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«Beim FCS erhielt ich die Chance, mich neu zu entfalten»

Im ersten offiziellen Bolzplazz-Interview sprachen wir mit Schaffhausen-Star Francisco Rodriguez (25). Der jüngere Bruder von Nati-Linksverteidiger Ricardo spricht über seinen Wechsel in die Challenge League, die Arbeit unter Trainer Murat Yakin und seinen Traum, eines Tages noch für eine Nationalmannschaft aufzulaufen.


Das Interview wurde am Montag 15.3. aufgezeichnet. Drei Tage zuvor verlor Aufstiegsaspirant Schaffhausen gegen Xamax mit 0:3, es war die zweite Niederlage in Serie für die Munotstädter. Das Aufstiegsrennen bleibt aber auch nach dem 25. Spieltag spannend wie nie, der FCS liegt nur zwei Punkte hinter dem Barrage-Platz.


Grossen Anteil an der starken Saison hat Neuverpflichtung Francisco Rodriguez, mit 8 Assists bester Vorlagengeber der Liga. Im Sommer kam er der einstige Wolfsburg-Legionär nach einer schwierigen Zeit beim FC Lugano zum FC Schaffhausen.


Bolzplazz: Nimm uns gleich mal ein bisschen mit: Wie sieht jeweils euer Wochenstart aus? Habt ihr heute trainiert oder gab es eine Matchbesprechung?

Francisco Rodriguez: Natürlich gibt es ein bisschen mehr zu besprechen, wenn man zweimal nacheinander verloren hat. Anfangs Woche haben wir immer eine reguläre Matchanalyse vom Spiel des letzten Wochenendes. Danach starten wir direkt mit einem intensiven Training in die Woche. Dabei arbeiten wir meistens im konditionellen Bereich und ohne Ball, ehe wir die Einheit mit einer Spielform oder einem Abschlusstraining beenden. Anfangs Woche versuchen wir also immer, das letzte Spiel zu analysieren und dann mit einem guten ersten Training in die Woche zu starten.


Wie sieht eure Matchvorbereitung aus?

Das hängt vor allem davon ab, ob wir zuhause oder auswärts spielen. Bei Heimspielen treffen wir uns zwischen fünf und sechs Stunden vor Anpfiff, machen ein kleines Footing, also ein lockeres Training, um warm zu werden. Danach haben wir jeweils ein gemeinsames Essen, ehe jeder ein wenig für sich ist und sich etwas ausruht, um dann am Abend fit zu sein. Bei Auswärtsspielen treffen wir uns beim Stadion und fahren dann gemeinsam los in ein Restaurant oder Hotel, wo wir etwas essen. Nach dem Essen geht es mit einem Meeting weiter, ehe wir in Richtung Stadion fahren.


Wie vertreibst du deine Zeit bei einer langen Auswärtsfahrt? Die Reise nach Chiasso z.B. dauert ja ewig…

Ja, die dauert wirklich ewig, da hast du Recht. Grundsätzlich vertreibt sich jeder die Zeit im Car individuell. Ich lese gerne unterwegs, höre Musik oder mache mal ein Kartenspiel.


Was hast du neben dem Platz für Hobbys und Interessen?

Ich habe ein grosses Interesse an meiner Familie und an den engsten Kollegen. Ich stehe mit ihnen immer in Kontakt und will stets wissen, was so läuft. Eines meiner Hobbys ist das Kochen. Ich koche sehr gern und wage mich immer wieder an neue Rezepte. Neben dem Platz trainiere ich aber auch viel alleine, ich achte schon darauf, dass ich als Hauptberuf Fussballer bin. An zwei Nachmittagen pro Woche mache ich ein zusätzliches Training, in dieser Saison wurde das zu meiner Routine. An den freien Wochenenden ging ich früher auch gerne mal nach Zürich in die Stadt und trank etwas.


Bist du auch abseits des Rasens fussballverrückt? Es gibt ja bekanntlich unter den Spielern absolute Fussballnerds und solche, die kaum je ein Spiel zuhause schauen.

Ich interessiere mich jetzt nicht gerade wie ein Gestörter für den Fussball, aber ich verfolge ihn von zuhause schon auch. Attraktive Spiele schaue ich mir sehr gerne an, gerade in der Champions League. Aber stundenlang vor dem Fernseher zu sitzen, ist nicht mein Ding, auch wenn ich als Teenager intensiv die Barça-Spiele verfolgte.


Gegen Xamax gab es eine 0:3-Pleite, gegen SLO eine 1:3-Niederlage. Davor wart ihr 7 Spielen ungeschlagen – woran liegt dieser plötzliche Trendwechsel?

Ich finde, dass in diesen zwei Spielen unsere Konzentration nachgelassen hat, wodurch wir uns selber geschlagen haben. Die Gegner waren nicht sehr viel stärker als wir, durch unnötige Eigenfehler haben wir sie aber aufgebaut. Dass wir zwei Niederlagen nacheinander kassieren würden, hätte ich nicht erwartet. Gerade gegen Xamax habe ich schon mit einem Sieg gerechnet. Aber wir waren nicht bereit und begingen einfache Fehler. Für einen Zweitplatzierten spielten wir ganz einfach zu mutlos.


Du selber hast am Samstag zum 1. Mal in dieser Saison auf der Bank gesessen, nachdem du gegen SLO noch getroffen hast. Was war los?

Ich hatte muskuläre Probleme in der rechten Wade. Ich bekam im Training einen Schlag ab, der sich noch nicht wirklich auskuriert hatte. Ich stand auf dem Matchblatt, weil ich es probieren wollte. Aber beim Einlaufen wurde mir endgültig klar, dass es nicht funktioniert und ich nicht im Stande sein werde, 100% zu geben. Also war ich leider nur als Zuschauer im Stadion. Ich wäre natürlich gerne auf dem Platz gestanden, aber leider hat es nicht gereicht.

via Instagram / Rodriguez blüht beim FCS wieder auf

Insgesamt spielt ihr ja eine sehr starke Saison. Ihr könnt ohne Druck agieren und man sieht euch den Spass am Fussball förmlich an. Wie kam das zustande?

Ich bekam als Neuzugang ja nicht wirklich mit, was in der letzten Saison beim FC Schaffhausen los war. Ich hatte gute Gespräche mit Murat Yakin vor der Saison, in denen er mir aufgezeigt hat, dass er das Team verstärken und eine konkurrenzfähige Truppe zusammenstellen will. Das ist ihm gelungen, wir bekamen viele gute Spieler neu dazu und konnten von Anfang an die Vorstellungen des Trainers erfüllen. Mit unseren individuell starken Jungs konnten wir sofort signalisieren, dass wir im Stande sind, in dieser Saison etwas zu erreichen.


Hast du auf dem Platz einen «Lieblingsmitspieler» beim FCS, mit dem du dich während dem Spiel blind verstehts?

Ja, da gibt es schon zwei oder drei. Ich würde da sicher Rodrigo Pollero erwähnen, der sehr kopfballstark ist und bei dem ich mit meinen Standards genau weiss, dass er trifft, wenn mein Ball zu ihm kommt. Im Mittelfeld habe ich ein sehr gutes Verständnis mit Danilo Del Toro und Uran Bislimi. Wir sind alle drei technisch starke Spieler, die ihre Qualitäten im Offensivbereich haben. Auch mit anderen Spielern wie André Neitzke, der gute Bälle zwischen die Linien spielt, oder den beiden offensivstarken Aussenverteidigern komme ich auf dem Platz sehr gut zurecht. Insgesamt haben wir uns alle zusammen sehr schnell gefunden, weswegen wir jetzt auch da oben stehen.


Du selber spielst ebenfalls sehr stark. 21 Spiele und 12 Scorerpunkte sprechen für sich.

Ich bin sicherlich zufrieden und bin gut drauf. Ich mache aber auch sehr viel dafür, dass es so gut läuft. Umso schöner, wenn sich das dann durch Scorerpunkte auf dem Feld widerspiegelt. Ich weiss, im Fussball zählen vor allem Statistiken. Ich bin aber der Meinung, dass man einen Fussballer auch rein vom Spielerischen und seinem Fussballverständnis her bewerten kann. Ich finde, dass ich auch in diesem Bereich gut unterwegs bin, auch wenn sich das dann nicht in Tore oder Assist niederschlägt. Meinem Gefühl nach bin ich ganz allgemein auf einem guten Weg. Es gibt immer wieder Verbesserungspotential und ich arbeite jeden Tag, um stets besser zu werden. Beim FCS erhielt ich die Chance, mich wieder neu zu entfalten und wieder neu anzugreifen. Dafür bin ich Murat Yakin und dem Klub sehr dankbar. Ich habe auch viel in meinem Leben umgestellt und bin happy, nun beim FCS zu sein.


Du hast etwas Interessantes angesprochen: Das Thema Scorerpunkte. Fussballer werden halt an Statistiken gemessen. Ist man da als professioneller Spieler auf Scorerpunkte fixiert und vergleicht man sich teilweise auch miteinander?

Scorerpunkte spielen leider schon eine grosse Rolle. Obwohl es ja ein Mannschaftssport ist, schaut am Ende halt jeder trotzdem auf sich selber. Im Unterbewusstsein tut sich nämlich schon etwas, wenn man sieht, dass andere Scorerpunkte sammeln und du selber nicht. Man wird dadurch auf dem Feld unbewusst etwas egoistischer, woran am Ende dann das Mannschaftsgefüge leidet. Wenn man lange nicht scort baut sich ein grosser Eigendruck auf, der im Hochleistungssport halt irgendwie dazugehört.


Aktuell spielst du deine erste Challenge League-Saison. Wie schätzt du das Niveau ein?

Wenn ich ehrlich bin, ist das Niveau eigentlich recht gut. Klar, das Level ist nicht so hoch, wie ich es auch schon erlebt habe, aber es ist trotzdem gut. Ich finde es hat viele Mannschaften, die vom Potential her sehr ähnlich unterwegs sind. Die Liga ist extrem ausgeglichen, es gibt keinen klaren Aufsteiger oder klare Mittelfeldteams. Alles ist sehr nahe beieinander und es ist sehr spannend – gerade auch für die Zuschauer.


Wer war bislang dein stärkster Challenge League-Gegenspieler?

Gute Frage! In der Challenge League gibt es aktuell sehr viele junge Talente mit grossem Potential, zum Beispiel Zeki Amdouni von Stade-Lausanne-Ouchy, der ja gegen uns getroffen hat. Daneben hat mich auch Toti Gomes von GC sehr beeindruckt. Für mich ist er der vielleicht stärkste Spieler der Liga, auf jeden Fall ist er der kompletteste Fussballer in der Challenge League. Spielerisch gut, zweikampfstark und schnell, ausserdem hat Toti ein hervorragendes Spielverständnis.


Wie ist dein Transfer zum FCS im letzten Jahr abgelaufen?

Von meinem ex-Berater wurde ein Kontakt hergestellt. Murat Yakin hat sich bei ihm nach mir erkundigt, als ich noch bei Lugano unter Vertrag stand. Ich kam da gerade aus einer schwierigen persönlichen Lebenssituation. Yakin wollte mich schon länger unbedingt haben. Als ich beim FC Luzern und er beim FC Sion war, versuchte er mich bereits einmal zu sich holen. Ich glaube, er mochte mich schon immer und nun hat es gepasst. Für mich war das der richtige Schritt, ich wusste, dass ich vom Trainer als Spieler und Mensch geschätzt werde, dass wir ein starkes Team aufbauen und über eine hervorragende Infrastruktur verfügen. Ich war überzeugt, dass ich beim FCS wieder meine ganzen Qualitäten zeigen und mich weiterentwickeln kann.


Wie ist die Arbeit unter Yakin?

Yakin ist sehr akribisch. Er gibt extrem professionelle und hilfreiche Anweisungen, er ist ja einer der grössten Namen im Schweizer Trainergeschäft und kann viele Erfolge vorweisen. Yakin hat sowohl als Spieler als auch als Coach sehr viele Erfahrungen gesammelt, er hat das Business selber erlebt und weiss, wovon er spricht. Obwohl er als Aktiver ein Defensivspezialist war, kann auch ich unter ihm noch sehr viel lernen.


Du bist ja beim FCZ als Flügel gross geworden. In Schaffhausen spielst du auf einer Halbposition zwischen 8er und 10ner. Wo fühlst du dich positionsmässig am Meisten zuhause?

Du hast es richtig beschrieben: Ich nehme beim FCS eine Zwischenposition ein. Profi geworden bin ich zwar als Flügel, aber eigentlich bin ich ein gelernter Achter. Nun habe ich die Position, die ich mir immer gewünscht habe. Ich pendle zwischen 8er, 10ner und offensive Aussenbahn. Ich bin nämlich kein klassischer Flügelstürmer, dazu fehlt mir der Topspeed.


Deine Spielintelligenz macht sich halt gut im Zentrum.

Genau. Zum ersten Mal überhaupt spiele ich in meiner Karriere auf dieser Position. Von hier aus kann ich meine Qualitäten sehr gut ausspielen. Ich kann schon auch aussen an der Linie stehen, ziehe aber sehr gerne ins Zentrum.


2015 kam der Wechsel zu Wolfsburg ins Ausland, 2017 der Schritt zurück in die Schweiz. Welche Eindrücke nahmst du mit?

Ich konnte natürlich viele verschiedene Erfahrungen sammeln. Ich stand bei einem Topklub unter Vertrag, der zu dieser Zeit auch wirklich ein Topklub war. Ich durfte viele herausragende Fussballer im Training erleben und habe erfahren, was es heisst, auf wirklich hohem Niveau zu trainieren und zu spielen.


Du bist 25, hast noch eine lange Kariere vor dir. Was willst du noch erreichen? Ein Auslandwechsel?

Ich habe sicherlich noch einige persönliche Ziele, die ich erreichen will. Ein ganz grosser Wunsch wäre ein Nati-Aufgebot mit Chile. Wenn zudem ein Auslandwechsel irgendwann möglich ist, würde ich das natürlich schon gerne nochmals machen. Im Ausland wird der Fussball einfach intensiver gelebt und verfolgt als in der Schweiz.


Wie siehts denn mit der chilenischen Nationalmannschaft aus? Vor Jahren gab es ja bereits Kontakt…

Als ich damals bei Wolfsburg war, bekam ich ein Aufgebot vom chilenischen Verband. Die Funktionäre sind extra nach Deutschland gereist und haben mir dargelegt, was sie mit mir vorhaben. Damals entschied ich mich aber für einen Verbleib in der Schweizer U21, einfach, weil ich mir in jungen Jahren noch keine Tür zuschliessen wollte. Danach gab es Personalwechsel im chilenischen Verband. Das Team ist sich nun neu am Finden, es hat viele alte Spieler mit dabei. Es ist mein Herzenswunsch, für Chile zu spielen. Wenn tatsächlich nochmals ein Aufgebot kommen sollte, wäre ich alles andere als abgeneigt. Aber wer weiss, wenn plötzlich die Schweiz eines Tages noch anklopfen sollte, müsste ich mir das natürlich auch sehr gut überlegen.

via football.ch / "Cico" absolvierte einst 8 Partien für die Schweizer U21

Kommen wir nochmals zum FC Schaffhausen: Was liegt für euch in dieser Saison drin?

Wenn wir Spiel für Spiel unsere Leistung bringen, konzentriert bleiben und wenig Eigenfehler machen, bin ich überzeugt, dass wir aufsteigen können.


Beim Aufstieg würdest du wohl bleiben…

Mein Vertrag hat sich kürzlich automatisch verlängert. Es wäre natürlich sehr schön, mit dem FCS aufzusteigen und neue Synergien mit Schaffhausen zu erleben.


Und beim Verpassen des Aufstiegs?

Das ist eine schwierige Frage. Ich weiss nicht, wie sich der Rest der Saison entwickeln wird. Mein Ziel ist es, mit Schaffhausen aufzusteigen oder zumindest eine tolle Schlussphase zu spielen. Was dann kommen wird, kann ich noch nicht sagen. Ich habe natürlich auch meine persönlichen Ziele. Aber ich bin mittlerweile ein Mensch, der Tag für Tag nimmt und nicht zu weit vorausdenken möchte.


Letzte Frage: Hast du bereits Pläne für nach der Karriere?

Ich habe mir noch keine spezifischen Gedanken gemacht. Ich lerne mich auch jetzt noch immer wieder neu kennen und probiere stets Neues aus. Ich sehe mich gar nicht in einem Büro, aber ich könnte mir ein sozialer Job im Bereich Jugendarbeit sehr gut vorstellen. Ein Engagement für Leute aus schwierigen Verhältnissen ist etwas, das mir am Herzen liegt. Ich will anderen Menschen helfen und habe ja selber viele verschiedene Erfahrungen gesammelt, sowohl als Privatperson, als auch Fussballer, mit denen ich gerne anderen Leuten helfen würde.