• Livio Dörig

Anto Grgic: Kasami 2.0

Nachdem in der vergangenen Spielzeit Pajtim Kasami dem FC Sion den Klassenerhalt fast im Alleingang sicherte, ist diese Saison Anto Grgic der überragende Mann in Sittener Reihen. Bolzplazz legt dar, wie der schweizerisch-kroatische Doppelbürger so unverzichtbar geworden ist.


Die Fussballerkarriere von Anto Grgic begann wie aus dem Lehrbuch, erlebte dann allerdings eine deutliche Baisse. Diese hat sich jedoch spätestens mit Beginn der laufenden Spielzeit völlig in Luft aufgelöst und momentan befindet sich der Mittelfeldspieler wohl in der Form seines Lebens. Der in Schlieren geborene Grgic lernte das Fussballspielen bei seinem lokalen Fussballverein. Schon in jungen Jahren Aufmerksamkeit auf sich ziehend, kam er in der Nachwuchsabteilung der Grasshoppers unter. Als 13-jähriger Knirps zog es ihn dann jedoch ausgerechnet zum Erzrivalen FCZ. Für die Stadtzürcher durchlief er fortan sämtliche U-Auswahlen und galt als eines der grössten Zukunftsversprechen im Schweizer Fussball. So verwundert es nicht, dass Grgic im zarten Alter von gerade einmal 18 Jahren bereits sein Debüt in der Super League gab.


Zu Beginn der Saison 2015/2016 schenkte ihm Urs Meier im Derby gegen die Hoppers das Vertrauen er kam so zu seinen ersten Minuten im Profifussball. Von Beginn an überzeugend, konnte sich Grgic trotz seiner Jugendlichkeit mehr oder weniger direkt als Stammkraft beim FCZ etablieren. Ins Auge stach dabei seine enorme Variabilität, denn der gelernte zentrale Mittelfeldspieler agierte nicht nur in seiner eigentlichen Paraderolle, sondern machte auch Partien als Zehner, Sechser und gar als Innenverteidiger. Gekrönt wurde seine erste Saison im Profigeschäft mit dem Gewinn des Schweizer Cups. Im Nachhinein betrachtet wohl etwas zu früh, kam im kommenden Transferfenster der Wechsel zum VfB Stuttgart und damit ins Ausland. Ganze 2 Millionen Euro liessen sich die Schwaben die Dienste des Youngsters aus der Schweiz kosten. Die damit ausgelösten Erwartungen konnte Grgic jedoch nie erfüllen. In seinen eineinhalb Jahren bei den Schwaben machte er lediglich 14 Partien in der 2. Bundesliga und legte einen mickrigen Kurzeinsatz in Deutschlands höchster Spielklasse ab. Zeitweise wurde der Rechtsfuss gar in die Zweitvertretung des VfB in die Regionalliga Südwest versetzt. Sehr unzufrieden mit der Gesamtsituation im Schwabenland und dem allgemeinen Verlauf seiner Karriere, kam das Leihangebot des FC Sion im Winter 2018 sehr gelegen und Grgic nahm es sofort an.


Trotz insgesamt sieben (!) unterschiedlichen Trainern an der Seitenlinie der Walliser, avancierte Grgic in den vergangenen zweieinhalb Jahren zurück in der Schweiz wieder zu einer absoluten Stammkraft. Den frühen Karriere-Durchhänger konnte der Schweiz-Kroate beim dreizehnmaligen Cupsieger mit konstanten und soliden Auftritten erfolgreich vergessen machen. Einzig die vielen verletzungsbedingten Ausfälle – unter anderem wegen einer Leistenoperation – in der Spielzeit 2018/2019 brachten diese Konstanz wieder etwas ins Wanken. Präsident Christian Constantin muss mit den gezeigten Leistungen von Grgic trotzdem d’accord gewesen sein, denn zur Saison 2019/2020 erwarben die Sittener die Transferrechte an Grgic für kolportierte 1 Million Schweizer Franken.

© FC Sion via nau.ch

Trotz dem lebhaften und instabilen Umfeld in Sion hat Grgic seine Karriere wieder in geregelte Bahnen gelenkt. Jedoch zeigt der Rechtsfuss erst wieder in der aktuellen Spielzeit vollumfänglich, was für ein grosses Potential in ihm steckt. Die nackten Zahlen lesen sich eindrucksvoll: 18 Partien, 85 % der möglichen Spielminuten absolviert und dabei 8 Tore und 3 Vorlagen auf dem Konto. Eine extrem hohen Anzahl an Scorerpunkten für einen Mittelfeldspieler! Daher werden automatisch Erinnerungen an Pajtim Kasamis letzte Saison bei den Sittenern wach. Dieser war mit seinen Treffern und Assists fast eigenhändig für Erfolg oder Misserfolg der Walliser verantwortlich. Zieht man in Betracht, dass Grgic auf dem Platz noch etwas defensiver als Kasami spielt, sind die Werte noch beeindruckender.


In der Mannschaft von Weltmeister Fabio Grosso ist Grgic der Dreh- und Angelpunkt schlechthin. Ungeachtet seiner Position vermag der 24-Jährige das Spiel an sich zu reissen und ihm mit geschickten Aktionen seinen Stempel aufzudrücken. Die Flexibilität ist weiterhin eine der herausstechenden Attribute Grgics, in dieser Spielzeit kam er im Mittelfeld schon auf jeder Position zum Einsatz. Schaut man sich die Statistiken etwas genauer an, fällt einem auf, was für ein kompletten Akteur er eigentlich ist. Wirkliche Schwächen sucht man vergebens. Sowohl in der Defensiv- als auch in der Vorwärtsbewegung des Walliser Spiels bringt sich Grgic dominant ein. In puncto Kreativität ist sein sauberes Passspiel und die Fähigkeit, entscheidende Bälle (sogenannte key passes) zu spielen, zu nennen. Darüber hinaus verfügt er über die Fähigkeit, punktgenau aus der Distanz abzuziehen und brandgefährliche Standards zu treten. Die Freistösse, Eckbälle und Elfmeter von Grgic sind eine echte Waffe und für den FC Sion im Kampf um das Überleben in der Super League Gold wert. Dazu gewinnt Grgic starke 63 % seiner Dribblings und kann so auch durch eine Einzelaktion für Gefahr sorgen oder das Spielgeschehen richtungsweisend verändern. Doch auch defensiv ist der Mittelfeldspieler eminent wichtig. Mit einer Grösse von 1,88 m verfügt er optimale körperlichen Voraussetzungen für sämtliche Duelle am Boden oder in der Luft. Zusammen mit seiner grossen Einsatzbereitschaft und dem hohen Laufpensum, ist Grgic in der Zentrale vor der Abwehr ein nicht wegzudenkendes Puzzlestück im Walliser Defensivverbund. Er macht wichtige Wege und stopft Löcher und sorgt damit für Stabilität und Kompaktheit im Abwehrverhalten des Teams.


Die genannten Punkte gepaart mit den überragenden Scorerwerten beweisen, dass Anto Grgic in dieser Saison mindestens genau so wichtig für den FC Sion ist, wie es FCB-Akteur Kasami in der letzten Spielzeit war und er aktuell wohl einer der besten Spieler der Liga ist. Ohne die top Leistungen und Torbeteiligungen des Mittelfeldspielers wären die Sittener noch viel mehr in Nöten als ohnehin schon. Paradebeispiel hierfür ist der 3:2 Heimsieg gegen den FC St. Gallen, bei dem Grgic die Espen quasi im Alleingang mit drei Treffern abschoss und so die lebenswichtigen drei Zähler im Tourbillon blieben. Ohne Grgic wäre die Punkteausbeute der Walliser massiv schlechter und Trainer Fabio Grosso wäre dementsprechend vermutlich längst von Christian Constantin in die Wüste geschickt worden. Macht der Rechtsfuss so konstant weiter, dürfte er im Sommer – trotz dickem Portemonnaie des Präsidenten – nur schwer zu halten sein. Klubs aus den unteren Tabellenregionen der Top 5-Ligen werden wohl Schlange stehen und um ihn buhlen. Mit 24 Jahren ist Grgic immer noch entwicklungsfähig aber mittlerweile eben auch gereifter und der abermalige Sprung ins Ausland ist der einzig logische Schritt. Auch Vladimir Petkovic wird Grgic auf dem Radar haben. Momentan ist eine Natiaufgebot aufgrund der stattlichen Konkurrenz eher unwahrscheinlich, doch kann der mehrmalige U-Internationale der Schweiz weiter so für Furore sorgen, ist bekanntlich alles möglich. 2017 war er bereits einmal Teil eines Nati-Zusammenzugs, blieb letztlich aber ohne Einsatz. So nah an einer Rückkehr wie jetzt war er nie. Und sollte ein Abenteuer im Ausland wider Erwarten ein weiteres Mal scheitern, weiss Grgic immerhin, dass die Super League ein ganz gutes Pflaster für ihn zu sein scheint.


Grgic startet durch: https://www.blick.ch/sport/fussball/superleague/sommer-zeitpunkt-fuer-naechsten-schritt-das-schlieremer-chind-grgic-ist-in-sion-erwachsen-geworden-id16334303.html


So tickt Grgic: https://www.sport.ch/fc-sion/718821/ex-supertalent-und-hattrick-held--so-tickt-sions-neuer-leader-anto-grgic


Grgic-Hattrick: https://www.srf.ch/sport/fussball/super-league/kein-sieger-bei-lugano-vaduz-sion-beendet-dank-grgic-hattrick-den-fluch-gegen-st-gallen