• Emanuel Staub

Kaly Sène – eine Granate für GC

Kurz vor dem Ende der Transferperiode stiess Kaly Sène (20) leihweise vom FC Basel zum Grasshopper Club Zürich. Der junge Angreifer hinterlässt bereits bleibenden Eindruck. Kann er die Sturmprobleme des Aufsteigers beheben?


Tempo, Power und wehende Haare


Einmal mit Gefühl, einmal mit Gewalt: Kaly Sène ballerte GC am Sonntag gegen Sion mit einem Doppelpack zum zweiten Saisonsieg. Für den jungen Senegalesen ein zweifach besonderes Erfolgserlebnis: Nicht nur traf er erstmals für seinen neuen Arbeitgeber, die beiden Treffer bedeuteten auch Sènes Tordebüt in der höchsten Schweizer Spielklasse. Genau das dürften sich Hoppers-Coach Giorgio Contini und Sportchef Seyi Olofinjana erhofft haben, als sie den Leihtransfer in die Wege leiteten. Bis anhin trat die GC-Offensive sehr zahm auf, mit Sène verfügt der Angriff nun über deutlich mehr "Spice".


Der 20-Jährige fällt allein schon durch sein Äusseres auf: Athletisch gebaut, muskelbepackt und wehende Dreadlocks auf dem Kopf. Auch auf dem Platz zieht er alle Augen auf sich. Sène ist unheimlich schnell, in Kombination mit seiner Physis bringt er viel Durchschlagskraft auf den Rasen. Zieht er los und hat Platz vor sich, ist er nur schwer wieder einzufangen. Dank seinen Tempovorteilen dürfte so mancher Super League-Innenverteidiger im Verlauf der Saison ziemlich alt gegen ihn aussehen.


Sènes Vorzüge liegen aber nicht nur in seinem Speed. Er ist äusserst wendig und wirblig, sucht stets das Eins gegen Eins. Das macht ihn extrem schwer ausrechenbar. Noch fehlt ihm der Feinschliff und das richtige Gespür, in welchem Situationen ein Steilpass vielleicht die bessere Alternative zum Dribbling wäre. Hie und da wirkt er zudem noch zu verspielt und zu unbekümmert. Berücksichtigt werden muss dabei aber, dass Sène nach wie vor sehr neu auf der Profi-Bühne ist. Vor seiner Ausleihe zu GC registrierte er gerademal sechs Super League-Einsätze für den FC Basel.


Sènes Unbekümmertheit war es wohl gerade, die ihn so interessant für GC machte. Dem Rekordmeister fehlt ein Spieler mit ähnlichem Profil. Ein entwicklungsfähiger, kaum auszurechnenden Stürmer mit Dynamik sucht man bei GC sonst nämlich vergebens. Der 20-Jährige füllt also eine Teamlücke und vergrössert die Kadertiefe merklich. Hoppers-Sportchef Olofinjana liess sich folgendermassen zitieren:


"Wir freuen uns, mit Kaly Sène einen jungen, talentierten Stürmer zu holen. Kaly gibt uns mit seiner Schnelligkeit und Wendigkeit zusätzliche Optionen im Angriffsspiel."

Power, Tempo und Dribbelstärke: Sènes Anlagen sind vielversprechend und sorgen dafür, dass der Senegalese im Angriff jede Position bespielen kann. Während auf dem Flügel seine Schnelligkeit besonders wertvoll ist, hilt ihm in der Sturmspitze sein Körperbau und die Power, die er damit erzeugen kann. Zur "echten" Nummer 9 fehlt Sène aber der Killerinstinkt und die Geduld. Er ist nicht der Spielertyp, der als Anspielstation an der Abseitsgrenze lauert, vielmehr will er den Ball in den eigenen Füssen und mit seinen Dribblings Lücken in die gegnerische Abwehr reissen. Wirklich auf eine Position festzurren lässt er sich also nicht. Gerade diese Polyvalenz könnte sich im Verlauf seiner Karriere aber als grosse Stärke erweisen.



Via Italien und Zypern in die Schweiz


Sènes bisheriger Karriereweg verlief alles andere als geradlinig. Geboren wurde er in Dakar, als Jugendlicher kam er nach Italien, wo er für den Amateurverein USD Vanchiglia auflief. Dank grossartigen Leistungen im Juniorenbereich empfahl er sich für einen Wechsel in den Nachwuchs des grossen Juventus. Ab 2019 spielte Sène für die U19 der Alten Dame und scorte fleissig: In der Primavera 1 traf er in 18 Partien sieben Mal, zwei weitere Treffer verbuchte er in der UEFA Youth League. Im letzten Sommer wechselte er schliesslich zum FC Basel. Hinter dem Transfer stehen aber viele Fragezeichen, denn im Gegenzug übergab der FCB die Transferrechte des jungen Schweizer Innenverteidigers Albian Hajdari (18) an Juventus. Ein Deal für die Bilanz.


Sène wurde umgehend an Omonia Nikosia weiterverliehen. In Zypern sollte er im Profifussball Fuss fassen und so sukzessive an die Herausforderung FCB herangeführt werden. Der Plan misslang, bis zur Winterpause absolvierte er keine einzige Partie über 90 Minuten und traf in insgesamt 16 (Teil-)Einsätzen nur einmal. Die Konsequenz: Basel brach die Leihe ab und integrierte Sène in den eigenen Kader. Zurück am Rheinknie besserten sich seine Perspektiven aber kaum. Gerade angesichts der Basler Transferoffensive macht eine erneute Ausleihe nur Sinn. Bei GC darf Sène Anspruch auf einen Stammplatz erheben, beim FCB wäre er in dieser Saison wohl auf der Tribüne gelandet.


Kann er die Sturmprobleme beheben?


Zum Saisonstart war die Torproduktion die grösste Sorge des Rekordmeisters. Mit Léo Bonatini (27), Leonardo Campana (21) und Shkelqim Demhasaj (25) stehen zwar individuell zweifellos gute Stürmer in den eigenen Reihen, gemeinsam erzielten sie bis dato allerdings nur drei Saisontreffer – allesamt gingen auf das Konto von Campana. Die drei Angreifer ähneln sich in ihrem Profil. Gross, gute Nase in der Box, aber wenig Dynamik und Überraschungsmoment. Diese Attribute hat sich GC nun mit Sène ins Boot geholt. Mit ihm werden die Hoppers variabler, frecher, spielfreudiger. Im Kampf um den Klassenerhalt könnte er sich im Verlauf des Jahres zum Schlüsselspieler entwickeln. Die Zürcher haben sich eine Kaufoption für Sène gesichert – nicht auszuschliessen, dass der FCB die Trennung vom Rohdiamanten noch bereuen wird...