• Emanuel Staub

Kevin Rüegg: Zwischen Traum und Alptraum

Nach drei Jahren in der Super League, verliess FC Zürich-Eigengewächs Kevin Rüegg (22) seinen Jugendverein als Cupsieger und Kapitän der Schweizer U21-Nationalmannschaft in Richtung Serie A. Seine Hoffnung, bei Hellas Verona den Durchbruch in einer Topliga zu schaffen, blieb bislang unerfüllt. Bolzplazz wirft einen Blick auf Rüeggs Situation und zeigt seine Perspektiven in Italien auf.


Kompakter und kräftiger Körperbau, tolle Athletik und viel Einsatzbereitschaft: Diese drei Eigenschaften bezeichnen Kevin Rüegg wohl am besten. Bei seinem Heimatklub aus Zürich durchlief er alle Nachwuchsabteilungen, spielte sich in die erste Mannschaft, gewann den Cup, lief in der Europa League auf, wurde zum (Teilzeit-) Captain ernannt und schwang sich zum Publikumsliebling hoch. Auf seiner Position, vorzugsweise rechts hinten, gehörte das Powerhouse schnell zu den Besten der Schweiz. Bissig und durchsetzungsstark im Zweikampf, pflügte er sich auf der rechten Flanke wie eine Dampflok durch die Super League. Dass Rüegg für Höheres berufen ist, war schnell klar. Beim FCZ gab es eigentlich nichts mehr, was er noch realistischerweise erreichen konnte. So schien sein Schritt in die Serie A zu Hellas Verona, einem solide geführten Mittelfeldklub, wohlüberlegt und sinnvoll.

Als Captain der erfolgreichen Schweizer U21-Nati, konnte Rüegg zusätzlich international Werbung für sich machen und nutzte die Plattform mit starken Auftritten optimal. Der Rechtsverteidiger aus Uster ZH war also gewappnet für die nächste Etappe in seiner Karriere.


Am 1. September 2020 unterschrieb Rüegg für rund fünf Jahre in Verona. Die Norditaliener legten zwei Millionen Euro auf den Tisch, um den hochveranlagten Mann vom FCZ loszueisen. Vielerorts war man gespannt auf den Start einer neuerlichen Schweizer Erfolgsgeschichte im europäischen Fussball. Begonnen hat sie aber auch jetzt, ein gutes halbes Jahr nach dem Transfer, noch nicht. Mickrige 196 Minuten bestritt Rüegg für seinen neuen Klub und gerademal in einer Partie stand er in der Startelf – in der Coppa Italia gegen Zweitligist Venezia. Wieso, trotz aller Vorschusslorbeeren, diese ernüchternde Bilanz? Teilweise lässt sie sich mit zwei kleineren Verletzungen erklären, die Rüegg seit seiner Ankunft erlitten hat. Insgesamt fehlte er bislang 54 Tage wegen einer Oberschenkel- und Knöchelverletzung. Mit Letzterer schlägt er sich aktuell rum und bestritt deswegen in diesem Jahr erst acht Einsatzminuten. Bereits beim FCZ begleiteten ihn immer wieder gesundheitliche Probleme, allen voran mit dem Knie, die ihn länger ausfallen liessen. Jüngst nahm das 1,73m grosse Kraftpaket das Training wieder auf und sollte schon bald wieder einsatzbereit sein.

© hellasverona.it

Neben den leidigen Verletzungsgeschichten ist Rüegg bei Hellas Verona auf etwas gestossen, das er beim FCZ eigentlich nicht kannte: Ernsthafte Konkurrenz. Er muss sich zum ersten Mal in seiner jungen Karriere einem harten Konkurrenzkampf stellen und täglich um seinen Platz kämpfen. In Zürich war Rüegg Identifikationsfigur und unbestrittener Schlüsselspieler, in Italien stehen ihm aber andere fähige Spieler im Weg. Auf seiner rechten Flanke ist mit Davide Faraoni (29) einer der besten Aussenläufer der Liga gesetzt. Der Italiener kommt in 79 Partien für Verona auf 8 Treffer und 11 Assists. An ihm gibt es im Team von Ivan Juric keinen Weg vorbei. Zumindest aktuell. Dank seiner starken Leistungen sind grössere Serie A-Teams auf Faraoni aufmerksam geworden, so soll es bereits Annäherungsversuche von Lazio und Napoli gegeben haben. Er bewegt sich sogar in den Dunstkreisen der Italienischen Nationalmannschaft und hat bei Hellas eine wichtige Rolle inne, was u.a. sein Amt als Co-Captain unterstreicht. Ivan Juric setzt sehr auf Kontinuität, er lässt seine Mannschaft unabhängig vom Gegner stets in einem 3-4-2-1 auflaufen. Die beiden Flanken – und damit Davide Faraoni selber – haben gerade fürs Offensivspiel von Hellas eine elementare Bedeutung. Das Spielsystem sieht neben einer defensiven Grundordnung auch sehr intensives und aggressives Pressing bei Ballverlusten vor. Sowieso gehört Verona defensiv zu den besten Mannschaften der Liga: Mit 23 Gegentoren hat man nach 21 Spieltagen die drittwenigsten Gegentore in der Serie A kassiert. Das System funktioniert also, folglich gibt es für den kontinuitätsliebenden Trainer Juric keinerlei Gründe für Aufstellungsänderungen – zum Leidwesen von Kevin Rüegg.


Nichtsdestotrotz will Verona sein Schweizer Verteidigertalent um jeden Preis halten. Im Winter gab es Interesse von Schalke 04, doch weder Klub noch Spieler liessen sich darauf ein. Ein gutes Zeichen: Rüegg beweist, dass er seinem Weg und dem Plan, den Verona für ihn vorsieht, vertraut, und der Verein zeigt, dass man in ihm einen wichtigen Mann für die Zukunft sieht. Ansätze dazu hat Rüegg in der Tat trotz minimaler Spielzeit schon gezeigt: Wie selbst italienische Medien bemerkten, fiel der Schweizer bei seinen raren Einsätzen sehr positiv auf: Viel Power und Zug nach vorne, scharfe Flanken und tolle Dribblings. Als Joker von der Bank kommend, kann er für Verona mit seiner Explosivität eine Waffe sein und weiss zu gefallen. Gegen Sampdoria provozierte er prompt einen Elfmeter, der zum Anschlusstor verwertet werden konnte. Dank solcher energiegeladenen Performances, auch wenn er sie noch nicht lange zeigen konnte, hat Rüegg bei den Fans bereits bleibenden Eindruck hinterlassen. Coach Juric hat öffentlich bemerkt, dass der Aussenverteidiger Fortschritte gemacht habe und gerade im späteren Verlauf der Saison ein Aktivposten für Hellas Verona sein könnte.

Rüeggs Leistungen stimmen also. Hat er seine Verletzung auskuriert, und kommt vor allem nicht schon wieder eine Neue dazu, wird der physisch starke Aussenverteidiger in dieser Saison noch eine Rolle spielen. Spätestens als Ersatz für Faraoni, sollte dieser im Sommer abwandern, wird sich der Schweizer bei Hellas Verona durchsetzen. Bis er seine Chance erhält, bleibt er aber vorerst gefangen – zwischen Traum und Alptraum.


Interview zu Rüeggs Situation: https://www.calciohellas.it/2020/12/25/ds-zurigo-a-ch-verona-step-giusto-per-ruegg-per-duttilita-somiglia-a-kimmich/


So macht sich Rüegg bislang im Ausland: https://www.lematin.ch/story/que-deviennent-les-rougets-partis-a-letranger-212771660556


Rüegg in der grossen Fussballwelt: https://www.tagesanzeiger.ch/der-ur-zuercher-in-der-grossen-fussballwelt-887910054375