• Emanuel Staub

Cédric Zesiger: Ein logisches Nati-Aufgebot

Aktualisiert: Sept 4

Er ist – gemeinsam mit Gregor Kobel – der erste Nati-Debütant in der Ära Yakin. Für viele kam Zesigers Aufgebot überraschend, aber eigentlich ist es nur die logische Krönung einer tollen Entwicklung.


Im Sommer 2019 stiess Cédric Zesiger (23) von Absteiger GC zum Meister aus Bern. Es war ein Wechsel, der so nicht vorauszusehen war. 21 Partien absolvierte er in der Abstiegssaison für die Hoppers, er erlebte dabei eine sportlich extrem frustrierende Zeit und ein unruhiges, zerrüttetes Klubumfeld. Grösser hätte der Kontrast zu den Verhältnissen, die bei seinem neuen Verein YB herrschen, nicht sein können. Der Plan von Spycher und Seoane war, den 1,94m grossen Innenverteidiger behutsam aufzubauen und sorgfältig an die erste Mannschaft heranzuführen. Heute ist Zesiger Abwehrchef und frischgebackener Nationalspieler. Der gebürtige Seeländer hat bei YB sein Glück gefunden und mit Champions League-Qualifikation und Nati-Aufgebot gerade die erfolgreichste Woche seiner Karriere hinter sich.


Ein holpriger Start


Der Start bei YB verlief jedoch suboptimal. Aufrgund vieler Verletzungen in der Berner Hintermannschaft wurde Zesiger auf Anhieb eine grössere Rolle zuteil, als ursprünglich geplant. Er schlug sich wacker, konnte aber nicht verbergen, dass die Umstellung sehr gross war. Als YB-Verteidiger wurde ihm auch eine gänzlich andere Rolle zuteil, als er sich das bei GC gewohnt war. Von ihm wurde nun viel stärker verlangt, sich am Spielaufbau zu beteiligen und mitzuhelfen, Lösungen zu konstruieren. Gerade das, zusammen mit mangelnder Erfahrung und kleineren Unkonzentriertheiten, sorgte dafür, dass Zesiger einen holprigen Start in seine YB-Karriere erwischte und nicht immer die beste Figur abgab.


In Erinnerung bleibt etwa sein folgenschwerer Stolperer in der Europa League gegen die Rangers (2:1), der direkt zum Gegentor führte. Von gewissen Stellen wurde Zesiger bereits das YB-Niveau abgesprochen, aber das Muskelpaket liess sich davon nicht beirren und ging konsequent seinen Weg. Auch der Trainerstab hielt stets an ihm fest und erntete im letzten Jahr die Früchte dafür.



Tolle Entwicklung und Stütze der U21-Nati


Zesiger hat eine tolle Entwicklung genommen. Bereits in der vergangenen Saison präsentierte er sich defensiv äusserst stabil, die kleineren Fehler und Unkonzentriertheiten konnte er abstellen. Ihm gelingt es nun, seinen beeindruckenden Körperbau geschickter einzusetzen. Zesiger wirkt mittlerweile weitaus kontrollierter, abgeklärter und souveräner, als das in seiner YB-Debütsaison der Fall war. Seine harte Arbeit hat sich ausbezahlt, sämtliche Aspekte seines Spiels konnte er verbessern. Nicht nur stabilisiert Zesiger heute die YB-Defensive merklich, auch mit dem Ball am Fuss hat er sich weiterentwickelt. Seine Passquote hat er in dieser noch jungen Saison auf 87% hochgeschraubt (2019/20: 83%), viel präziser sind zudem auch seine Zuspiele ins letzte Drittel (75% / 2019/20: 65%).


Eine grosse Rolle nahm Zesiger auch in der U21-Nationalmannschaft ein. An der U21-EURO in diesem Frühling war er mit Abstand der verlässlichste Verteidiger der Schweiz. Lustrinelli schätzte Zesigers Wucht im Zweikampf, seine Stärke in der Luft und sein verbessertes Aufbauspiel sehr. 17 Mal lief er insgesamt für die U21 auf. Auf dem Weg an die Europameisterschaft war Zesiger eine echte Stütze des Erfolgs, womit sein Weg in die A-Nationalmannschaft vorgezeichnet war.


Abwehrpatron in der Abwesenheit Lustenbergers


Zesigers tolle Entwicklung ist höchst erfreulich. Aktuell ist er der vielleicht beste Innenverteidiger der Liga. Dass dieser Leistungssprung möglich war, hängt wohl zu einem grossen Teil mit ex-Trainer Seoane zusammen. Der dreifache Meistercoach erkannte Zesigers Potential bereits, als andere noch an dessen Super League-Tauglichkeit zweifelten. Eine YB-Defensive ohne den Abwehrhünen? Aktuell kaum vorstellbar. Was Zesigers Bedeutung für das frankophon geprägte YB-Team noch vergrössert, ist die Tatsache, dass er als Bilingue sowohl Deutsch als auch Französisch beherrscht. Damit gehört er nicht nur auf dem Platz zu den Leadern, sondern ist er auch fürs Innenleben der Mannschaft eine wichtige Figur.


Angesprochen auf seinen Schützling sagte YB-Trainer David Wagner jüngst:

"Seitdem ich hier bin, macht er's bockstark. Er geht vorne weg – im Training und im Spiel. Und es ist ganz hohes Niveau, was er jetzt konstant anbietet."

Und damit hat er absolut Recht. Was Zesiger aktuell zeigt, ist nochmals auf einem anderen Level im Vergleich zu dem, was er bereits in der starken letzten Saison abrief (wo wir ihn übrigens ins Bolzplazz Team of the Season wählten). In dieser Spielzeit ist er in der Abwesenheit von Captain Fabian Lustenberger zum unangefochtenen Abwehrchef des BSC Young Boys aufgestiegen. In den Champions League-Qualifikationspartien gehörte Zesiger jeweils zu den besten Spielern auf dem Platz. Und nicht zu vergessen: Mit seinem Führungstor im Playoff-Rückspiel gegen Ferencvaros (3:2) war er es, der das Tor zur Königsklasse weit aufstiess.


Das Nati-Aufgebot ist die logische Konsequenz


Physisch robust, clever, kopfballstark und durchschlagskräftig: Gerade defensiv macht Zesiger kaum einer was vor. In dieser noch jungen Saison gewinnt er wettbewerbsübergreifend starke 77% seiner Defensivzweikämpfe und rund 72% seiner Kopfballduelle. Mit 23 Jahren ist Zesiger nun Abwehrpatron im aktuell erfolgreichsten Verein der Schweiz. Gut möglich, dass er bereits im nächsten Jahr einen Anlauf in einer Topliga unternimmt.



Dass Zesiger sich nun Nationalspieler nennen darf, ist nur logisch. Das Aufgebot ist die logische Konsequenz einer sackstarken Entwicklung: Vom unerfahrenen Lehrling zum Stabilitätsgaranten der Meisterdefensive. Murat Yakin beweist mit seiner Wahl, dass er sich nicht scheut, aufstrebende Spieler aus der Super League mit ins Boot zu nehmen. Ein wichtiges Signal für die Zukunft. Mit Zesiger hat der neue Nati-Trainer wohl noch einiges vor. Die Nomination begründete er nicht nur mit den starken Auftritten des YB-Stars, sondern auch mit der Tatsache, dass dieser Linksfuss sei – als einziger aller in Frage kommender Schweizer Innenverteidiger. Ein kleines, aber feines taktisches Detail, das darauf hindeutet, dass Zesiger keine unwichtige Rolle in Yakins Plänen spielt...