Die Krone des Wahnsinns setzte Cissé aber im Winter auf: Nicht nur wurde mitten im Abstiegskampf Vorkämpfer und Identifikationsfigur Puertas nach Belgien verscherbelt, auch dessen potentieller in-house-Ersatz aus dem eigenen Nachwuchs, der in der Fanbase ungemein beliebte Gabriel Bares, wurde zum Nulltarif an Montpellier abgetreten.


Casanova: Der letzte Nagel im Sarg


Nach der 1. Partie der Rückrunde den Trainer zu entlassen, nachdem man den ganzen Winter und die ganze Vorbereitung über Zeit dafür gehabt hätte, ist nie eine kluger Entscheid. Das muss den Lausanner Verantwortlichen spätestens jetzt auch bewusst geworden sein. Ilija Borenovic wurde durch den Franzosen Alain Casanova ersetzt, der zu seiner Blütezeit Toulouse in der Ligue 1 trainiert hatte. Das Problem: Diese Blütezeit ist schon seit geraumer Zeit vorbei, zuletzt war er zwei Jahre lang arbeitslos. Einen fussballerischen Bezug zur Schweiz sucht man bei Casanova ebenfalls vergeblich. Ein Trainer, der länger nicht mehr im Business war und die örtliche Liga nicht kennt? Nicht gerade ein idealer Feuerwehrmann.


Die Bilanz unter Casanova ist denn auch katastrophal: In 7 Spielen setzte es 7 Niederlagen ab, darunter auch das Cup-Aus gegen den unterklassigen Kantonsrivalen Yverdon-Sport und die 1:2-Pleite gegen den direkten Konkurrenten Luzern. Hinzu kommt, dass die Lausanner unter Casanova gerademal ein einziges Törchen erzielen konnten – und das erst noch vom Penalty-Punkt aus. Die Folge? Die Waadtländer sind abgeschlagenes Tabellenschlusslicht, taumeln benommen dem Abstieg entgegen und entfremden sich immer mehr von den eigenen Fans. Die Tulière ist mittlerweile fast leer, selbst die Ultras wenden sich ab. Nachdem diese wiederholt gegen Cissé und dessen Führungsstil protestiert und vehement seinen Rücktritt gefordert hatten, entlud sich ihre Wut in einer Pyroattacke während der Partie gegen Luzern. Ein weiteres Zeichen dafür, wie viel in diesem Verein zur Zeit im Argen liegt.



Und nun? Der direkte Abstieg lässt sich nur noch durch ein Fussballwunder verhindern, zu schwach sind die eigenen Leistungen und zu zerrüttet ist das Verhältnis zur eigenen Fanbase. Was wird in diesem Fall mit dem Verein geschehen? Cissé dürfte den Abstieg kaum überleben, genauso wenig Casanova. Lausanne-Präsident Bob Ratcliffe, Bruder von Ineos-Boss Jim, hat immerhin zugesichert, dass der britische Konzern auch bei einem Abstieg nicht abspringen wird. Auch wenn er nebenbei anbgab, eigentlich "keine Lust" mehr auf Challenge-League-Reisen zu haben. Wenn das mal keine guten Voraussetzungen sind...




Version francaise:

Lausanne-Sport – un projet raté

Le Lausanne-Sport est au bord du gouffre : 7 points de retard sur la place de barragiste, de nombreux mauvais transferts et un éloignement grandissant de ses propres supporters. Comment en est-on arrivé là ?


Il n'y a pas si longtemps, Lausanne était sur une voie ascendante. Sous l'égide de l'entraîneur Giorgio Contini, le club vaudois a réussi à monter en 2019/20, après avoir été relégué deux ans plus tôt dans la plus haute division suisse, peu après son rachat par le géant britannique de la chimie Ineos. Le trio offensive composée d'Andi Zeqiri, Aldin Turkes et Dan Ndoye a terrifié la Challenge League, et le trio a contribué 65 points à leur promotion en Super League cette saison-là.


Lorsque les Vaudois ont retrouvé la Super League l'été 2020, toute la région a vécu une euphorie qu'elle n'avait plus connue depuis longtemps. L'équipe promue est restée ensemble - à l'exception pénible de Zeqiri et Ndoye - et a été immédiatement compétitive dans la ligue. De plus, le club a enfin pu déménager de la vieille mais vétuste Pontaise dans un stade flambant neuf : Les nouveaux propriétaires ont construit La Tuilière, une nouvelle enceinte coquette pouvant accueillir environ 12 000 spectateurs. Sur le marché des transferts également, les dirigeants ont fait venir de nombreux joueurs talentueux en Suisse romande via les clubs partenaires de Nice et d'Abidjan. En cette période d'insouciance, de nombreux supporters se chuchotaient déjà des ambitions européennes à voix basse. Mais les choses ne se sont pas déroulées comme prévu.



Chronologie de l'horreur


Les premières fissures dans le monde lausannois d'Ineos, joliment poli, se sont déjà dessinées avant le début de la saison 2020/21. Avec Pablo Iglesias (directeur sportif) et Léonard Thurre (scout), deux responsables du club de la région ont été chassés de la cour et remplacés par des personnes issues du cosmos d'Ineos. Le recrutement de Souleymane Cissé au poste de directeur sportif a notamment fait des vagues - et est aujourd'hui considéré par la base de supporters comme un moment clé de la chute. L'ancien directeur technique des Girondins de Bordeaux jouit d'une réputation douteuse. Non seulement il a été soupçonné en France d'avoir personnellement participé à des activités de transfert suspectes, mais il est également le fondateur du Racing Club d'Abidjan, qui est en partenariat direct avec le Lausanne-Sport et qui a déjà vendu plusieurs joueurs aux Vaudois depuis l'entrée en fonction de Cissé. La personnalité de Cissé est difficile à cerner, il ne fait en tout cas aucun effort de transparence - tout comme il ne sait pas clarifier de manière crédible les accusations portées contre lui.


Sur le plan sportif, la première saison de retour en Super League s'est déroulée de manière plus que satisfaisante. Contini a formé une équipe solide qui a été récompensée par une forte 6e place finale. La défense, emmenée par les défenseurs latéraux expérimentés Per-Egil Flo et Nikola Boranijasevic, était majoritairement stable, le milieu de terrain autour de Cameron Puertas et Stjepan Kukuruzovic brillait par sa combativité et sa classe de jeu et, en attaque, après la grave blessure du buteur Turkes, les joueurs de Nice en prêt Evann Guessand, Lucas Da Cunha et Hicham Mahou ont assuré la musique. Malgré une évolution positive, il a été annoncé à la fin de la saison dernière que la collaboration avec Contini ne serait pas poursuivie. Le Winterthourois a été remplacé par Ilija Borenovic, qui avait auparavant entraîné les M21. Une décision lourde de conséquences, comme il s'est avéré peu après.


Car Borenovic était visiblement dépassé en Super League. Des décisions personnelles étranges, des erreurs tactiques et aucun style de football apparent - pour lui, tout ce qui pouvait aller de travers allait de travers. Lausanne a dû attendre la mi-octobre pour sa première victoire, puis la fin novembre pour la deuxième - depuis, aucun autre succès n'a été enregistré. Conséquence : le Serbe a été licencié après la claque de 5-1 infligée par le FCSG en ouverture du second tour. Mais il est trop facile de rejeter la responsabilité de la situation sportive seulement sur Borenovic.



Le directeur sportif Cissé a pris de nombreuses décisions de transfert regrettables, à commencer par l'éviction de Contini et la déconstruction d'une équipe qui fonctionnait. Le fait que toute la charpente défensive de l'année précédente ait ensuite été vendue (Jenz) ou cédée gratuitement (Boranijasevic, Flo, Loosli) n'a certainement pas contribué à stabiliser l'équipe. D'autant plus qu'aucun de ces joueurs n'a pu être remplacé de manière adéquate cet été. Mais c'est en hiver que Cissé a mis le comble à la folie : Non seulement Puertas, figure emblématique de la lutte contre la relégation, a été vendu en Belgique, mais son remplaçant potentiel, Gabriel Bares, très apprécié des supporters, a été cédé gratuitement à Montpellier.


Casanova : le dernier clou dans le cercueil


Licencier l'entraîneur après le premier match du deuxième tour, alors qu'on aurait eu tout l'hiver et toute la préparation pour le faire, n'est jamais une décision intelligente. Les responsables lausannois ont dû s'en rendre compte au plus tard maintenant. Ilija Borenovic a été remplacé par le Français Alain Casanova, qui avait entraîné Toulouse en Ligue 1 à son apogée. Le problème, c'est que cette période de prospérité est terminée depuis un certain temps déjà, il a été au chômage pendant deux ans. On cherche également en vain chez Casanova un lien footballistique avec la Suisse. Un entraîneur qui n'a plus été en activité depuis longtemps et qui ne connaît pas le championnat local ? Pas vraiment le pompier idéal.


Le bilan sous Casanova est en effet catastrophique : 7 défaites en 7 matches, dont l'élimination en Coupe contre le rival cantonal Yverdon-Sport et la défaite 1:2 contre le concurrent direct Lucerne. De plus, sous la direction de Casanova, les Lausannois n'ont marqué qu'un seul but, et encore, sur penalty. La conséquence ? Les Vaudois sont en bas du classement, se rapprochent de la relégation en titubant et se détachent de plus en plus de leurs propres supporters. La Tulière est désormais presque vide, même les ultras s'en détournent. Après avoir protesté à plusieurs reprises contre Cissé et son style de management et réclamé avec véhémence sa démission, leur colère a éclaté lors d'une attaque pyrotechnique pendant le match contre Lucerne. Un signe de plus de l'ampleur des problèmes actuels de ce club.


Et maintenant ? La relégation directe ne peut plus être évitée que par un miracle du football, les performances propres sont trop faibles et la relation avec la base de supporters est trop pitoyable. Que se passera-t-il dans ce cas pour le club ? Cissé ne devrait pas survivre à la relégation, tout comme Casanova. Le président de Lausanne Bob Ratcliffe, frère du patron d'Ineos Jim, a tout de même assuré que le groupe britannique ne ferait pas faux bond en cas de relégation. Même s'il a avoué en passant qu'il n'avait en fait "plus envie" de voyager en Challenge League. Si ce ne sont pas de bonnes perspectives...