• Emanuel Staub

Das Ende eines Traumas

Die Schweiz qualifiziert sich zum ersten Mal seit fast 70 Jahren für einen Viertelfinal! Der grösste Sieg der Schweizer Fussballgeschichte beschert unserem Land einen noch nie erlebten Freudentaumel.


Der Fluch ist gebrochen


67 Jahre ist es her, seit die Schweiz zum letzten Mal an einem grossen Turnier im Viertelfinale stand. An der WM 1954 im eigenen Land stiessen die Eidgenossen bis in die Runde der letzten acht vor, wo man sich dann in der legendären Hitzeschlacht von Lausanne den Österreichern mit 5:7 geschlagen geben musste.


Einen ähnlich legendären Status dürfte das Schweizer Achtelfinale an der diesjährigen EURO erreichen – mit dem Unterschied, dass das bessere Ende für einmal der Nati gehört. Mit 5:4 nach Elfmeterschiessen kegeln Vladimir Petkovics Mannen den Weltmeister Frankreich aus dem Turnier. Ein Sieg, an den vor der Partie kaum einer ernsthaft geglaubt hätte.


Damit ist es der Schweiz endlich gelungen, den Achtelfinalfluch zu brechen. 2014, 2016 und 2018 scheiterte diese Spielergeneration jeweils höchst dramatisch. 2006 und 1994 die Generationen vor ihr. Aber 2020 ist der Nati endlich dieser vermaledeite Exploit gelungen, nach dem sich das ganze Land seit einer gefühlten Ewigkeit sehnt.


Aber nicht nur der Achtelfinalfluch wurde gebrochen: Zum ersten Mal überhaupt konnte die Schweiz ein Elfmeterschiessen für sich entscheiden. Alle bösen Geister sind endlich vertrieben. Dieser Erfolg kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Es ist ein unfassbarer Kraftakt, der unserem Team gelungen ist. Es ist nichts anderes als ein historischer Sieg.



Es gibt kein Halten mehr

Ein heldenhaftes Kollektiv


Die Schweiz wurde von Petkovic hervorragend eingestellt. Das System passt, die Rollenverteilung ist klar. Man merkt sofort, dass ein Plan ausgeheckt wurde, wie man den übermächtigen Favoriten ins Straucheln bringen will. Die Nati agiert von Beginn an besonnen, souverän und ohne Furcht.


Haris Seferovic trifft doppelt, ackert und läuft für zwei. Granit Xhaka reisst das Geschehen an sich, nach dem 3:1 lässt er den Kopf nicht hängen, sondern geht voran und flösst den Schweizern den Glauben an ein gutes Ende ein. Nach der Partie wird er verdientermassen zum Man of the Match ausgezeichnet. Manuel Akanji und Nico Elvedi sorgen für defensive Stabilität und kochen die französischen Angreifer eiskalt ab. Steven Zuber sprintet die Aussenbahn rauf und runter, liefert seinen 4. Assist an diesem Turnier – seit Beginn der Datenerfassung um 1980 ist dies noch keinem Spieler an einer EM gelungen. Und dann natürlich noch Mario Gavranovic, der kommt und sofort trifft, der perfekte Joker.


Breel Embolo, Remo Freuler, Silvan Widmer, auch Fehlschütze Ricardo Rodriguez und die Einwechselspieler Kevin Mbabu, Ruben Vargas, Christian Fassnacht, Admir Mehmedi und Fabian Schär fügen sich überragend ins Kollektiv ein. Es passt zum Gesamtbild dieser verschworenen Einheit, dass vier der fünf Schweizer Elfmeterschützen eingewechselt wurden.



Das Gesicht dieses Coups? Yann Sommer, er wird zum Helden des Abends. Sein gehaltener Penalty gegen Superstar Kylian Mbappé sendet die Schweizer in die nächste Runde. Es war eine Mannschaftsleistung, die nicht mehr zu überbieten ist. Der Glaube an die eigene Stärke und die Solidarität auf dem Platz füreinander war schlicht inspirierend.


Hinter diesem Coup steht Vladimir Petkovic, der erfolgreichste Coach unserer Geschichte. Von gewissen Teilen der Schweiz missverstanden und missachtet, schenkt er der Schweiz die grösste Sternstunde ihrer Fussballgeschichte. Wie Captain Granit Xhaka nach dem Abpfiff zu Petkovic rennt und ihn umarmt, sagt viel aus über die Achtung und die Dankbarkeit, die die Schweizer Spieler für ihren Trainer empfinden. Es ist an der Zeit, vor Vladimir Petkovic den Hut zu ziehen.




Alles was noch kommt ist eine Zugabe


Das grosse Ziel ist erreicht. Die Schweiz hat Frankreich ausgeschaltet und steht tatsächlich in einem EM-Viertelfinale! Die Nati hat unserem Land Emotionen geschenkt, die wir noch nie erlebt haben. Die ganze Schweiz versank in der Nacht auf Dienstag in einem einzigen grossen Freudentaumel. Auf den Strassen wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, ein Gefühlsgewitter brach über uns herein, das wir so nicht kannten.


Diese Mannschaft hat sich diesen grossen Erfolg mehr als nur verdient. Eine Spielergeneration, die davon geprägt wurde, auf den letzten Metern und in den wichtigsten Momenten stets den Kürzeren zu ziehen, hat endlich ihre Fesseln gelöst. Alle unnötige mediale Kritik ist verstummt, stattdessen befinden wir uns in einem kollektiven Freudenfest. Die Leistung der Schweizer verdient den allergrössten Respekt.


Ja, das ist die beste Schweizer Nationalmannschaft unserer Geschichte. Ja, das ist der grösste Erfolg, den wir je gefeiert haben. Doch es ist noch nicht zu Ende: Dem Wahnsinn kann am Freitagabend die Krone aufgesetzt werden. Dann nämlich tritt die Schweiz im Viertelfinale in St. Petersburg gegen Spanien an. Die Nati wird aber ohne Captain Granit Xhaka auskommen müssen, der sich eine Gelbsperre eingefangen hat. Wie auch immer dieses Spiel ausgehen wird: Alles, was jetzt noch kommt, ist eine Zugabe.


DANKE! Wir lieben euch!