• Livio Dörig

Andi Zeqiri: Der U21-Nati-Torjäger in der Sackgasse?

In der U21-EM-Qualifikation der überragende Mann für die Schweiz, ist Andi Zeqiri in seinem Klub meist aussen vor. Bolzplazz analysiert die Lage des jungen Angreifers und zeigt mögliche Perspektiven auf.


Spielerprofil

9 Treffer in 8 Partien in der EM-Quali: Man kann getrost behaupten, dass Andi Zeqiri die Schweiz fast im Alleingang an das U21-Turnier in Slowenien und Ungarn geballert hat. Als absoluter Torgarant ist der Linksfüsser einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass unser Land nach 2011 endlich wieder einmal an einer U21-Europameisterschaft vertreten ist. Der Stossstürmer überzeugte im Team von Mauro Lustrinelli vor allem mit seiner Kaltschnäuzigkeit im Abschluss und seinem geschickten und cleveren Positionsspiel in der gegnerischen Box. Ganz allgemein ist Zeqiri ein sehr eleganter und wendiger Fussballer. Komplettiert wird das äusserst interessante Spielerprofil Zeqiris mit seiner fabelhaften Schusstechnik und einer beachtenswerten technischen Finesse.


Dass der schweizerisch-kosovarische Doppelbürger über ungemeine Qualitäten und Talent verfügt, war schon früh klar. In jungen Jahren begann er seine fussballerische Ausbildung beim FC Stade-Lausanne-Ouchy, ehe er 2011 in die Nachwuchsakademie des Lokalrivalen FC Lausanne-Sport wechselte. Bereits als 16-Jähriger kam der hochveranlagte Zeqiri zu seinem Debüt in der Challenge League und machte in wenigen Spielen so sehr auf sich aufmerksam, dass sich im Sommer 2016 das grosse Juventus Turin die Dienste des Angreifers auf Leihbasis inklusive Kaufoption sicherte. Bei der «Alten Dame» musste sich Zeqiri in der U19-Mannschaft beweisen. Trotz regelmässigen Einsätzen zogen die Norditaliener die Kaufoption am Ende nicht, und so kehrte er nach nur einem Jahr wieder zu Lausanne zurück. Retrospektiv war die Rückkehr in die Heimat für Zeqiris sportliche Entwicklung nur von Vorteil.


Durchbruchsjahr 2019/20

Zwar spielte er in der Saison 2017/2018 in der Super League noch keine tragende Rolle und konnte am diskussionslosen Abstieg der Waadtländer nichts ändern, in den zwei darauffolgenden Spielzeiten in der Challenge League (18/19 und 19/20) entwickelte sich Zeqiri aber zu einem elementaren Puzzleteil in Giorgio Continis Equipe. In der letzten Saison gelang ihm sein endgültiger Durchbruch: Meist auf dem linken Flügel eingesetzt, netzte er in 33 Challenge League-Matches starke 17-mal und liess sich überdies 8 Assists gutschreiben. Wettbewerbsübergreifend war Zeqiri damit alle 80,6 Spielminuten an einem Treffer direkt beteiligt – eine bemerkenswerte Bilanz für den 21-jährigen Stürmer. Unterstützt von seinen Sturmpartner Aldin Turkes und Dan Ndoye, fegte Zeqiri mit Lausanne durch die Challenge League und stieg souverän auf.


2019/20 gelang ihm nicht nur auf Klubebene der nächste Schritt, sondern auch als U-Nationalspieler. Ist Zeqiri fit, ist er unter Lustrinelli in der Spitze gesetzt. Das Vertrauen zahlte er mit vielen Toren auf dem Weg an die EURO zurück. Besonders in Erinnerung dürfte sein Doppelpack im Hinspiel gegen Gruppenfavorit Frankreich bleiben (3:1 Endstand). Auch an der anstehenden U21-Europameisterschaft soll Zeqiri wieder zum entscheidenden Faktor für die Schweiz werden. Das einzige Fragezeichen: Ist er dazu aktuell im Stande?

via sport.ch

Wechsel auf die Insel

Nach seiner grandiosen letzten Saison standen die Interessenten Schlange. Vereine aus ganz Europa waren am Shootingstar interessiert. Anstatt einen Zwischenschritt zu nehmen, entschied sich Zeqiri im Herbst 2020 für einen direkten Wechsel in die Premier League. Rund 4 Millionen Euro überwies Brighton & Hove Albion an Lausanne. So schlug Zeqiri seine Zelte – ausgestattet mit einem üppigen Vierjahresvertrag – an der englischen Südküste auf. Für den FC Lausanne-Sport bedeutete die eingenommen Ablösesumme einen vereinsinternen Rekord.


Zieht man rund 5 Monate nach dem Transfer auf die Insel eine erste Bilanz, muss man schonungslos sagen, dass sich der Wechsel für Zeqiris bislang nicht sonderlich ausbezahlt hat. Gerade einmal 345 Minuten stand er bislang für die «Seagulls» auf dem Rasen, den Grossteil davon im eher zweitrangigen FA Cup gegen unterklassige Gegner. Obwohl die Ansätze jeweils vielversprechend waren, konnte sich der Stürmer bis dato nicht nachhaltig für mehr Einsatzzeiten aufdrängen. Dass sich Zeqiri schwertut, ist nicht verwunderlich: Der Schritt aus der Challenge League in die womöglich beste Liga der Welt ist immens. Darüber hinaus befindet sich der Klub in einer ungemütlichen Lage, was Zeqiris Einsatzchancen als Rookie nicht gerade verbessert.


Brighton steht auf dem 16. Tabellenplatz, trotzdem zeigt man unter Graham Potter grundsätzlich einen sehr ansehnlichen Fussball, der Zeqiris Spielertyp durchaus entspräche. Allerdings ist neben der Rhythmusumstellung auch die Konkurrenzsituation eine weitere Hürde für den jungen Schweizer: Spieler wie Torjäger Neal Maupay, Linksaussen Leandro Trossard oder ex-England-Star Danny Welbeck melden natürlich auch allesamt hohe Ansprüche auf Einsatzzeiten an. Fussballlehrer Potter lobte Zeqiri in der Vergangenheit zwar einige Male und hob seine Qualitäten und seine Einstellung positiv hervor. Weil aber inklusive unserem U21-Star 11 (!) Angreifer im Kader von Brighton stehen, die allesamt auf diesem Level erprobter sind, hat Zeqiri schlicht einen schweren Stand. Gerade in puncto Physis und Durchsetzungskraft haben die Premier League-Routiniers dem Schweizer Juwel einiges voraus.


Zuletzt kam Zeqiri aber in zwei aufeinanderfolgenden Liga-Partien als Joker zum Einsatz. Beim ersteren wurde er zur Pause eingewechselt und musste ziemlich unkonventionell als offensiver Linksverteidiger aushelfen. Seine Aufgabe erledigte er mit Biss und Souveränität, was ihm von allen Seiten Lob einbrachte. Der Arbeitswille, die Mentalität und die Einsatzbereitschaft stimmen also.


Perspektiven

Kann der Schweizer Ballermann auch an der U21-Endrunde ähnlich auftrumpfen wie in der Quali, wird er sich mit Sicherheit bei Brighton in eine gute Position bringen. Gerade die Auftaktpartie gegen England könnte als ideales Schaufenster dienen. Trotzdem wird Zeqiri bei seinem neuen Klub auch über die U21-EM hinaus nach wie vor einen schweren Stand haben – auch wenn die Verantwortlichen betonen, dass man langfristig mit dem Schweizer U-Internationalen plane. In seiner aktuellen Karrierephase ist es für seine weitere Entwicklung elementar wichtig, zu regelmässigen Einsätzen zu kommen.


Daher würde sich natürlich eine Ausleihe anbieten: Die meisten Englischen Teams schicken ihre Spieler in die eigene zweite Liga. Für Zeqiri wäre ein Schritt in die Championship aber kaum vorstellbar: Einerseits ist die Liga noch kampfbetonter als die Premier League, andererseits wäre sie kaum mit den Ambitionen des Schweizer Hoffnungsträgers vereinbar. Eine Option wäre vielleicht die niederländische Eredivisie, die sowohl vom Niveau als auch von der Spielart her eine spannende Destination sein könnte. Aber auch die portugiesische Liga NOS, die Ligue 1 oder die Primera Division, wo überall ein technischer Fussball gespielt wird, könnten dem Profil Zeqiris entsprechen. Zeqiri würde so zu regelmässigen Einsätzen kommen ­– je nach Klub allenfalls auch auf europäischem Parkett – und im Idealfall, wie zuletzt in Lausanne oder in der U21-Nati, eine tragende Rolle einnehmen.


Der Schweiz-Kosovare kann bekanntermassen Tore erzielen und macht er dies in der kommenden Spielzeit bei einem Klub wie Sporting Braga, PSV Eindhoven oder RC Lens, gehen im Süden Englands bestimmt wieder völlig neue Türen auf. Mit mittlerweile 21 Jahren muss Zeqiri in der nächsten Saison zwingend konstant Einsatzzeit erhalten, will er seine Karriere nicht früh in eine falsche Richtung verlaufen sehen. Ist dies bei Brighton nicht möglich, ist ihm definitiv eine Leihe ans Herz zu legen.


Im heutigen U21-EM-Auftaktspiel der Schweiz gegen England hat die Nummer 29 von Brighton eine grosse Möglichkeit, sich gegen standhafte Verteidiger aus der Premier League zu beweisen. Aus Schweizer Sicht kann man nur hoffen, dass er diese grosse Plattform nutzt und Werbung in eigener Sache betreibt. In diesem Sinne: Schiess die Engländer ab, Andi!



Zukunft des CH-Fussballs: https://www.bluewin.ch/de/sport/fussball/die-schweizer-u21-nimmt-an-der-em-die-k-o-phase-ins-visier-641660.html


Zeqiris Zukunft in England: https://www.theargus.co.uk/sport/19165616.andi-zeqiri-can-target-key-roles-albion-switzerland/


Die Stars von morgen: https://www.tagblatt.ch/sport/u21-europameisterschaft-hudson-odoi-baku-moukoko-trincao-und-zeqiri-diese-juwelen-sind-die-stars-von-morgen-ld.2117702