• Joel Trummer

Der steile Aufstieg von Fabian Rieder: Von der YB-U21 ins Stadio Olimpico

In der vergangenen Saison avancierte er innerhalb von kürzester Zeit vom Nachwuchs-Captain zum Super League-Überraschungsstar. Bolzplazz wirft einen Blick auf Fabian Rieders (19) rasanten Aufstieg. Wird er sich auch in der kommenden Saison im namhaft besetzten Mittelfeld der Young Boys durchsetzen können?


Eine märchenhafte Debütsaison

Seine ersten fussballerischen Erfahrungen sammelte der in Bern geborene Fabian Rieder beim Koppiger SV. Über den Nachwuchs des FC Solothurn landete er im Sommer 2017 im Nachwuchs der Berner Young Boys. Zu Beginn der Saison 2019/20 gelang ihm im zarten Alter von 16 Jahren der Sprung in die U21-Mannschaft von YB, welche er schon bald als Captain aufs Feld führen durfte. In der abgelaufenen Spielzeit plante man ursprünglich, ihn langsam an die erste Mannschaft heranzuführen. Er sollte im Zweiwochentakt abwechslungsweise bei den Profis und bei der U21 auftreten. Während Rieder nebenbei ein Praktikum auf der Geschäftsstelle der Young Boys absolvierte und jüngst erfolgreich seine KV-Lehre abschloss, wurde seine Bedeutung für die erste Mannschaft aber immer grösser. Zu Beginn der Saison 2020/21 war nicht damit zu rechnen, dass Rieder so viel Spielpraxis auf der höchsten Stufe erhalten und im Nu zu einem integralen Bestandteil der Meistermannschaft werden würde.


Mit Gaudino, Aebischer und Martins Pereira standen dem damaligen Trainer Gerardo Seoane zu Beginn der Hinrunde der letzten Saison gleich drei Spieler, welche im zentralen Mittelfeld beheimatet sind, nicht zur Verfügung. So kam es, dass Fabian Rieder an der Seite von Vincent Sierro am 17. Oktober (4.Spieltag, 0:0 vs Servette FC) sein Debüt in der Super League feiern konnte. Von Premieren-Nervenflattern keine Spur: Rieder überzeugte auf ganzer Linie und konnte sogleich die meisten Ballgewinne für seine Mannschaft verzeichnen.


In der darauffolgenden Woche schenkte ihm Seoane erneut das Vertrauen und liess ihn wiederum an der Seite von Sierro auflaufen. Dieses Mal jedoch in einer weitaus grösseren Affiche: YB traf in der Gruppenphase der Europa League auf die AS Roma.


Seine Cleverness im Spiel sollte den Bernern nach einer guten Viertelstunde Spielzeit den Weg zum Führungstreffer ebnen. Rieder nutzte das etwas ungeschickte Abwehrverhalten von Roma-Star Bryan Cristante abgebrüht aus und holte einen Elfmeter raus. Jean-Pierre Nsame liess sich natürlich nicht zweimal bitten und verwandelte souverän zum 1:0. Trotz der frühen Führung musste man sich der Mannschaft von Paulo Fonseca am Ende mit 1:2 geschlagen geben. Bei seinem ersten Spiel auf internationaler Ebene begeisterte Rieder durch Zweikampfstärke und Passsicherheit. Zudem waren erstaunlicherweise keinerlei Anzeichen von Nervosität zu sehen, was für einen 18-Jährigen, welcher gerade mal ein einziges Spiel mit der ersten Mannschaft in den Beinen hat, durchaus bemerkenswert ist.


Bis zum Ende der Spielzeit 2020/21 sollte es Rieder auf 23 Partien in der Super League sowie 8 Einsätze in der Europa League bringen. Der erste Torerfolg blieb ihm noch verwehrt, doch er wusste mit vielen starken Spielen sowie einem Assist zu überzeugen. Sein Potential wurde natürlich auch vereinsintern längst erkannt. So erstaunte es nicht, als die Young Boys ihn Mitte Januar diesen Jahres mit einem Profivertrag bis 2024 ausstatteten.


Was hat ihn so stark gemacht?

Rieder bestach sofort auf drei verschiedenen Ebenen: Einerseits durch seine bemerkenswerte Coolness, die ihn auf dem Feld wie einen routinierten alten Hasen aussehen liess. Dank dieser Abgebrühtheit war Rieder in kaum einer Situation aus der Ruhe zu bringen. Er fand auch unter Druck zumeist sinnvolle und gewinnbringende Lösungen. Seine Stressresistenz war insbesondere in den Europa League-Partien auffällig, wo er als Jüngster in seinem Team spielte, als wäre er der Älteste.


Eine zweite Qualität, die Rieder sofort zu einem wichtigen Mitglied der ersten Mannschaft werden liess, ist seine Ballsicherheit. Technisch agiert er auf einem so hochstehenden Level, dass ihm kaum je Fehler unterlaufen. Dank enger Ballführung, guter Ballkontrolle und beeindruckenden technische Fertigkeiten avancierte er im zentralen Mittelfeld sofort zum Stabilitätsgaranten. Durch diese technische Verlässlichkeit entwickelte sich Rieder in Kombination mit seinem nervenstarkem Auftreten schnell zum Ruhepol im YB-Zentrum.


via srf.ch

Sein dritter grosser Pluspunkt ist das Spielverständnis: Dank seiner hohen Spielintelligenz macht er gewisse Defizite im körperlichen Bereich wett. Rieder ist weder der Kräftigste, noch der Explosivste, aber aufgrund seiner Fähigkeit, das Spiel genau zu lesen, fällt er auch defensiv nicht ab. Gutes Stellungsspiel und eine bissige Art helfen ihm in der Rückwärtsbewegung. Unter Spielverständnis fällt auch seine vorzügliche Übersicht: Mit guter Vororientierung und tollem Blick für die Mitspieler schwang sich Rieder bereits in seiner ersten Saison zu einem starken Passspieler auf.


In Seoanes 4-4-2 gefiel Rieder auf der Doppelsechs sowohl als Taktgeber als auch als Stabilisator. Dass ihn «Gerry» in den beiden Europa League-Sechzehntelfinalpartien gegen Leverkusen jeweils in der Schlussphase einwechselte, um mehr Ruhe ins eigenen Zentrum zu bringen, spricht Bände über die grossen Qualitäten, die Rieder bereits in jungem Alter mitbringt. In beiden Spielen gelang es ihm, die davor eingekehrte Hektik etwas auszubremsen – und so half er entscheidend mit, dass YB den grossen Favoriten mit einem Gesamtskore von 6:3 aus dem Wettbewerb kegeln konnte.


Aufstieg in die U21-Nationalmannschaft

Durch seine rasante Entwicklung spielte sich Rieder natürlich auch in den Fokus von Schweizer U21-Nationaltrainer Mauro Lustrinelli. Zusammen mit dem drei Wochen jüngeren Leonidas Stergiou war er einer von zwei Schweizer Spielern mit Jahrgang 2002, die in diesem Jahr an der U21-Europameisterschaft in Slowenien teilnahmen. Im letzten Gruppenspiel gegen Portugal (0:3) feierte Rieder seinen Einstand, konnte am Ausscheiden aber nichts mehr ändern.


Da nun mit Toni Domgjoni und Bastien Toma zwei namhafte Kräfte im Mittelfeld der Schweizer U21-Nati altersbedingt nicht mehr zum Kader gehören, ist für Fabian Rieder eine zentrale Rolle vorgesehen. Gemeinsam mit Alexandre Jankewitz und Kastriot Imeri dürfte er das Mittelfeldtrio der neuen Schweizer U21-Generation bilden. Eine Mischung, die viel verspricht: Der kampfstarke, energetische Jankewitz neben Metronom Rieder und Freigeist Imeri. Schweizer Fussball-Aficionados lecken sich die Lippen…


Ausblick auf die nächste Saison

Das zentrale Mittelfeld ist bei den Young Boys momentan sehr breit besetzt. Der Abgang von Gaudino nach Sandhausen ist bereits seit einigen Wochen fix, könnte aber nicht der Letzte sein. Mit dem Transfer von Alexandre Jankewitz, welcher aus Southampton nach Bern kommt und ursprünglich aus der Jugendabteilung von Servette Genf stammt, ist dafür ein weiterer Mittelfeldspieler mit viel Potential nach Bern gekommen.


Zudem sind mit Lauper, Aebischer, Sierro und Pereira einige Spieler da, welche in der Hierarchie wohl aktuell noch über Rieder stehen. Mit Esteban Petignat und Nico Maier drängen darüber hinaus zwei weitere Eigengewächse in den Profikader, die im Zentrum zum Einsatz kommen könnten. Es zeichnet sich also ein harter Konkurrenzkampf im YB-Mittelfeld ab, aktuell streiten sich 8 Akteure um 2 Plätze. Da in der kommenden Saison allerdings mit einer Dreifachbelastung zu rechnen ist, wird Rieder garantiert erneut auf seine Einsätze kommen. Auf längere Sicht gesehen wird er sich wohl langfristig im Berner Mittelfeld etablieren. Das Potenzial dazu hat er definitiv und bei einem Ausbildungsverein wie den Young Boys wird es durch Transfers in grössere Ligen immer wieder Lücken geben, welche mit Eigengewächsen gefüllt werden.


Noch ist nicht vorauszusehen, wie sich Rieder unter Neu-Coach David Wagner schlagen wird. Dieser ist mit der Absicht nach Bern gekommen, die jungen Spieler weiterzubringen – es darf also davon ausgegangen werden, dass Rieder auch unter Wagner nächste Schritte nehmen und so seinen steilen Aufstieg nicht minder rasant fortsetzen wird. Der Deutsche Cheftrainer will einen intensiven Fussball spielen lassen, mit viel Bewegung und Pressing – ein Sechser wie Rieder, der dem Team Halt, Struktur und Übersicht gibt, ist daher unabdingbar. Gute Aussichten für das Berner Juwel!




Rieder erhält Vertrag bis 2024: https://www.srf.ch/sport/fussball/super-league/schweizer-fussball-news-yb-bindet-fabian-rieder-bis-2024


Rieder: Die Zukunft der Nati? https://www.aargauerzeitung.ch/sport/verlorenes-viertelfinal-sorry-absolute-fehleinschaetzung-acht-erkenntnisse-zur-zukunft-der-schweizer-nati-nach-dieser-grossartigen-em-ld.2159849


Rieder, der neue Wunderknabe: https://www.blick.ch/sport/fussball/er-traeumt-von-einer-karriere-bei-bayern-oder-manchester-city-yb-rieder-ist-der-neue-wunderknabe-im-schweizer-fussball-id16255657.html