• Emanuel Staub

4 Transfers für den FC St. Gallen: So finden die Espen den Anschluss an die Spitze

Nach der märchenhaften Saison 2019/20, die um ein Haar in der dritten Meisterschaft in der Klubhistorie gemündet hätte, folgt für den FCSG aktuell eine beschwerliche Spielzeit. Eine ganze Achse an Leistungsträgern brach im Sommer einfach weg, adäquat ersetzt werden konnte diese nicht. Bolzplazz schlägt vier Transfers vor, die es den Ostschweizern ermöglichen, den Anschluss an die nationale Spitze wieder zu finden.

© Sam Modestia / Sandro Färber

Das Wintertransferfenster in der Schweiz schliesst in diesem Jahr erst am 15. Feburar. So bleiben Hüppi und Sutter noch ein paar Tage, um Justierungen am Kader vorzunehmen. Nach 17 Super League Partien 2020/21 hat der FCSG gerade mal 23 Zähler auf dem Konto, und weist ein Torverhältnis von 18:18 auf. Zum Vergleich: In der Vorsaison war man zum gleichen Zeitpunkt nach 17 Spielen mit 35 Punkten und einem unglaublichen Torverhältnis von 41:22 mitten im Titelkampf.


Klar: Der FC St. Gallen spielte 2019/20 über seinen Möglichkeiten und der Erfolg der Vizemeisterschaft darf nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Vielmehr erntete man im letzten Jahr die Früchte kontinuerlich guter und bodenständiger Arbeit. Trotzdem zeigte die letzte Saison eindrücklich auf, dass der FCSG das Potential besitzt, ein Schweizer Spitzenklub zu sein. Als vernünftig geführter und sauber strukturierter Verein mit einer klaren Zukunftsvision und einer heissblütigen Fanbase, bringen die Ostschweizer alles mit, um längerfristig eine wichtige Rolle in der Liga einzunehmen. Wir analysieren nun die aktuellen Schwächen des FCSG und präsentieren mögliche Transferziele, um diese zu beheben und den Klub wieder in ähnliche Sphären wie im vergangenen Jahr zu führen.


Defensive

Die Defensive des FCSG ist blutjung und mit viel Talent gesegnet. Sie ist definitiv nicht der Grund für die Baisse, die der Klub aktuell erlebt. Tatsächlich hat man zum gleichen Zeitpunkt in der letzten Saison mehr Gegentreffer kassiert als aktuell. Allen voran sticht natürlich auch in dieser Saison wieder Supertalent Leonidas Stergiou (18) heraus. Unglaublich schnell, hervorragendes Antizipationsvermögen und eine starke Zweikampfquote zeichnen den jungen Wattwiler aus. Auch in der Spieleröffnung ist Stergiou schon sehr weit. Der Schweizer U21-Nationalspieler ist in jungen Jahren bereits der Kopf der St. Galler Hintermannschaft und holt sich zu Recht Lorbeeren ab. Kürzlich zum "RSL Best Youngster 2020" ausgezeichnet, hat Stergiou eine rosige Zukunft vor sich und als Schweizer Fussballfan darf man seiner Nationalmannschaftskarriere freudig entgegenblicken. An Stergious Seite hat sich Betim Fazliji (21) in der Innenverteidigung bewiesen. Der frischgebackene Kosovarische Internationale hat ebenfalls eine tolle Entwicklung genommen, weist aber im Vergleich zu Stergiou gewisse Tempodefizite auf. Hinter dem gesetzten Duo stehen mit Yannis Letard (22), Musah Nuhu (24) und Adonis Ajeti (23) weitere junge Spieler im Kader. Grosses Vertrauen hat Peter Zeidler in seine Back-ups indes nicht: Gemeinsam kommt das Trio in dieser Saison auf mickrige 278 Einsatzminuten. Klar ist also: Sollte einer aus dem gesetzten IV-Duo länger ausfallen, dürften die Espen ernsthafte Probleme bekommen. Daher sollte man sich nach Alternativen auf dem Transfermarkt umsehen.


Liridon Berisha, 23: SC Kriens Innenverteidigung

Eine solche Alternative wäre Liridon Berisha von Challenge League-Verein Kriens. Der gebürtige Zürcher schreibt seit langem die Erfolgsgeschichte des SCK entscheidend mit. Mit 23 Jahren ist Berisha Führungsspieler und für die Innerschweizer unverzichtbar. Stammspieler, Wortführer und Teilzeitcaptain sind seine Rollen im Team von Bruno Berner, zu welchem Berisha 2019 von der U21-Mannschaft des FCZ stiess. Im familiären und beschaulichen Kriens hat sich Berisha mit wehenden Haaren und tollem Fussball zu einem der besten und konstantesten Innenverteidiger der Challenge League entwickelt. Mit 23 Jahren wäre der 1,84m-Mann nun bereit für den nächsten Schritt. Die Aufgabe St. Gallen wäre für ihn sicher extrem reizvoll, er käme in ein ähnlich behütetes Umfeld und könnte unter Regie von Talentförderer Peter Zeidler behutsam an die Super League herangeführt werden. Nach einem allfälligen Abgang von Leonidas Stergiou oder Betim Fazliji hätte man schon den passsenden Nachfolger in der Hinterhand. Berisha wäre überdies ein klassischer Hüppi/Sutter-Transfer: Lange tingelte er durch die Zürcher Fussballprovinz, hatte mit dem Profi-Fussball eigentlich bereit abgeschlossen bis der SCK anklopfte und ihn zu sich holte. Nebenbei studiert Berisha Jus an der Uni Zürich und würde mit seiner bodenständigen und vernünftigen Art hervorragend ins Gefüge FCSG passen. Für einen Betrag zwischen 300'000 und 600'000 Franken wäre der Innenverteidiger zu haben – die Espen sollten zuschnappen.

Andere Transfermöglichkeiten wären etwa Mirza Mujcic (26) vom FC Schaffhausen oder Joel Schmied (22) vom FC Vaduz.


Der FCSG präsentiert sich im Vergleich zu der letzten Saison auf den defensiven Aussenbahnen deutlich weniger bissig und antriebsstark. Verständlich nach dem Abgang von ex-Captain Silvan Hefti (23) zu den Young Boys. Während auf links Miro Muheim (22) seinen Job bis zu seiner Verletzung sehr gut erledigte, fehlt auf rechts mit Eigengewächs Alessandro Kräuchi (22) eine ähnliche Dynamik und Durchschlagskraft. Zwar macht Kräuchi seine Sache sicher nicht verkehrt, jedoch merkt man ihm an, dass es seine erste Saison als Stammkraft ist. Hie und da zeigt er sich zu zögerlich, zu kompliziert oder zu wenig entschlossen, so fällt auf der rechten Aussenbahn der Hefti-Abgang sehr schwer ins Gewicht. Mit Euclides Cabral (22, links) und Nicolas Lüchinger (26, rechts) verfügt man über zwei gute Alternativen, jedoch kehrt Lüchinger aus einer langen Verletzung zurück und wird noch keine Soforthilfe sein. Wir wollen uns daher mit einer RV-Alternative beschäftigen, die den FCSG auf dieser Position direkt verbessern kann.


Phil Neumann, 23: Holstein Kiel – Aussenverteidigung

Für Schweizer Fussballfans eine wohl unbekannte Personalie ist Phil Neumann von Holstein Kiel aus der zweiten Bundesliga. In der letzten Saison mehrheitlich Stammspieler, verlor der 10-fache Deutsche U20-Nationalspieler seinen Platz im DFB-Pokal-Überraschungsteam, das jüngst den FC Bayern rauskegelte. 2020/21 bringt es der 1,92m-Hühne auf gerade mal fünf Einsätze in der Liga. Für einen Spieler seines Potentials natürlich deutlich zu wenig. Neumann stammt aus der Schalker Knappenschmiede und wechselte nach starken Jahren bei Ingolstadt zu Holstein Kiel. Ihn zeichnet eine grosse Zweikampffreude (2019/20 im Schnitt 22 Duelle pro Partie), eine tolle Dribblingquote (74%) und eine hohe Offensivpassrate (18 pro Partie) aus. Ausserdem bringt Neumann eine extrem hohe Geschwindigkeit und – dank der Physis von 1,92m ein beeindruckendes Durchsetzungsvermögen mit. Neumann ist bei Kiel ausser Rang und Traktanden gefallen, bringt aber alle Anlagen mit, um ein hervorragender Aussenverteidiger zu werden. Beim FC St. Gallen böte sich ihm die Chance, die Karriere neu zu lancieren. Dank Tempo und Einsatzfreude würde er überdies perfekt in Peter Zeidlers hochintensiven Pressingfussball passen. Phil Neumann wäre ein sinnvoller und sehr vielversprechender Transfer der Espen, der die defensive Aussenbahn sofort auf ein neues Level heben würde. Das beste Modell wäre wohl eine Leihe mit Kaufoption.

Weitere passende RV-Transferkandidaten wären vielleicht Raoul Giger (23, FC Aarau) oder Johannes Dörfler (24, SC Paderborn 07).


Mittelfeld

Im Zentrum ist der FC St. Gallen extrem gut aufgestellt. Lukas Görtler (26) bringt Aggressivität und Zweikampfstärke ins Spiel, Victor Ruiz (27) steht für technische Klasse und Eleganz, Basil Stillhart (26) ist durch seine läuferischen Qualitäten sehr wertvoll für Zeidlers Offensivpressing und Jordi Quintilla (27) zieht als Dirigent aus der Tiefe alle Fäden. Dahinter stehen dem FCSG mit Tim Staubli (20) und Salifou Diarrassouba (19) zwei junge Talente zur Verfügung. Verstärkung braucht es nominell eigentlich keine. Jedoch ergäbe es Sinn, so früh wie möglich potentielle Abgänge aufzufangen. Quintillas Vertrag läuft im Sommer aus, die Wahrscheinlichkeit, dass es ihn ins Ausland zieht, ist hoch. Auch für Lukas Görtler dürfte es genug Interessenten geben. Wir sehen uns daher nach einem jungen und entwicklungsfähigen Mittelfeldspieler um, dessen Zuzug als Vorgriff auf theoretische Sommerabgänge begriffen wird.


Lorik Emini, 21: FC Luzern – Zentrales Mittelfeld

Zugegeben: Ein Transfer von FCL-Youngster Lorik Emini ist ambitioniert. In der Rückrunde der letzten Saison erfolgte sein Durchbruch in der Super League. Mit tollen Leistungen im Mittelfeld begeisterte Emini die Fussballschweiz. Als bissiger Terrier im Zentrum liegen seine Stärken vor allem in der Balleroberung und im Umschaltspiel. Zwar ist er kein geborener Regisseur wie Jordi Quintilla, weiss aber dennoch etwas mit dem Ball anzufangen. Robust und konsequent in der Zweikampfführung und mit gutem Auge und genauen Pässen in die Spitzen, bringt er ein tolles Gesamtpaket mit. Der FCSG hätte mit Emini einen Trumpf in der Hinterhand, sollten sich die Reihen im Mittelfeld nächsten Sommer lichten. Ausserdem besässe man einen der vielleicht talentiertesten jungen Schweizer Fussballer, der in den nächsten Jahren noch grosse Entwicklungssprünge hinlegen wird. Talentflüsterer Zeidler könnte aus Emini das nächste "grosse Ding" formen, so wie es ihm u.a. mit Cedric Itten (24), Miro Muheim (22), Leonidas Stergiou (18) oder Silvan Hefti (23) gelungen ist.


Das Luzerner Eigengewächs hat in dieser Saison einen schweren Stand und kam erst zu acht Ligaeinsätzen von denen gerade mal zwei über 90 Minuten dauerten. Emini wäre einer Luftveränderung daher kaum abgeneigt. Der FCSG hat sich als herovorragende Adresse für junge Spieler bewährt und wäre für den gebürtigen Zuger sicher reizvoll.

Der FC Luzern hingegen dürfte kaum Gefallen daran finden, sein Eigengewächs an einen Liga-Konkurrenten zu verkaufen. Auf der anderen Seite hat der FCL mit Marvin Schulz (26), Tsiy Ndenge (23), Filip Ugrinic (22), Alex Carbonell (23), Tyron Owusu (17) und den jüngst von Feyenoord Rotterdam in die Swisssporarena gelotsten Jordy Wehrmann (21) eine extrem breite Personaldecke im Mittelfeld.

Billig würde Emini sicher nicht werden ganz unrealistisch scheint ein Transfer aber dennoch nicht. Für die Espen würde es sich lohnen, für das Juwel in die Tasche zu greifen. Was auch immer man bezahlen müsste – Emini wäre es sicher wert, und käme in ein paar Jahren für einen Millionenwechsel ins Ausland in Frage.

Billigere Alternativen zu Lorik Emini wären bspw. Bahadir Yesilçayir (22) vom SC Kriens oder Mats Hammerich (22) vom FC Aarau.


Angriff

Die Offensive war 2019/20 natürlich das Prunkstück der Espen ganze 79 Tore erzielte man. 33 davon gingen auf das Konto des Sturmduos Cedric Itten (24) und Ermedin Demirovic (22). Heuer ist der Angriff das Sorgenkinds der Ostschweizer. Gerade mal 18 Saisontore haben die St. Galler bislang erzielt. Neuzugang Kwadwo Duah (23) ist mit 5 Toren der vereinsinterne Topscorer. Mit seinem Tempo, seinen Dribblings und seiner Dynamik ist er eine Waffe, kann die Last alleine aber nicht tragen. Keiner aus dem Quintett Thody Elie Youan (21, 2 Saisontore), Boris Babic (23, 1 Tor), Jérémy Guillemenot (23, 1 Tor), André Ribeiro (23, 1 Tor) und Florian Kamberi (25, 0 Tore, mittlerweile an Aberdeen verliehen) konnte wirklich überzeugen. An der Quantität fehlt es im Sturmzentrum nicht, eher an der Qualität. Während Duahs Tempo und Dynamik Demirovics Spritzigkeit und Aggressivität einigermassen kompensiert, konnte kein wirklicher Ersatz für Cedric Ittens Physis und Wasserverdrängung gefunden werden. Wir halten demnach Ausschau nach einem physisch starken Stürmer, der neben Kwadwo Duah in der Doppelspitze sofort als Stammspieler auflaufen kann.


Ivan Prtajin, 24: FC Schaffhausen – Sturm

Fündig werden wir in der Challenge League beim Überraschungsteam aus Schaffhausen. Die Munotstädter wissen mit dem ehemaligen Kroatischen U19-Nationalspieler einen der treffsichersten Stürmer der Liga in ihren Reihen. In 16 Spielen traf Prtajin 9 mal und weist einen Torschnitt von 0.58 pro Partie auf. Mit 1,89m erfüllt er das Kriterium der Wasserverdrängung bestens. In der Luft ist Prtajin eine Macht, er steigt im Schnitt in 9 Luftduelle und hat bereits 4 Tore per Kopf erzielt. Mit seiner Physis kann er die gegnerischen Verteidiger ununterbrochen beschäftigen. Überdies ist Prtajin der perfekte Zielspieler und kann mit hohen Bällen und Flanken bedient werden. Bei schnellen Gegenstössen könnte der Kroate zudem lange Pässe per Kopf weiterleiten oder mit seinem Körper abschirmen, ehe mit einem Pass in die Tiefe der pfeilschnellen Kwadwo Duah bedient werden könnte. Ein ganz banales Modell, das der FCSG in dieser Saison aufgrund er fehlenden Physis im Sturm aber kaum erfolgsbringend ausspielen konnte. Ivan Prtajin könnte sich für die Espen als absolutes Schnäppchen entpuppen und dürfte auch nicht zu teuer werden. Nach seinen starken Leistungen in der Challenge League wäre er definitiv heiss auf die Super League und könnte das Puzzleteil in der St. Galler Offensive werden, das bislang gefehlt hat.

Alternativen zu Prtajin wären vielleicht Prtajins uruguayanischer Teamkollege und Sturmpartner Rodrigo Pollero (24) oder eine Ausleihe von Tolu Arokodare (20) vom 1. FC Köln.