• Livio Dörig

Gladbach auf Trainersuche: Passt YB-Coach Seoane zur Borussia?

Aktualisiert: Feb 18

Am Montag wurde offiziell bekannt, dass Marco Rose ab kommendem Sommer nicht mehr an der Seitenlinie von Borussia Mönchengladbach steht, sondern sich dem BVB anschliesst. Die Fohlen brauchen zur neuen Saison hin also einen neuen Trainer. Gerardo Seoane wird in der bereits heiss brodelnden Gerüchteküche als möglicher Kandidat für den Job gehandelt. Bolzplazz zeigt auf, warum der YB-Coach perfekt nach Gladbach passen könnte.


Ein Cupsieg, zwei Meistertitel in Folge und der nächste Streich scheint aufgrund aktuell sensationeller 16 Punkten Vorsprung auf den nächsten Verfolger nur noch Formsache – Gerardo Seoane wird auch seine dritte Saison bei YB aller Voraussicht nach mit dem «Chübel» krönen. Wie erfolgreich der gebürtige Luzerner ist, lässt sich nicht nur anhand der Titel messen, sondern mit durchschnittlich 2,17 Punkten pro Partie ist er auch der mit Abstand beste Trainer der YB-Vereinsgeschichte. Als Seoane im Sommer 2018 die Young Boys von Adi Hütter übernahm, war die Erwartungshaltung an ihn ganz klar: Die Erfolgswelle des Österreichers sollte weitergeführt werden, die Berner wollten sich langfristig als Nummer 1 im Schweizer Fussball etablieren. Der 42-Jährige hat seine Aufgaben nicht nur erfüllt, sondern die Erwartungshaltung bei weitem übertroffen. Folglich dürften sich die Berner Verantwortlichen kaum wundern, wenn Seoane nun mit dem Wunsch einer neuen Herausforderung an sie herantritt.


Trotz gültigem Arbeitspapier bis Juni 2023 ist der nächste Schritt in der Karriere des Sohnes spanischer Eltern schon fast überfällig. Seine Laufbahn als Trainer startete Seoane in der Jugendabteilung des FC Luzern. Die aktive Zeit als Profifussballer beendete er ein paar Jahre zuvor ebenfalls bei den Innerschweizern. Über die U21 des FCL übernahm er im Winter 2018 das Ruder vom geschassten Markus Babbel. Schon sein Leistungsnachweis in Luzern ist sehr beachtlich: Seoane führte ein völlig verunsichertes und kriselndes Team vom vorletzten Tabellenplatz auf den hervorragenden dritten Schlussrang. Innerhalb von nur 17 Spielen formte er die Mannschaft vom Abstiegskandidaten zum EL-Qualifikationsteilnehmer und erreichte einen Punkteschnitt von 2,00 pro Partie – eine sehr ansehnliche Bilanz. Der Grund für diese erfolgreiche Zeit lag natürlich an der qualitativ hochwertigen Arbeit Seoanes und zeigte erstmals eindrücklich auf, wie sehr das neue Gesicht im Schweizer Trainerwesen sein Handwerk versteht. So schnappte wenig verwunderlich der Ligakrösus aus Bern bereits im folgenden Sommertransferfenster zu und sicherte sich die Dienste Seoanes.

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Ähnlich schnell könnte es vor sich gehen, wenn Borussia-Manager Max Eberl bei Seoane wirklich ernsthaftes Interesse hinterlegen sollte. Der Schritt in die Bundesliga ist für angesehene deutschsprachige Trainer aus der Schweiz bekanntlich naheliegend und die Adresse Gladbach aus unterschiedlichen Gründen äusserst reizvoll. Die Rahmenbedingungen – sei es stadion- und fantechnisch, aus ökonomischer Sichtweise oder vom Kader her – sind beim Traditionsverein aus Nordrhein-Westfalen selbst für die Bundesliga überragend. Gladbach geniesst aber trotz der grossen Strahlkraft und der Ambitionen des Vereins medial gesehen nicht ganz die Aufmerksamkeit wie beispielweise die andere Borussia aus Dortmund. Folglich ist auch der Druck nicht ganz so gross, obwohl die Fohlen zweifelsohne zu den absoluten Topklubs in Deutschland gehören. Ein optimales Umfeld also für einen so talentierten und aufstrebenden Coach wie Seoane. Und je nachdem wie erfolgreich die Mannen von Marco Rose die laufende Saison zu Ende spielen, dürfte der diesjährige Champions League-Achtelfinalist auch in der kommenden Spielzeit auf europäischer Bühne vertreten sein, was die Adresse noch reizvoller macht.


Seoane bringt trotz seines jungen Alters schon viel an Erfahrung auf internationaler Ebene mit. Inklusive Qualifikationsspiele, stand er in beiden europäischen Wettbewerben zusammengerechnet in 25 Spielen an der Seitenlinie der Young Boys. Überdies war er der erste YB-Trainer in der Vereinsgeschichte, der den Einzug in die Champions League schaffte. Da Borussia Mönchengladbach auch zukünftig hohe Ziele verfolgt und sich selbst im Idealfall als regelmässigen Königsklasse-Teilnehmer sieht, sind die Erfahrungen von Seoane insbesondere in der CL-Gruppenphase Gold wert und ein grosser Pluspunkt. Ein weiterer Vorteil des 42-Jährigen ist sein Sprachtalent: Er spricht fliessend Spanisch, Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch. Für die Kommunikation mit den Spielern ist eine solche Vielsprachigkeit ein Segen. Vor allem, um der Mannschaft seine Ideen und Spielphilosophie näherzubringen, ist ein guter Austausch – auch mit fremdsprachigen Akteuren – essenziell. Keinerlei Verständigungsprobleme oder gar kulturelle Differenzen sollte es mit den Schweizer Spielern im Kader der Borussia geben. Mit Yann Sommer, Nico Elvedi, Michael Lang, Denis Zakaria und Breel Embolo stehen nämlich aktuell gleich deren fünf unter Vertrag. Seoane würde sich im sonst schon familiären Umfeld äusserst wohlfühlen und hätte mit den genannten Nationalspielern quasi «on top» noch immer einen gewissen Bezug zur Heimat (obwohl bezweifelt werden darf, dass alle der genannten Eidgenossen nächste Saison noch das schwarz-weiss-grüne Trikot tragen werden). Allgemein haben Schweizer bei der Borussia in den letzten Jahren eine gewisse Tradition. Die Fans und die Verantwortlichen dürften sich noch liebend gerne an den ehemaligen Captain Granit Xhaka, Torwart Jörg Stiel oder den akribischen Lucien Favre an der Seitenlinie zurückerinnern. Die Schweiz und die Borussia – das hat in der Vergangenheit in den allermeisten Fällen bestens zusammengepasst. Seoane wäre daher eine naheliegende Wahl als neuer Gladbach-Trainer.


Rein sportlich betrachtet, könnte es zwischen Gladbach und dem gebürtigen Luzerner ebenfalls sehr gut funktionieren. Zwar sind die fussballerischen Herangehensweisen von Marco Rose und Seoane nicht in allen Punkten identisch. Trotzdem gibt es gewisse Aspekte, die definitiv übereinstimmen. Hier zu nennen sind insbesondere Spielideen bezüglich Pressing und ein gepflegtes Pass- und Positionsspiel. Sowohl Seoane als auch Rose sind taktisch sehr flexibel und sind nicht auf eine bestimmte Standardformation fixiert. Beide verfügen zudem über ein exzellentes in-game Coaching, wodurch sie auch während eines Spiels mit geschickten Anpassungen noch aktiv Einfluss auf das Spielgeschehen nehmen können. Zuletzt agierten die Young Boys unter Seoane in einem 4-4-2-System. Schaut man sich den Kader der Borussia an, ist das Spielermaterial für diese Grundformation auf jeden Fall gegeben. Gerade für die typische Doppelspitze sind Spieler wie Embolo, Plea, Thuram oder Stindl als «Falsche 9» bestens geeignet. Eine weitere Übereinstimmung ist die physische Komponente. Die Teams von Gladbach und YB zählen von der Körperlichkeit her in ihrer jeweiligen Liga zur absoluten Spitze. Gerade auch bezüglich Fitness, Physis und Pressingbereitschaft der Spieler leisten Marco Rose und sein Staff exzellente Arbeit. Seoane könnte auf diesem vorhandenen Fundament aufbauen und seine eigenen Ideen in diesen fruchtbaren Boden pflanzen.


Des Weiteren hat sich Seoane in Bern als Talentförderer und -entwickler bewiesen. Die Borussia ist ein klassischer deutscher Ausbildungsverein, der Spieler mit Potential verpflichtet, dieses aus ihnen rauskitzelt und sie dann schliesslich mit Gewinn weiterverkauft. Diese Vereinsphilosophie muss auch vom Coach getragen und gepflegt werden und mit Seoane hätte Gladbach jemanden, der dies bei den Young Boys bereits perfekt umgesetzt hat. Junge Spieler wie Jordan Lotomba, Cédric Zesiger, Sandro Lauper, Michel Aebischer, Felix Mambimbi und Fabian Rieder sind unter Seoane gross geworden und haben sich zu nationalen Spitzenspielern entwickelt. Während YB Lotomba bereits gewinnbringend in die Ligue 1 zu OGC Nice verkaufen konnte, dürften in der nächsten Transferphase andere Berner Spieler diesem Beispiel folgend vergoldet werden. Bei Gladbach wird genauso grossen Wert auf die Weiterentwicklung junger Spieler gelegt. Folglich wird der neue Coach Erfolge als Talentförderer vorweisen müssen. Seoane würde demnach perfekt ins Beuteschema passen.


Betrachtet man die genannten Punkte, kommt man zwangsläufig zum Schluss, dass es zwischen Seoane und Gladbach so richtig «matchen» könnte. Gerade auch bezüglich Förderung von jungen Talenten wäre der Schweizer der richtige Mann für die Borussia und könnte so über einen längerfristigen Zeitraum nachhaltig etwas Erfolggekröntes am Niederrhein aufbauen. Sollte der Wechsel tatsächlich über die Bühne gehen, steht YB im ersten Moment als Verlierer da. Trotzdem dürfte man einem (bald) dreifachen Meistertrainer den logischen nächsten Karriereschritt kaum verwehren und Seoane würden dementsprechend wohl keine Steine in den Weg gelegt werden. Und so wie man die vorausschauende Art von Sportchef Christoph Spycher kennt, hat dieser sehr wahrscheinlich bereits einen Nachfolger für den punktemässig erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte in der Hinterhand. In seiner Aussenwirkung sollte der eher bedachte und reservierte YB-Coach aber vielleicht noch Fortschritte machen, denn das «Haifischbecken» Bundesliga ist nochmals ein anderes Kaliber als die beschauliche Super League. Doch anstatt mit grossen, leeren Worten, überzeugt der ehemalige Mittelfeldspieler sowieso viel lieber mit bestechender Arbeit in Form von guten Resultaten oder gar Titeln. Es wäre für die gesamte Liga zwar äusserst schade das wohl derzeit grösste Schweizer Trainerversprechen zu verlieren. Doch Seoane in den Coachingzonen der imposanten Bundesligastadien zu sehen, würde für Vieles entschädigen. Es ist auch nicht aus der Luft gegriffen, dass ihm irgendwann sogar der Sprung zu einem absoluten Spitzenklub in der europäischen Fussballlandschaft gelingen könnte. Die Station Borussia Mönchengladbach wäre da nur der logische und vermutlich perfekte nächste Zwischenschritt…


Seoane heisser Kandidat: https://onefootball.com/de/news/gladbach-liste-fur-rose-nachfolge-seoane-von-den-young-boys-heier-kandidat-32392319


Auch Favre im Rennen? https://www.bluewin.ch/de/sport/fussball/seoane-ein-top-kandidat-als-neuer-gladbach-trainer-und-was-ist-mit-favre-586133.html


Seoane zum besten Trainer gewählt: https://www.aargauerzeitung.ch/sport/die-young-boys-raumen-virtuell-ab-nsame-bester-spieler-seoane-bester-trainer-ld.2088759