• Emanuel Staub

Bilanz nach der Vorrunde: Zwischen Ärger und Stolz

Dank einem überzeugenden 3:1-Sieg über die Türkei wahrt sich die Nati die Chance auf den Achtelfinal. Die Vorrunde verlief insgesamt jedoch nicht annährend so reibungslos wie erhofft. Begleitet von Nebenschauplätzen und unnötigen Diskussionen muss die Schweiz den tapferen Walisern den Vortritt für Gruppenrang 2 lassen. Bolzplazz zieht nach turbulenten ersten EM-Spielen Bilanz.


Die Leistung

Wirklich schlau geworden ist man aus der Schweiz nicht. Der Sieg gegen die Türkei glättet zwar die Wogen, kann aber nicht kaschieren, dass man insgesamt hinter den Erwartungen geblieben ist. Hätte die Nati den Vorsprung gegen Wales über die Zeit gebracht, hätte man sich vieles ersparen können. Jetzt beendet man die Gruppenphase auf dem 3. Rang punktgleich mit Wales, das schlechtere Torverhältnis sorgt – mal wieder – für den Schweizer Nachteil.


Gegen tiefstehende und geschlossen verteidigende Waliser schlug sich die Schweiz eigentlich nicht schlecht, gerade Breel Embolo gelang es immer wieder, mit seiner Wucht und seinem Tempo Lücken zu reissen. Wales mag weniger spielerisches Potential als die Schweiz haben, mit ihrer kompromisslosen und defensiven Spielweise sind die "Drachen" aber allemal ein unbequemer Gegner. Weniger enttäuschend als die durchaus solide spielerische Leistung war die Tatsache, dass man nach dem mühsam erzielten Führungstreffer den Sieg noch herschenkte. Einmal mehr verspielte die Nati in der Schlussphase einen Vorsprung. In den letzten Jahren ist das fast zum Trend geworden. Eine unerklärliche Passivität erhielt Einzug, überall war man einen Schritt zu spät. Im Nachhinein lässt sich sagen, dass diese plötzliche Lethargie die Schweiz den 2. Platz gekostet hat.


Die Leistung in der zweiten Partie gegen Italien ist vielleicht der Tiefpunkt in der Ära Petkovic. Die Azzurri waren den Schweizern in jeder Hinsicht überlegen. Der Qualitätsunterschied war geradezu frappant. Was jedoch irritierte war die Art und Weise, wie sich die Schweiz überfahren liess. Ohne Kampf, ohne Biss und ohne Dynamik ging man unter. Etwas innerhalb der Mannschaft schien zerbrochen, es fehlte an Einheitsgedanken und Solidarität.


Geht man auf Ursachensuche für diesen schwarzen Abend in Rom, wird man unzählige verschiedene Antworten erhalten. Aus fussball-taktischer Sicht stimmte vor allem eines nicht: Das Abwehrverhalten der Nati war miserabel. Gedanklich langsam, behäbig und von Zuteilungsproblemen geplagt, hatte man den heranrollenden Tempovorstössen der Italiener nichts entgegenzusetzen. Die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen waren zu gross, das Mittelfeld quasi nicht existent. Und hatte die Schweiz den Ball, sorgten technische Mängel, schlechte Entscheide unter Druck und insgesamt zu wenig Tempo im Aufbau dafür, dass man ihn schnell wieder los war. Gewisse dieser taktischen Mängel sind bereits länger bekannt. Kaum je sind sie jedoch derart schonungslos offengelegt worden wie an diesem denkwürdigen Abend in Rom.




Die dritte und entscheidende Partie ist eine solche, an die man sich als Schweizer Fan lange und gerne zurückerinnern wird. Der verdiente Sieg gegen einmal mehr überforderte Türken ist Balsam für unserer Fussballseele. Die Nati brachte die gegen Italien verlorenen Tugenden von Solidarität, Lust und Tempo zurück auf den Rasen. Zwar stimmte erneut einiges nicht so recht im Defensivverbund, was nun aber von der spielerischen Dominanz aufgefangen werden konnte. Die Schweizer waren bereit, gedanklich und körperlich, und wurden von Vladimir Petkovic optimal eingestellt. Die Chance auf die nächste Achtelfinalteilnahme ist nun elativ gross, auch wenn nun die Entscheidung nicht mehr in den Füssen der Schweizer liegt.



So präsentiert sich die Gruppe A

Die Spieler

Besonders hervorheben muss man nach dieser Vorrunde fünf Spieler: Breel Embolo, Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Haris Seferovic und Steven Zuber. Embolo, der sein erstes Turnier als unangefochtener Stammspieler bestreitet, war in dieser Vorrunde ein echter Gewinn. Sein Treffer gegen Wales beflügelte ihn, er war kaum mehr zu bremsen. Zwar wurde auch er von den Italienern abgekocht, und gegen die Türkei schossen andere die Tore, aber sein Einfluss auf das Schweizer Angriffsspiel war wohl noch nie so gross wie in dieser Phase.

Embolo: Man of the Match vs Wales

Xherdan Shaqiri ist wohl der einzige Spieler in diesem Land, der es schafft, gleichzeitig Liebling und Sündenbock in einem zu sein. Während sich gewisse Zuschauer an seiner Art stören, wird er von anderen dafür hochgejubelt. Tatsache ist vor allem eines: Xherdan Shaqiri ist der begabteste Schweizer Spieler dieser Generation, vielleicht sogar aller Zeiten. Kein Schweizer Fussballer hat mehr Endrundentore erzielt als "Big Shaq" (7). An 3 von 4 Vorrunden-Treffern war er direkt beteiligt. Shaqiri ist und bleibt der Schweizer Heilsbringer.


via watson.ch

Auch Granit Xhaka wird gern und oft kritisiert, besonders von gewissen Kreisen. Grundsätzlich ist er unersetzbar für die Schweiz, gegen Italien sah man davon aber nichts. Als Herz und Hirn der Mannschaft ist er ohne Zweifel der Richtige fürs Captainband. Selber angestachelt von der eigenen enttäuschenden Leistung gegen Italien, begeisterte Xhaka gegen die Türkei durch Einsatzfreude, Tacklings und magistrale Pässe.


Der dritte im Bunde der Vielgescholtenen hört auf den Namen Haris Seferovic. Er erzielte eines der wichtigsten Tore seiner Karriere. Sein früher Führungstreffer gegen die Türkei erlaubte es der Schweiz, das Spiel in eine erfreuliche Richtung zu lenken. Natürlich hätte Seferovic aus allen Chancen, die sich ihm im Nati-Trikot geboten haben, mehr Tore erzielen können. Dennoch bleibt er der erfolgreichste Schweizer Mittelstürmer des letzten Jahrzehnts (22 Tore). Gegen die Türkei hat er seinen Wert einmal mehr bewiesen.


Es war eine Leistung wie aus einem Guss: Steven Zuber zauberte gegen die Türkei eine historische Performance auf den Rasen. Eigentlich ist er seit geraumer Zeit nicht mehr erste Wahl unter Petkovic, wird nun aber auf absehbare Zeit kaum mehr die Startelf verlassen. Nicht weniger als 3 Assists sammelte Zuber gegen die Türken. Das ist vor ihm nur zwei anderen Spielern jemals an einer EM gelungen.



Die Nebenschauplätze

Zieht man Bilanz nach dieser Vorrunde, muss auch etwas zur Sprache kommen, was eigentlich nichts mit dem Gezeigten auf dem Rasen zu tun hat. Von gewissen Medien zu Skandalen hochgeschaukelte "Bagatell-Delikte" sorgten für viel Lärm neben dem Platz. Ob Tattoobesuch, Coiffeur oder Hymnendebatte: Unnötige Polemiken kamen in den letzten Tagen auf, die der Nati wohl auch ein Stück weg die Puste im Spiel gegen Italien nahmen. Dabei ist die Schweiz eigentlich bereits ein gebranntes Kind: Nicht zuletzt wegen dem medialen Aufruhr nach der Doppeladler-Geschichte, fehlte der Nati im WM-Achtelfinale gegen Schweden 2018 die Kraft zu einem Exploit. Ohne Frage: Die Medien haben die Pflicht zu berichten. Aber muss aus allem immer eine Affäre gesponnen werden? Manchmal ist ein Friseur-Besuch auch einfach nur ein Friseur-Besuch. Wir reden von Profifussballern, angestellt in den grössten Klubs der Welt: Färben sie sich die Haare, bereiten sie sich nicht weniger fokussiert auf ein Spiel vor.


Um den ganzen Trubel der letzten Tage in einen nüchternen Kontext zu setzen, sollte man sich die mediale Berichterstattung in der Westschweiz ansehen. Dort wurde vor allem Unverständnis über die Wut und die Vehemenz geäussert, mit der bereits vor dem Italien-Spiel in der Deutschschweiz Mücken zu Elefanten gemacht wurden. Kaum je war der Rösti-Graben in der Schweizerischen Fussballlandschaft offensichtlicher. Dazu passt auch, dass sich der offene Brief an die Bevölkerung, den Petkovic vor dem entscheidenden Spiel verfassen liess, nur an ein Deutschschweizer Publikum richtete. Denn in anderen Teilen unseres Landes gab es schlicht keinen vergleichbaren Aufschrei, der hätte beruhigt werden müssen.


Klar: Mit der miserablen Leistung gegen Italien machte sich die Nati angreifbar. Durch den wichtigen Sieg zum Abschluss der Gruppenphase ist nun hoffentlich aber der Druck aus dem Kessel gewichen. Denn vor einem allfälligen Achtelfinale wäre es schön, sich für einmal wirklich nur aufs Sportliche konzentrieren zu können.



Weiterer Turnierverlauf

Sicher ist der Achtelfinaleinzug freilich noch nicht. Klar ist aber schon jetzt: Kommt die Schweiz als eine der vier besten Gruppendritten weiter, wartet in der nächsten Runde ein grosser Brocken. Frankreich, Deutschland, Portugal oder Belgien etwa. Man darf sich keine Illusionen machen: Ein Viertelfinaleinzug wäre eine Sensation. Dennoch: Alleine bereits das neuerliche Erreichen der K.o-Runde wäre als Erfolg zu werten – besonders unter den gegebenen Umständen.


Bis auf weiteres gilt es nun zu hoffen, dass der Fussballgott unserem Land den nächsten Achtelfinal beschert. Und selbst wenn nicht darf man nach diesem grossartigen Auftritt gegen die Türkei stolz sein. Es ist der gelungene Schlusspunkt einer turbulenten und von Störgeräuschen begleiteten Gruppenphase. Die Kür folgt aber hoffentlich in der nächsten Runde...